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«Die neuen Berufsrollen werden zunehmend ausserhalb der Spitäler arbeiten»
06.03.2026 Anja Hermann ist seit rund 40 Jahren im Gesundheitswesen tätig. Nun – kurz vor ihrer Pensionierung – schaut sie zurück auf die Entwicklung ihres Berufsfelds, die grossen Trends und wagt einen Blick in die Zukunft.
Das Wichtigste in Kürze
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Ökonomisierung, kürzere Spitalaufenthalte und Akademisierung haben Tempo und Professionalisierung im Gesundheitswesen stark erhöht.
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Advanced Practitioners sichern die Versorgungskontinuität und arbeiten künftig vermehrt ambulant sowie an Schnittstellen zu Digitalisierung und Forschung.
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Für die jungen AP-Rollen braucht es Fachpersonen, die ihre Kompetenzen sichtbar machen und sich berufspolitisch engagieren.
Anja Hermann, wenn Sie zurückschauen auf Ihre Karriere im Gesundheitswesen: Was hat sich am meisten verändert?
Das Gesundheitswesen war schon immer dynamisch, doch in den letzten 20 Jahren hat sich das Tempo deutlich erhöht. Mit der Einführung der Fallkostenpauschalen ist der finanzielle Druck gestiegen. Patientinnen und Patienten bleiben kürzer im Spital und kehren schneller nach Hause zurück. Dadurch nimmt der Turnover in der Versorgung zu – und damit auch der Arbeitsdruck.
Parallel dazu hat sich der Fokus stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen verschoben. Die personzentrierte Versorgung führt dazu, dass Behandlungen gezielter erfolgen, weil die verfügbare Zeit begrenzt ist. Gleichzeitig hat die Akademisierung der Gesundheitsberufe die Professionalisierung und Autonomie – insbesondere in der Pflege – gestärkt. Neue Rollen wie Advanced Practice Nurses sind Ausdruck dieser Entwicklung und gewinnen angesichts einer älter werdenden, multimorbiden Bevölkerung zunehmend an Bedeutung.
Welche Rolle spielen Advanced Practitioners (APs) bei dieser Entwicklung?
Advanced-Practice-Rollen leisten einen wichtigen Beitrag zur Kontinuität der Versorgung – insbesondere im Kontext der integrierten Versorgung, der Ambulantisierung und der Vermeidung unnötiger Spitaleintritte. Es ist zentral, dass diese Menschen in der Versorgung sichtbar und nicht versteckt im Büro sind. Gleichzeitig brauchen wir mehr APs, die Praxis, Bildung und Forschung verbinden und die Brücke zwischen Hochschule und Praxis stärken.
Gibt es Modelle im Ausland, von denen wir lernen können?
Im skandinavischen Raum beeindrucken mich die grossen Gesundheitszentren, in denen Pflege, Medizin, Therapien und Sozialdienste unter einem Dach zusammenarbeiten. Sie dienen als zentrale Anlaufstellen für die Bevölkerung. Solche Modelle könnten auch in der Schweiz helfen – insbesondere in Regionen mit Versorgungsengpässen.
Zur Person: Anja Hermann
Anja Hermann ist stellvertretende Direktorin Pflege/MTT am Universitätsspital Basel und leitet die Abteilung Praxisentwicklung und Forschung. Nach rund 40 Jahren in unterschiedlichen Funktionen am Universitätsspital Basel geht sie in diesem Jahr in Pension.
Wie werden sich Gesundheitsberufe in Zukunft entwickeln?
Die neuen Berufsrollen im Gesundheitswesen werden zunehmend ausserhalb der Spitäler arbeiten. Modelle wie «Hospital at Home» zeigen diese Entwicklung bereits. Advanced Practitioners werden dabei eine zentrale Funktion übernehmen.
Ein weiterer Treiber ist die Digitalisierung. Ich hoffe, dass KI-gestützte Systeme administrative Aufgaben reduzieren und so den Gesundheitsfachleuten mehr Zeit für Patientinnen und Patienten geben. Gleichzeitig entstehen neue Rollen an der Schnittstelle zwischen Fachpraxis und IT, etwa Chief Nursing Information Officers, die Innovation, Digitalisierung und klinische Expertise verbinden.
Was raten Sie jungen Menschen, die zu Beginn ihrer AP-Karriere stehen?
Advanced-Practice-Rollen sind in der Schweiz noch Pionierrollen. Es braucht deshalb Fachpersonen, die ihre Kompetenzen erklären, sichtbar machen und sich auch politisch engagieren. Gerade in einer Phase, in der gesetzliche Grundlagen entstehen, ist dieses Engagement entscheidend.
Würden Sie sich wieder für einen Gesundheitsberuf entscheiden?
Die Pflege ist ein ausserordentlich vielseitiger Beruf mit grossen Entwicklungsmöglichkeiten – fachlich wie persönlich. Und das gilt für alle Gesundheitsberufe. Kaum ein anderes Berufsfeld bleibt über Jahrzehnte hinweg so wandelbar und spannend. Darum ja, ich würde mich wieder für einen Gesundheitsberuf entscheiden.
Professionsentwicklung im Gesundheitswesen
Professionsentwicklung ist zentral für die Qualität, Attraktivität und Zukunftsfähigkeit der Gesundheitsversorgung. Sie zeigt sich im beruflichen Alltag, wenn Fachpersonen ihr Handeln reflektieren, neues Wissen umsetzen und ihre Rollen weiterentwickeln. Gleichzeitig betrifft sie die Professionen als Ganzes: die Klärung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die Entwicklung von Standards und die Stärkung professioneller Identität. Dabei stellt sich die Frage, wie individuelles Lernen und kollektive Entwicklungen zusammenspielen. Wir geben Einblick in Forschungsprojekte, Weiterbildungsangebote und Praxisbeispiele und zeigen, wie Professionsentwicklung im Gesundheitswesen konkret gelebt und weitergedacht wird.