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Klimawandel: Lieber Symptome bekämpfen als die Ursachen?
04.09.2026 Nach dem Hitzesommer diskutiert die Schweiz intensiv über Klimaanpassung. Die Ursachenvermeidung dagegen steht eher im Hintergrund. Warum, erklärt Verhaltensökonomin Prof. Dr. Sabrina Stöckli.
Das Wichtigste in Kürze
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In der aktuellen Diskussion steht die Anpassung an Hitzeperioden im Vordergrund. Ihre Vermeidung, also die Reduktion von Treibhausgasen, erfährt weniger Beachtung.
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Warum dies so ist, lässt sich auch mit Erkenntnissen der Verhaltensökonomik erklären. Die Klima-Anpassung ist demnach konkreter, unmittelbarer, der eigene Beitrag und sein Nutzen besser greifbar.
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Ökonomische Mechanismen könnten jedoch auch in Richtung mehr Klimaschutz wirken. Dies zum Beispiel, wenn Hitzeperioden zu höheren Preisen führen oder Anpassung nicht mehr möglich ist
Klimaanlagen, Wasserstrategie, Siesta-Kultur: Nach den rekordheissen Wochen im Sommer 2026 mangelt es nicht an Ideen, wie sich die Schweiz für kommende Hitzeperioden rüsten kann. Eigentümlich still blieb es dagegen vor allem zu Beginn der Diskussion um die Reduktion von Treibhausgasen. Dabei zeigt eine aktuelle Studie der ETH Zürich, dass die Vermeidung der Klimaerwärmung deutlich billiger kommt als die spätere Anpassung an ihre Folgen.
Verhaltensökonomin Prof. Dr. Sabrina Stöckli von der BFH forscht zu Themen an der Schnittstelle von Nachhaltigkeit und Konsumverhalten. Sie ordnet die aktuellen Entwicklungen ein.
Offensichtlich beschäftigen wir uns lieber mit dem Gedanken, wie wir uns an die Klimaerwärmung anpassen, als mit der Reduktion von Treibhausgasen. Warum ist das so?
Wir alle waren in diesem Sommer unmittelbar mit der Notwendigkeit zur Klima-Anpassung konfrontiert. Wenn es heiss ist, spüren wir die Folgen direkt und wollen darauf reagieren. Die Anpassung ist also konkreter und unmittelbarer als die Ursachenbekämpfung. Bei der Reduktion von Treibhausgasen sind die Kosten dagegen heute spürbar, während der Nutzen schlecht greifbar ist und in der Zukunft liegt.
Über die Interviewpartnerin
Seit März 2025 ist Sabrina Stöckli Professorin für Social Marketing an der Berner Fachhochschule. Sie forscht und lehrt in den Bereichen Konsumpsychologie, Verhaltensänderungen und Social Marketing im Kontext von gesundheits- und umweltbezogenem Verhalten.
Ihre Forschung beschäftigt sich insbesondere damit, wie und warum Menschen ihr Verhalten verändern und wie solche Veränderungen durch gezielte Interventionen gefördert werden können – etwa zur Reduktion von Lebensmittelverschwendung oder zur Förderung von umweltfreundlichen und gesunden Ernährungsentscheidungen.
Das heisst, der Zeithorizont spielt eine Rolle?
Richtig. Was heute passiert und unmittelbar spürbar ist, hat für uns psychologisch mehr Gewicht als ein möglicher Nutzen in der Zukunft. Bei der Anpassung ist die Wirkung direkt erkennbar, während die Reduktion von Treibhausgasen über viele verschiedene Schritte und Verhaltensweisen wirkt. Diese Komplexität macht es schwerer, den Nutzen zu sehen und daraus eine unmittelbare Handlungsmotivation und konkretes Verhalten abzuleiten.
Beim Kauf einer Klimaanlage profitiere ich selber, wenn ich auf Flugreisen verzichte, tue ich etwas für die Allgemeinheit. Wie wirkt das auf die Motivation?
Bei der Klimaanlage ist der Nutzen unmittelbar und persönlich: Ich zahle, und mir wird es kühler. Bei der Treibhausgas-Vermeidung trage ich dagegen Kosten, während der Nutzen allen zugutekommt – auch jenen Personen, die selbst wenig beitragen. Das ist das klassische Trittbrettfahrerproblem: Warum soll ich verzichten, wenn andere es nicht tun? Zudem ist der eigene Beitrag bei der Reduktion viel weniger direkt spürbar, was die Motivation zusätzlich erschwert.
Mit teils umstrittenen Aktionen und mitunter drastischer Rhetorik generierte die Klimabewegung während einiger Zeit viel Aufmerksamkeit. Wie müsste über den Klimaschutz kommuniziert werden, um die Menschen auch wirklich zu gewinnen?
Das ist schwieriger, als es klingt. Vieles wurde schon versucht, von moralischen Appellen bis zu positiven Zukunftsbildern. Klimaschutz bedeutet, sich mit Kosten, Verzicht und Verteilungsfragen auseinanderzusetzen. Selbstwirksamkeit bleibt sicher ein zentrales Element: Menschen müssen das Gefühl haben, dass ihr Handeln etwas bewirkt. Ein wirkungsvolles Klima-Narrativ sollte weder Angst schüren noch falsche Hoffnung vermitteln, sondern glaubwürdig zeigen, wo Handeln tatsächlich etwas verändert.
Die Möglichkeiten der Klimaanpassung sind begrenzt, wenn wir etwa an die Unterbrechung von Lieferketten durch die Trockenheit im Rhein denken. Wird schlussendlich wirtschaftlicher Druck mehr für den Klimaschutz bewirken als sämtliche Appelle?
Ich glaube, wirtschaftliche Anreize und konkrete Schäden können durchaus direkter Druck erzeugen als moralische Appelle. Wenn Klimafolgen unmittelbar auf Preise, Ernten oder Lieferketten durchschlagen, wird das Problem für viele spürbar. Aber auch hier gilt: Das wird nicht automatisch zu mehr Klimaschutz führen – der Druck kann genauso gut auf noch mehr Anpassung hinwirken. Entscheidend ist, ob Klimaschutz als wirtschaftlich und persönlich sinnvoll und nicht nur als moralische Pflicht wahrgenommen wird.