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KompetenzKompass: Lernen in der Praxis sichtbar machen
27.03.2026 Die klinische Ausbildung in Form der Praktika ist ein zentraler Bestandteil des Pflege-Studiums. Studierende erweitern und vertiefen dabei ihre Kompetenzen in unterschiedlichen Versorgungssettings der Pflege. Das Projekt «KompetenzKompass» hat die Kompetenzentwicklung während der Praktika sichtbar gemacht.
Das Wichtigste in Kürze
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Der «KompetenzKompass» macht die Kompetenzentwicklung von Pflegestudierenden während der Praktika systematisch messbar.
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Mithilfe von praxisnahen Fallbeispielen aus der klinischen Pflege werden Fach-, Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenzen vor und nach dem Einsatz erfasst.
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Die Ergebnisse fördern gezielte Lernplanung und die Weiterentwicklung der klinischen Ausbildung.
In der Gesundheitsversorgung steigt der Pflegebedarf und gleichzeitig nimmt die Komplexität der Pflegesituationen zu. Um unter diesen Bedingungen eine qualitativ hochwertige Pflege sicherzustellen, ist eine entsprechend anspruchsvolle Ausbildung erforderlich. Angehende Pflegefachpersonen absolvieren als Teil ihres Studiums mehrwöchige Praktika in der klinischen Praxis. Die inhaltlichen und formalen Anforderungen an diese Praktika sind definiert, unterscheiden sich jedoch je nach Ausbildungsstand.
Die Evaluation der Praktika erfolgt bislang überwiegend in Form pauschaler Zufriedenheitsbefragungen im Nachgang. Als grosser Ausbildungsbetrieb im Kanton Bern verfolgt die Insel Gruppe das Ziel, die Qualität der klinischen Ausbildung differenzierter und objektiver zu erfassen. Ein geeignetes Instrument dafür fehlte bisher jedoch.
Das Pilotprojekt «KompetenzKompass»
Im Pilotprojekt «KompetenzKompass», das im Rahmen der Akademie-Praxis-Partnerschaft zwischen der Berner Fachhochschule (BFH) und der Insel Gruppe durchgeführt wurde, wurden ein Konzept, ein Instrument sowie ein Prozess zur Erfassung der im Praktikum erbrachten Ausbildungsleistung entwickelt und erprobt. Ziel war es, mittels eines quantitativ fundierten Verfahrens den Kompetenzzuwachs nach Abschluss der Praktika sichtbar zu machen. Dadurch soll die Ausbildungsqualität systematisch dargestellt und langfristig monitoriert werden. Zudem lassen sich mithilfe des «KompetenzKompass» gezielte Massnahmen zur Optimierung der Praktika ableiten. So können die Ausbildungsstätten die klinische Ausbildung weiterentwickeln und angehende Pflegefachpersonen auf ihrem Weg zur eigenverantwortlichen Berufsausübung in geeigneter Weise unterstützen.
Wissenschaftliche Grundlagen zur Kompetenzmessung
Im Zentrum des Projekts steht die Messung der Kompetenz, verstanden als Kombination von Fähigkeiten, Fertigkeiten und persönlichen Eigenschaften zur Bewältigung komplexer Situationen. Als theoretische Grundlage dient das Handlungskompetenzmodell des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) mit den Dimensionen Fach-, Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenz.
Die Evaluation basiert auf Situational-Judgement-Tests (SJT), einem Assessment-Instrument, das realitätsnahe Szenarien nutzt, um Kompetenzen zu bewerten. Die SJT nutzen praxisnahe Fallvignetten mit mehreren Handlungsoptionen. Keine Antwort ist per se falsch, die Optionen unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer Komplexität. Die Studierenden wählen jene Option, die ihrem aktuellen Ausbildungsstand am ehesten entspricht. Der Test beruht damit auf einer Selbsteinschätzung des Kompetenzstands. Zur Skalierung wurden das 5-Stufen-Modell von Dreyfus & Dreyfus (1980) sowie die berufspädagogische Adaption von Rauner (2002) herangezogen.
Mit dem KompetenzKompass können wir erstmals systematisch nachvollziehen, wie sich die Kompetenzen der Studierenden während eines Praktikums entwickeln. Diese Transparenz hilft uns bei der Begleitung der Studierenden und der Weiterentwicklung der klinischen Ausbildungspraxis.
Umsetzung in der Praxis
Zu Beginn und am Ende des Praktikums erfolgt eine Einschätzung zur Kompetenzentwicklung, anhand des Instruments «SkillsCheck». Die Differenz der Ergebnisse bildet die Entwicklung der Kompetenzen während des Praktikums ab. Das Instrument «SkillsCheck» wurde nach Entwicklung und Validierung der Fallvignetten in den letzten Monaten erstmals am Inselspital eingesetzt. Über 100 Studierende haben an der Erhebung teilgenommen. Monika Schäfer, Bereichsleiterin Aus- und Weiterbildung Gesundheitsberufe der Direktion Pflege der Insel Gruppe, ist vom Evaluationsansatz überzeugt: «Mit dem KompetenzKompass können wir erstmals systematisch nachvollziehen, wie sich die Kompetenzen der Studierenden während eines Praktikums entwickeln. Diese Transparenz hilft uns bei der Begleitung der Studierenden und der Weiterentwicklung der Ausbildungspraxis.» Zwischen Praktikumsbeginn und -ende zeigen sich in allen Kompetenzdimensionen konsistente Anstiege. Besonders ausgeprägt ist der Kompetenzzuwachs bei niedrigeren Semestern, während in höheren Semestern eine Konsolidierung auf höherem Niveau sichtbar wird.
Vergleich der Kompetenzen vor und nach dem Pflege-Praktikum
Mehrwert für Ausbildung und Praxis
Die Vignettenlogik des Instruments «Skillcheck» wurde von den Studierenden gut akzeptiert. Die Ergebnisse zu Praktikumsbeginn dienten als Grundlage für eine gezielte Planung der Kompetenzentwicklung während des Praktikums. Berufsbildner*innen und Studierende nutzten sie zudem zur gemeinsamen Reflexion und Ausrichtung individueller Lernziele. Das bestätigt Gesche Gleichner, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt: «Die Ergebnisse schaffen eine gemeinsame Grundlage für Gespräche über Lernen und Entwicklung. Studierende und Berufsbildner*innen sprechen damit über dieselben Kompetenzen – das stärkt die Qualität der Ausbildung und die professionelle Zusammenarbeit.»
Die Erhebungen wurden in die betrieblichen Prozesse integriert und ermöglichen eine gezielte Optimierung der klinischen Ausbildung. Das Projekt leistet damit einen Beitrag zur Qualitätsverbesserung und zur Attraktivität der Ausbildung im Sinne der Pflegeinitiative, die in ihrer ersten Phase eine Ausbildungsoffensive ist.
Anwendung in weiteren Bereichen
Der «KompetenzKompass» soll weiter ausgebaut werden und künftig auch in der Langzeit-, pädiatrischen und psychiatrischen Pflege eingesetzt werden. Gemeinsam mit weiteren Partnern sollen zusätzliche Fallvignetten erarbeitet werden, die praxisnahe Situationen aus den jeweiligen Settings abbilden und die relevanten Kompetenzanforderungen berücksichtigen.
Die Ergebnisse schaffen eine gemeinsame Grundlage für Gespräche über Lernen und Entwicklung. Studierende und Berufsbildner*innen sprechen damit über dieselben Kompetenzen – das stärkt die Qualität der Ausbildung und die professionelle Zusammenarbeit.
Professionsentwicklung im Gesundheitswesen
Professionsentwicklung ist zentral für die Qualität, Attraktivität und Zukunftsfähigkeit der Gesundheitsversorgung. Sie zeigt sich im beruflichen Alltag, wenn Fachpersonen ihr Handeln reflektieren, neues Wissen umsetzen und ihre Rollen weiterentwickeln. Gleichzeitig betrifft sie die Professionen als Ganzes: die Klärung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die Entwicklung von Standards und die Stärkung professioneller Identität. Dabei stellt sich die Frage, wie individuelles Lernen und kollektive Entwicklungen zusammenspielen. Wir geben Einblick in Forschungsprojekte, Weiterbildungsangebote und Praxisbeispiele und zeigen, wie Professionsentwicklung im Gesundheitswesen konkret gelebt und weitergedacht wird.