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Ein neues Gleichgewicht

03.06.2026 Der Wald war schon immer ein Symbol für Ruhe und Beständigkeit. Forstliche Eingriffe verändern sein Erscheinungsbild mancherorts stark. Ein Spaziergang mit zwei Waldwissenschaftlern der BFH-HAFL zeigt: Zwischen natürlicher Dynamik und menschlichen Eingriffen entsteht ein neues Gleichgewicht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Natürliche Dynamik und menschliche Eingriffe formen gemeinsam den Wald und führen zu einem neuen Gleichgewicht.

  • Klimawandel und Störungen beschleunigen natürliche Prozesse und machen Veränderungen im Wald schneller sichtbar.

  • Vielfalt der Ansätze in der Waldbewirtschaftung schafft ein robustes Mosaik, das den Wald auf eine ungewisse Zukunft vorbereitet.

Es riecht nach Harz und nach Erde. Auf dem Weg durch den Wald kommen wir immer wieder an grossen Poltern mit frisch geschlagenem Holz vorbei. Zwischen den Stämmen liegt Sägemehl, das vom nächtlichen Regen noch leicht feucht ist. Die Forstwarte waren in den vergangenen Monaten am Werk.

Noch sind mancherorts die Spuren der Forstmaschinen zu erkennen. Doch was wir sehen, sind nicht Zeichen dafür, dass der Wald «aus dem Takt geraten» ist, erklären die beiden Waldwissenschaftler der BFH-HAFL, welche den Spaziergang begleiten. Diese Waldarbeiten seien vielmehr Ausdruck der Differenz zwischen unseren Ansprüchen an den Wald und dem langsamen, eigenen Rhythmus des Waldes.

Muss viele Ansprüche erfüllen: der Schweizer Wald.
Muss viele Ansprüche erfüllen: der Schweizer Wald.

«Der Wald wird sich auch ohne diese Eingriffe an neue Voraussetzungen anpassen – das steht ausser Frage», sagt Thibault Lachat, Professor für Waldökologie an der BFH-HAFL. «Da wir aber vom Wald auch Leistungen beziehen – hier im Schweizer Mittelland vor allem Holz – greifen wir ein, um die Zyklen des Waldes zu beschleunigen.»

Zeit – im Wald bedeutet das Jahrzehnte, oft Jahrhunderte. Für Försterinnen und Förster sind lange Zeitspannen von 80 oder 120 Jahren Alltag. Ein Baum, der heute gepflanzt wird, wird meistens von der nächsten Generation geerntet.

Heute beschleunigt der Klimawandel vieles. Trockenheit, Stürme, Schädlinge – all das wirkt wie ein Metronom, das schneller schlägt. Der natürliche Rhythmus gerät unter Druck, und was früher allmählich geschah, passiert nun in spürbar kürzeren Intervallen. Der Wald, sonst Sinnbild für Beständigkeit, wird zu einem Ort, an dem Veränderungen in kurzer Zeit sichtbar und unausweichlich werden.

Der Wald als Dauerbaustelle?

Ein paar Schritte weiter wurde der Wald etwas grossflächiger ausgelichtet. Wo einst ein geschlossener Bestand war, fällt nun Sonnenlicht ungehindert auf den Waldboden. Brombeeren und Farn treiben bereits aus, dazwischen stehen vereinzelte Jungbäume.

«Eichen brauchen viel Licht und Platz», erklärt Holger Griess, Dozent für forstliche Verfahrenstechnik an der BFH-HAFL, Gründe für den Eingriff, der hier vorgenommen worden ist. «Man kann den Wald schon sich selber überlassen. Doch kann er dann wichtige Leistungen verlieren, auf die wir angewiesen sind», sagt Holger Griess und spricht dabei etwa vom Schutzwald im Gebirge – der in der Schweiz ungefähr die Hälfte der Waldfläche ausmacht und eine zentrale Rolle spielt.

Der Wald ist also nicht nur Ökosystem, sondern auch eine Art Infrastruktur. Und hier entsteht gelegentlich Spannung: zwischen natürlichem Takt und menschlichen Ansprüchen.

Man kann den Wald schon sich selber überlassen. Doch kann er dann wichtige Leistungen verlieren, auf die wir angewiesen sind.

  • Holger Griess Dozent für forstliche Verfahrenstechnik, BFH-HAFL
Der Waldökologe Thibault Lachat untersucht Totholz. (Bild: Reto Baula)
Der Waldökologe Thibault Lachat untersucht Totholz. (Bild: Reto Baula)

Totholz schafft Lebensraum

Ein umgestürzter Baum liegt am Weg, halb vermodert, von Pilzen besiedelt. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein Zeichen von Verfall, ein Opfer des Borkenkäfers oder der Trockenheit. Für Thibault Lachat ist er jedoch ein Gewinn. «Wenn Buchen absterben, denke ich: Super, hier entsteht gerade ein neuer Lebensraum für Käfer, die auf solches Totholz angewiesen sind», sagt er und streicht über die bröckelige Rinde.

Borkenkäfer, Stürme, Trockenheit, die auf die Bäume wirken – all das sind aus ökologischer Sicht keine Katastrophen, sondern Teil der natürlichen Dynamik. Sie schaffen Raum für Neues, für Vielfalt. Noch vor hundert Jahren waren viele Wälder in einem deutlich schlechteren Zustand als heute: leergeräumt, intensiv genutzt, kaum Totholz. Mittlerweile hat der Anteil an alten Bäumen und abgestorbenem Holz stark zugenommen – für die Biodiversität ein Segen.

Die Kunst des richtigen Eingriffs

Zurück zur forstwirtschaftlichen Pflege des Waldes. Was den Umfang und die Häufigkeit von forstlichen Massnahmen angeht, sind sich die beiden Waldwissenschaftler einig: Es gibt nicht die eine richtige Strategie.

Manche Forstleute greifen aktiv ein, pflanzen neue Baumarten, entfernen empfindliche Bestände. Andere lassen mehr Raum für natürliche Prozesse und beobachten erst, bevor sie handeln. Und einige experimentieren gerne. «Alles spricht aktuell für eine Vielfalt von Ansätzen», sagt Holger Griess.

Genau diese Vielfalt ist selbst eine Art Rhythmus – ein Mosaik unterschiedlicher Zustände. Hier Naturverjüngung, dort gezielte Pflanzung. Mischbestände, die sich gegenseitig stabilisieren, falls eine Artenkombination den Klimastress besser übersteht als eine andere.

Forstexperte Griess spricht vom «Portfolio-Ansatz». Statt auf eine einzige Lösung zu setzen, wird experimentiert: verschiedene Baumarten, unterschiedliche Altersklassen, neue Pflanzmethoden. Der Wald wird zum Versuchsfeld, gleichzeitig aber auch zum Archiv wertvoller Erkenntnisse aus früheren Eingriffen. Denn sicher ist nur eines: Die Zukunft ist ungewiss.

Holger Griess, Dozent für forstliche Verfahrenstechnik, erklärt die Verwendung von Thuja-Holz.
Holger Griess, Dozent für forstliche Verfahrenstechnik, erklärt die Verwendung von Thuja-Holz.

Die Zeit läuft uns davon

Wie also wird der Wald in 50 Jahren aussehen – angesichts des Klimawandels? Die meisten Szenarien gehen in dieselbe Richtung: Fichten könnten vielerorts verschwunden sein und Laubbäume dominieren: Eichen, Ahorn, Hainbuchen – vielleicht auch Arten, die wir heute kaum kennen oder die erst durch den Klimawandel konkurrenzfähig werden, wie Holger Griess sagt.

Und Arten, die heute noch als Hoffnungsträger gelten, könnten dann bereits wieder verschwunden sein. So hat man zum Beispiel vor rund 20 Jahren auf die Esche als Baum der Zukunft gesetzt. Heute sieht man diese Baumart kaum noch; eine eingeschleppte Krankheit hat ganze Bestände vernichtet.

Deshalb wollen und können weder Thibault Lachat noch Holger Griess genauere Prognosen abgeben. «Zu viele Faktoren spielen hinein», sagt Lachat. Klimaverlauf, neue Krankheiten, Extremereignisse – alles hängt zusammen. «Wir haben keine Zeit mehr, auf perfekte Lösungen zu warten, um den Wald für die Zukunft bereit zu machen», ergänzt Griess. «Wir müssen jetzt handeln und gleichzeitig offen bleiben.» Dazu gehören Experimente und «manchmal funktionieren gerade jene Ansätze, denen man es zunächst nicht zugetraut hätte».

Zwischen Erholung und Realität

Ein Jogger läuft vorbei und verschwindet schon bald zwischen den Bäumen. Für viele ist der Wald ein Ort der Erholung. Veränderungen werden oft als Verlust wahrgenommen – etwa wenn alte Bäume verschwinden oder Lichtungen entstehen. Unser Spaziergang zeigt: Wandel gehört zum System. Der Wald wächst und entwickelt sich – in seinem eigenen Tempo.

Wir bleiben stehen. Ein dunkler Fichtenbestand liegt vor uns. Ein Eichelhäher krächzt, eine Amsel sucht nach einem Wurm. Kaum zu glauben, dass solche Bestände im Mittelland bald selten sein werden. «Der Mensch ist nicht gut darin, Veränderungen wahrzunehmen, die zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht klar erkennbar sind», sagt Holger Griess. Der Klimawandel beschleunigt zudem Prozesse und zwingt uns zu Entscheidungen. Und doch wird sich ein neuer Rhythmus einstellen.

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