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Mut zur Strukturreform: Drei Sozialdienste denken weiter

22.10.2026 Viele Sozialdienste im Kanton Bern wollen die Zusammenarbeit intensivieren. So auch die Sozialdienste Jegenstorf, Münchenbuchsee und Urtenen-Schönbühl. Sie haben die BFH beauftragt, die Situation zu analysieren und mögliche Kooperationsmodelle zu entwickeln. Nun haben die politischen Behörden grünes Licht für die Konkretisierung eines gemeinsamen «Sozialdiensts Bern-Nord» gegeben. Die zuständigen Gemeinderät*innen berichten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Gemeindeübergreifende Zusammenarbeit kann Sozialdienste stärken: Ein grösserer Personalpool hilft beispielsweise, personelle Ausfälle aufzufangen und spezialisiertes Wissen aufzubauen.

  • Eine sorgfältige Analyse schafft die Grundlage für tragfähige Lösungen: Die drei Gemeinden haben acht Kooperationsvarianten geprüft und sich für einen Zusammenschluss entschieden, der viel Synergien ermöglicht. 

  • Der Erfolg hängt von einem gemeinsamen, transpartenten Prozess ab: Zu den wichtigen Voraussetzungen für das Gelingen zählt unter anderem eine frühzeitige Einbindung von Mitarbeitenden, Politik und Bevölkerung. 

Welche Entwicklungen und Herausforderungen waren die Auslöser, um eine vertiefte Zusammenarbeit der drei Sozialdienste zu prüfen? Gab es einen Moment oder ein Ereignis, das gezeigt hat: «So wie bisher geht es langfristig nicht weiter?»

Matthias Gehrig: In unserem Sozialdienst hat der Work­load in den letzten Jahren deutlich zugenommen, gleichzeitig ist die Fluktuation eher hoch. Auch ein tragischer Todesfall im Team zeigte die Grenzen der Belastbarkeit auf. Stabilität und Kontinuität müssen auch künftig sichergestellt werden. Zudem werden Regulierungen komplexer und die Erwartungen an die Professionalität der Sozialdienste seitens des Kantons steigen. Auch die Fallsituationen sind anspruchsvoller geworden, insbesondere im Kinder- und Jugendbereich. Wir brauchen zunehmend Spezialist*innen.

Peter Stucki: Im Zusammenhang mit dem neuen Sozialhilfegesetz war lange von einer Erhöhung der Mindestgrösse der Sozialdienste die Rede. Das zeigte uns: Es ist besser, bereit zu sein, wenn solche Vorgaben kommen sollten. Wir möchten selbst entschieden, mit wem und in welcher Form wir zusammenarbeiten, und nicht auf Druck von aussen reagieren müssen. Ein Auslöser war bei uns auch die angespannte Fachkräftesituation. So konnten wir etwa längere Zeit die Stelle der Leitung der Administration nicht besetzen.

Karin Müller: Wenn wir nichts tun, passiert wohl kurzfristig nicht viel. Doch früher oder später muss in jedem Fall ein nächster Schritt in Richtung einer intensiveren Zusammenarbeit der Sozialdienste erfolgen. Nun wollen wir dafür die Grundlage schaffen.

Karin Müller, Gemeinderätin von Jegenstorf
Karin Müller, Gemeinderätin von Jegenstorf: «Durch diese Kooperationen bleibt die Qualität unserer Dienstleistungen auch künftig erhalten. Der Zugriff auf einen grösseren Personalpool wird so möglich.»

Welchen Weg die Gemeinden gehen

Was möchten Sie mit diesem Projekt für Ihre Gemeinde erreichen?

Müller: Durch diese Kooperationen bleibt die Qualität unserer Dienstleistungen auch künftig erhalten. Der Zugriff auf einen grösseren Personalpool wird so möglich. Damit liessen sich Schwankungen in der Arbeitsbelastung besser ausgleichen, insbesondere bei Abgängen, Stellenwechseln, Mutter- und Vaterschaftsurlauben, Pensionierungen oder bei länger dauernden Krankheitsausfällen.

Gehrig: Sozialdienste vollziehen in erster Linie kantonale Gesetze. Die Handlungsspielräume der Gemeinden sind relativ klein. Bereits heute hat unser Sozialdienst Aufgaben an Dritte ausgelagert, weil wir sie selbst nicht wirksam und effizient erbringen können. Zusammen können wir unsere Kompetenzen gegenüber heute weiter stärken, etwa für juristische Fragen. Dazu braucht es eine kritische Grösse.

Stucki: Wir sind drei starke Sozialdienste, alle drei Organisationen sind gut aufgestellt. Es ist ein Vorteil, wenn deren Aufgaben sinnvoll gebündelt werden. Schon jetzt übernimmt Jegenstorf die Alimentenhilfe von Münchenbuchsee. Zudem können wir durch das Zusammengehen als Arbeitgeber noch attraktiver werden und damit sicherstellen, dass wir auch in Zukunft die nötigen Fachpersonen finden.

Für Sie steht ein Zusammenschluss der drei Sozialdienste im Vordergrund: Wurden auch Alternativen zur Zusammenlegung diskutiert? Warum haben diese letztlich nicht überzeugt?

Gehrig: Zusammen mit der BFH haben wir eine grundlegende Analyse vorgenommen. Dabei wurden acht mögliche Kooperationsoptionen für unsere drei Sozialdienste identifiziert. Wir haben die Varianten kritisch bewertet. Dabei schnitt die Zusammenführung der drei Dienste letztlich am besten ab. Unsere Erkenntnis war: Losere Formen der Zusammenarbeit sind mit hohem Kooperationsaufwand verbunden, gleichzeitig können sie die möglichen Potenziale, die ein Zusammenschluss bietet, etwa in Bezug auf einen gemeinsamen Personalpool, nur beschränkt ausschöpfen.

Stucki: Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um gemeinsam in einen Prozess einzusteigen und die nötigen Schritte zu planen. Unsere Gemeinden haben im Übrigen bereits Erfahrungen mit Zusammenschlüssen, etwa bei der Feuerwehr. Diese Beispiele zeigen, dass Aufgaben in einer Region gemeinsam erbracht werden können. Förderlich ist sicher, dass es in unserem Fall eine freiwillige Zusammenführung ist, die ohne Druck und äusseren Zwang erfolgt.

«Spezialwissen wird wichtiger. Es ist ein Unterschied, ob ein Sozialdienst zwei Spezialfälle pro Jahr bearbeitet oder ob es zehn derartige Fälle sind.»

  • Peter Stucki Gemeinderat von Münchenbuchsee

Erwartete Auswirkungen für Bevölkerung und Mitarbeitende

Was ändert sich für die Bevölkerung?

Müller: Für mich ist die Zusammenführung dann gut gelungen, wenn die Bevölkerung und insbesondere die Klient*innen möglichst wenig davon merken.

Gehrig: Mit dem Vorhaben erwarten wir auch eine Verbesserung der Wirksamkeit der Sozialen Arbeit – durch das Pooling der Ressourcen können die Beratungsleistungen auch künftig auf hohem Niveau bleiben.

Stucki: Spezialwissen wird wichtiger, beispielsweise im Kindesschutz oder bei Suchtproblematiken. Es ist ein Unterschied, ob ein Sozialdienst zwei Spezialfälle pro Jahr bearbeitet oder ob es in einem grösseren Sozialdienst zehn derartige Fälle sind. Dies wirkt sich sowohl auf die Effizienz als auch auf die Qualität positiv aus.

Was bringt das Projekt für die Mitarbeitenden der Sozial­dienste?

Gehrig: Sie können von einer erhöhten Stabilität des Sozialdienstes profitieren. Bei der Zusammenführung muss darauf geachtet werden, dass polyvalente Einsätze in den Bereichen Sozialhilfe und Erwachsenen- und Kindesschutz weiterhin möglich bleiben. Diese Arbeitsform wird von vielen Mitarbeitenden geschätzt.

Müller: Wenn ein grösserer Personalpool zur Verfügung steht, führt das bei Ausfällen zu mehr Spielräumen. Damit gibt es weniger Stress bei den Mitarbeitenden.

Berner Leitfaden für Gemeinden, Sozialbehörden und Sozialdienste

Komplexere Fallkonstellationen, eine angespannte Fachkräftelage und steigende Anforderungen: Das Feld der Sozialdienste im Kanton Bern verändert sich gerade stark. Vor diesem Hintergrund rücken gemeindeübergreifende Kooperationen in den Fokus. Einige Gemeinden haben bereits eine vertiefte Zusammenarbeit initiiert, wie das im Interview vorgestellte Beispiel des «Sozialdienstes Bern-Nord» zeigt.

Ein neuer Leitfaden soll nun die Diskussion über mögliche Kooperationen anregen, Handlungsspielräume aufzeigen und gegebenenfalls Verantwortliche unterstützen, den Prozess einer vertieften Zusammenarbeit systematisch anzugehen. In das Dokument sind die Erfahrungen von Mitgliedern von Sozialbehörden und Leitungspersonen von Sozialdiensten eingeflossen, die bereits solche Kooperationsprojekte umgesetzt haben. Der Leitfaden wurde von der BFH in Zusammenarbeit mit der Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion des Kantons Bern erarbeitet.

Nächste Schritte und mögliche Herausforderungen

Wie ist der Weg von der Idee zur Umsetzung geplant? Welche Erfolgsfaktoren sehen Sie?

Gehrig: Als Nächstes geht es nun um die Konkretisierung eines «Sozialdienstes Bern-Nord». Wie soll die neue Struktur fachlich, organisatorisch, räumlich und finanziell aussehen? Welches Betriebskonzept ist sinnvoll? Ausgehend davon können dann die nötigen Entscheide der politischen Behörden gefällt werden.

Müller: Ich bin eine Anhängerin des Grundsatzes «Planung ersetzt Zufall». Wir können jetzt ohne Zwang in einen sorgfältig geführten Prozess einsteigen und uns dafür die nötige Zeit geben. Derartige Vorhaben brauchen genügend Zeit, gerade auch weil die Bevölkerung und die politischen Gremien einbezogen werden müssen. Wichtig ist dabei, transparent zu kommunizieren, insbesondere gegenüber den Mitarbeitenden und der Politik.

Stucki: Ein Erfolgsfaktor für unser Vorhaben ist für mich, dass alle drei Sozialdienste am gleichen Strick ziehen. In der Analysephase habe ich eine grosse Einigkeit unter allen Beteiligten wahrgenommen. Wir wollen diesen Weg gemeinsam gehen!

Sehen Sie auch Stolpersteine oder Herausforderungen auf diesem Weg?

Stucki: Bei den Gemeinden werden die Kosten ein zentrales Thema sein. Hier ist Transparenz gefragt.

Müller: Parallel zu unserem Vorhaben laufen mehrere andere Projekte, auf die wir nur beschränkt Einfluss haben, insbesondere die Einführung des neuen Fallführungssystems NFFS in den Sozialdiensten. Das wird vom Kanton gesteuert.

Gehrig: In den Gemeinden könnten Befürchtungen aufkommen, die Kontrolle über den Sozialdienst zu verlieren. Ich sehe diese Gefahr weniger, da der Entscheidungsspielraum in der Sozialhilfe und im Er­wachse­nen- und Kindesschutz vergleichsweise gering ist. Umso wichtiger ist es, die Schnittstellen zu anderen Leistungen der Gemeinden im Sozialbereich, etwa zur Altersarbeit, zur Schulsozialarbeit oder zur Frühförderung, im Blick zu haben und gut zu gestalten.

Erfahrungen fliessen in einen Leitfaden

Wo rechnen Sie mit Widerständen – politisch, fachlich oder organisatorisch, und wie wollen Sie diesen begegnen?

Stucki: Der Verband «Regionaler Sozialdienst Münchenbuchsee» ist eine eigene Trägerschaft und verfügt über Eigenkapital. Hier braucht es eine Regelung, die für alle passt. Zudem wird die Standortfrage ein Thema sein. Je nach Ausgestaltung könnten längere Wege eine Folge sein.

Gehrig: Unser Vorhaben könnte unter dem Motto «Zentralisierung ist schlecht» unter Beschuss kommen. Umso mehr muss es darum gehen, den Nutzen aufzuzeigen – sowohl fachlich als auch finanziell. Wichtig ist, vorgebrachte Bedenken aus der Bevölkerung und Politik ernst zu nehmen und pragmatische Lösungen vorzuschlagen, etwa bezüglich möglicher Standorte und des leichten Zugangs zu Beratungsleistungen.

Müller: Das Vorhaben könnte auch Ängste und Befürchtungen bei den Mitarbeitenden auslösen. Die Mitarbeitenden kennen den Alltag und ihre Aufgaben am besten. Es ist wichtig, sie bei der weiteren Konkretisierung mit einzubeziehen. Ebenso braucht es eine enge Zusammenarbeit der politisch Verantwortlichen mit den Leitungen der Sozialdienste.

Was würden Sie anderen Gemeinden raten, die vor ähnlichen Fragen stehen?

Gehrig: Typisch an unserem Vorhaben ist vielleicht, dass wir proaktiv vorgehen und nicht einfach den Status quo verwalten wollen. Allerdings bin ich vorsichtig mit Verallgemeinerungen. In jeder Region sind die Verhältnisse anders, jede Region muss deshalb die Lösung ausarbeiten, die für sie selbst am besten passt.

Müller: Als erster Schritt sollte die Ausgangslage untersucht werden, ohne Scheuklappen und ohne bereits eine fertige Lösung im Kopf zu haben. Diese offene Analysephase hat sich bewährt. Ein grosser Vorteil ist zudem, dass wir die Zusammenführung freiwillig machen, mit frei gewählten Partnern und in unserem Tempo. Das ist ein Unterschied zu anderen Vorhaben im Sozialwesen, etwa bei den AHV-Zweigstellen oder in der Arbeitsintegration, wo die Zusammenführung «von oben» verordnet worden ist. Wir haben grössere Gestaltungsfreiheiten.

Stucki: Wir sind nicht die Ersten. Mehrere Sozialdienste im Kanton Bern haben schon Erfahrungen mit Zusammenschlüssen gemacht. Auf diese Erfahrungen kann man aufbauen, weil sie Anstösse geben können. Die Essenz aus diesen Erfahrungen wird im Berner Leitfaden zur Interkommunalen Zusammenarbeit von Sozialdiensten, den die BFH zusammen mit dem Amt für Integration und Soziales des Kantons Bern AIS erstellt hat, aufgezeigt (vgl. Kasten).

Matthias Gehrig, Gemeinderat von Urtenen-Schönbühl
Matthias Gehrig, Gemeinderat von Urtenen-Schönbühl: «Wichtig ist, Bedenken aus der Bevölkerung und Politik ernst zu nehmen und pragmatische Lösungen vorzuschlagen.»

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