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Mangelernährung im ambulanten Setting – die Versorgungslücke nach dem Spitalaustritt

02.10.2026 Mangelernährung ist weit verbreitet, wird im ambulanten Setting jedoch häufig zu wenig beachtet, und Betroffene sind oft auf sich allein gestellt. Damit Mangelernährung früh erkannt und wirksam behandelt werden kann, braucht es sensibilisierte Fachpersonen, interprofessionelle Zusammenarbeit und neue Versorgungsmodelle.

Das Wichtigste in Kürze

  • Mangelernährung wird nach dem Spitalaustritt häufig nicht erkannt oder unzureichend weiterbehandelt.

  • Unbehandelt beeinträchtigt sie Muskelkraft, Selbstständigkeit und Lebensqualität und erhöht das Risiko für Komplikationen und Rehospitalisierungen.

  • Frühzeitiges Screening, koordinierte interprofessionelle Betreuung und neue digitale Versorgungsmodelle können die Versorgungslücke schliessen.

Beratungsgespräch bei Mangelernährung

«Im Spital war es einfacher als zu Hause.» Fachpersonen hören diesen Satz immer wieder von Menschen, die während eines Spitalaufenthaltes als mangelernährt diagnostiziert und damit entlassen werden. Für Patient*innen bedeutet dies zunächst eine Ernährungs- und Verhaltensumstellung. Bei schwereren Fällen bedarf es zudem einer enteralen oder parenteralen Ernährung und Patient*innen müssen ihr Leben neu organisieren, Verordnungen einholen, Kostengutsprachen beantragen, Material für ihre künstliche Ernährung bestellen, Termine koordinieren, sich mit verschiedenen Fachpersonen abstimmen und Angehörige einbeziehen. Neben den medizinischen Anforderungen kommen emotionale Belastungen, Unsicherheiten und die Empfehlung von Ernährungsänderungen hinzu. Mangelernährte Patient*innen in der ambulanten Versorgung stehen vor einem Berg von Aufgaben. Nicht immer sind sie dabei umfassend und interprofessionell betreut.

«Die Spitalentlassung markiert nicht das Ende der Ernährungstherapie. Sie ist der Übergang in eine Versorgungsphase, in der viele Betroffene plötzlich auf sich allein gestellt sind.»

  • Dr. Raphael Banz Chief Scientific Officer der Omanda AG

Besonders deutlich werden diese Herausforderungen beim Übergang vom stationären in den ambulanten Bereich. «Die Spitalentlassung markiert nicht das Ende der Ernährungstherapie», erklärt Dr. Raphael Banz, Chief Scientific Officer der Omanda AG. «Vielmehr ist sie der Übergang in eine Versorgungsphase, in der viele Betroffene plötzlich auf sich allein gestellt sind.» Damit eine bedarfsgerechte Ernährung zu Hause sichergestellt werden kann, brauche es fachliche Unterstützung und eine koordinierte Begleitung.

Ein häufiges, aber wenig sichtbares Problem

Mangelernährung betrifft Menschen aller Altersgruppen und Krankheitsbilder. Besonders häufig betroffen sind ältere Menschen sowie Personen mit chronischen Erkrankungen, darunter onkologische, pulmonalen oder kardiovaskuläre Erkrankungen. Im ambulanten Bereich wird das Risiko jedoch oft nicht erkannt. Internationale Untersuchungen zeigen je nach Patientengruppe und Erhebungsmethode relevante Prävalenzen, verlässliche Daten für die Schweiz fehlen bislang. Ein Grund dafür ist das fehlende oder unregelmässige Screening. Wird das Risiko nicht erkannt, kann keine Behandlung erfolgen. Zudem wird die Ernährungsberatung vielerorts noch zu wenig in die interprofessionelle Versorgung eingebunden. Eine Befragung von Gesundheitsfachpersonen im Rahmen des Projekts «Ernährungsmanagement in Care@home Settings» der Berner Fachhochschule (BFH) zeigte, dass rund ein Drittel der Befragten die ernährungstherapeutische Versorgung zu Hause als unzureichend beurteilt.

Folgen für Gesundheit und Lebensqualität

Die Auswirkungen einer Mangelernährung reichen weit über einen Gewichtsverlust hinaus. Betroffene verlieren Muskelmasse und Kraft, ihre Selbständigkeit nimmt ab und die Erholung nach einer Erkrankung verzögert sich. Untersuchungen in Schweizer Rehabilitationszentren zeigen, dass rund 36 Prozent der Patient*innen mangelernährt sind und diese nach Abschluss der Rehabilitation schlechtere funktionelle Werte und ein niedrigeres Körpergewicht aufweisen als gut ernährte Personen (Lehmann et al., 2025). Unbehandelt erhöht sich zudem das Risiko für Komplikationen, erneute Erkrankungen und Rehospitalisierungen, während Lebensqualität und Teilhabe im Alltag sinken. «In der kardiovaskulären Rehabilitation erleben wir regelmässig, dass Patientinnen und Patienten trotz erfolgreicher Behandlung ihrer Grunderkrankung nur langsam Fortschritte machen, weil eine Mangelernährung ihre Muskelkraft und Belastbarkeit beeinträchtigen kann», sagt Dr. med. Marvin Grossmann, Leiter der kardiovaskulären Rehabilitation am Inselspital Bern.

«In der kardiovaskulären Rehabilitation erleben wir regelmässig, dass Patientinnen und Patienten trotz erfolgreicher Behandlung ihrer Grunderkrankung nur langsam Fortschritte machen, weil eine Mangelernährung ihre Muskelkraft und Belastbarkeit beeinträchtigen kann.»

  • Dr. med. Marvin Grossmann Leiter der kardiovaskulären Rehabilitation am Inselspital Bern

Was brauchen Betroffene?

Damit die Behandlung gelingt, muss sich die Versorgung an der Lebenssituation der Menschen mit Mangelernährung orientieren. Diese wünschen sich verständliche Informationen, eine gute Koordination der beteiligten Fachpersonen sowie kontinuierliche Unterstützung über den Spitalaustritt hinaus. Gerade beim Übergang vom stationären in den ambulanten Bereich gehen wichtige Informationen verloren oder Unterstützungsangebote brechen weg. Für Marvin Grossmann ist deshalb klar: «Ein frühzeitiges Screening und eine gezielte Ernährungstherapie sind zentrale Bausteine einer erfolgreichen Rehabilitation. Entscheidend ist, dass die Betreuung nach dem Spitalaustritt nahtlos weitergeführt wird.» Besonders wichtig ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Hausärzt*innen, Ernährungsberatung, Pflegefachpersonen, Spitex und weiteren Berufsgruppen. Ernährung sollte dabei als integraler Bestandteil von Prävention und Therapie verstanden werden.

Auswahl an Empfehlungen für die Praxis bei Patient*innen mit Mangelernährung

  • Bewusstsein schaffen: Schulungsmaterialien und Informationen für Fachpersonen, Patient*innen und Angehörige bereitstellen.
  • Patient*innen ins Zentrum stellen: Flexible und digitale Beratungsangebote ermöglichen.
  • Strukturelle Voraussetzungen schaffen: Informationen zwischen allen beteiligten Fachpersonen besser austauschen, digitale Tools schaffen.
  • Interprofessionelle Zusammenarbeit stärken: Gemeinsame Schulungen und Pilotprojekte fördern.
  • Vorbeugen, erkennen, behandeln: Systematisches Screening bei Risikopatient*innen durchführen und frühzeitig die Ernährungsberatung einbeziehen.

Neue Versorgungsmodelle in der Entwicklung

Um diese Versorgungslücke zu schliessen, braucht es auch neue Versorgungskonzepte. Hier setzen aktuelle Forschungsprojekte der BFH und verschiedenen Praxispartnern an.

  • Im Projekt «Virtual Companion» mit dem Berner Reha Zentrum der Insel Gruppe und der ETH Zürich wird untersucht, wie eine KI-gestützte digitale Begleitung mangelernährte Patient*innen während der Rehabilitation und im Alltag unterstützen kann. Ziel ist es, die Bereitschaft zur nachhaltigen Lebensstiländerung zu fördern.
  • Das Projekt «Blended Nutrition Care at home» mit Omanda AG, dem Inselspital und der Klinik Barmelweid kombiniert persönliche Ernährungsberatung mit digitalen Angeboten. Die Verbindung aus Vor-Ort-Begleitung und digitalen Kontakten soll die Versorgung flexibler gestalten und die Betreuung auch im häuslichen Umfeld verbessern.

Ambulante Versorgung

Ambulante Versorgung verändert das Gesundheitswesen. Immer mehr Leistungen werden dort erbracht, wo Patient*innen leben und ihren Alltag verbringen. Das eröffnet Möglichkeiten, stellt Fachpersonen und Institutionen aber auch vor Herausforderungen. In unserer Serie zeigen wir, wie sich die ambulante Versorgung entwickelt und was es braucht, damit sie wirksam, koordiniert und nachhaltig ist. Wir geben zudem Einblick in Modelle, welche die BFH gemeinsam mit Praxispartnerschaften und mit Hilfe des Swiss Center for Care@home (SCC) pilotiert, implementiert und evaluiert.

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