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Wie soziale Roboter die psychische Gesundheit im Schulalltag stärken können
15.01.2026 Das Forschungsprojekt SOCIUS verbindet das Präventionsprogramm «MindMatters» mit sozialer Robotik. Im Interview erklärt das SOCIUS-Team, wie soziale Roboter künftig Lehrpersonen unterstützen und Lernende bei Themen der psychischen Gesundheit stärken könnten.
Das Wichtigste in Kürze
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SOCIUS untersucht, wie soziale Roboter das Programm «MindMatters» von der Organisation RADIX ergänzen ergänzen können.
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Erste Rückmeldungen zeigen Potenzial in Rollen wie Streitschlichter oder Lernhilfe, aber auch wichtige ethische Fragen zu Datenschutz und Entmenschlichung.
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Der Roboter bleibt klar ein unterstützendes Werkzeug – die menschliche Beziehung und Verantwortung bleiben stets bei der Lehrperson.
Worum geht es im Projekt SOCIUS?
SOCIUS untersucht, wie soziale Roboter das schulische Programm «MindMatters» von der Organisation RADIX sinnvoll ergänzen kann. Ziel ist es, herauszufinden, in welchen Rollen ein sozialer Roboter Lehrpersonen im Alltag entlasten und Schüler*innen bei Themen der psychischen Gesundheit unterstützen kann. Dabei geht es um Themen wie Stressbewältigung, Mobbingprävention, Übergänge in Ausbildung und Beruf sowie Umgang mit Verlust und Trauer.
Wie entstand die Idee zu SOCIUS? Welche Forschungslücken habt ihr erkannt?
Im Projekt «ePartners4all» konnten wir erstmals soziale Roboter im direkten Kontakt mit Kindern und Jugendlichen testen. Die Offenheit der Schüler*innen und der spielerische Umgang mit dem sozialen Roboter «Nao» war beeindruckend, und auch die Lehrpersonen zeigten grosses Interesse. Gleichzeitig führen die aktuelle Literatur und Studien klare Trends auf: Seit der Pandemie hat sich beispielsweise das Verhalten der Schüler*innen verändert. Es treten häufiger Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität auf, der Bedarf psychosozialer Unterstützung steigt. Demgegenüber steht der zunehmende Lehrpersonenmangel, insbesondere in den Bereichen, wo Lernenden mit spezifischen Bedürfnissen Unterstützung benötigen. Daraus entstand die Frage, ob soziale Roboter Lehrpersonen entlasten und Lernprozesse unterstützen können. Die Kooperation mit der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), die zu sozialen Robotern forscht, und der Gesundheitsstiftung RADIX, welche die Mind-Matters-Programme betreut, hat diese Idee dann möglich gemacht.
Infobox: MindMatters
MindMatters – Schule durch psychische Gesundheit stärken
Das Programm «MindMatters» wurde ursprünglich in Australien entwickelt und zielt auf die Förderung der sozial-emotionalen Kompetenzen von Schüler*innen ab, die Förderung des Wohlbefindens von Lernenden und Lehrpersonen und der Reduktion von psychologischem Stress. Das Programm bezieht dabei in einem Setting-Ansatz die gesamte Schule mit ein. Das wissenschaftlich begleitete und in der Praxis erprobte Programm fördert das Sprechen über eigene und fremde Gefühle, Partizipation, Achtsamkeit und Freundschaft mit Gleichaltrigen sowie die Verbundenheit mit der Klasse und der Schule.
Mehr Infos: https://www.radix.ch/de/gesunde-schulen/angebote/mindmatters/
Sie arbeiten in der Pflegeforschung der BFH? Inwiefern spielt das Projekt Erkenntnisse für das Gesundheitswesen ein?
Wir möchten mehr über soziale Roboter im «kontrollierten» Schulsetting erfahren, um eines Tages dieses Wissen ins Gesundheitswesen zu übertragen. Wir gehen davon aus, dass Erkenntnisse zur Nutzungsakzeptanz, zum Design der Mensch-Roboter-Interaktion und zu didaktischen Methoden übertragbare Hinweise liefern, denn auch im Gesundheitswesen sind Beziehungs- und Vertrauensbildung entscheidend für Lernen und Verhaltensveränderungen. Das Schulsetting ist eine authentische «gelebte Welt» und zugleich zeichnet sie sich durch klar definierte Strukturen und Regeln aus. Auch ist der Mensch immer präsent.
Wie schätzen Sie das Potenzial im Schulsetting ein?
Das Potenzial im Schulsetting ist da: Es gibt bereits wissenschaftliche Erkenntnisse, die zeigen, dass soziale Roboter durch eine interaktive Gestaltung Lernprozesse wirkungsvoll unterstützen können. Daher ist es denkbar, dass soziale Roboter künftig gezielt zur Förderung sozialer Kompetenzen, zur Unterstützung bei psychischen Belastungen sowie zur Stärkung einer positiven Schulkultur eingesetzt werden können.
«Der Roboter bleibt ein Werkzeug, die Maschine ist keine Bezugsperson.»
Welche Rollen könnte ein sozialer Roboter im Kontext von «MindMatters» übernehmen?
Auf Basis von fünf Expert*innenwokshops haben wir fünf mögliche Rollen iterativ entwickelt – von vorprogrammierten Aufgaben, über haptische Erlebnisse, mit welchen der Roboter auf physische Impulse reagieren kann, bis hin zu Rollenspielen oder Konversationsassistenzen. Die Bandbreite reicht von Streitschlichter über neutralen Zuhörer bis zu Lernhilfe. Aktuell prüfen wir diese Rollen mit Lehrpersonen in Fokusgruppen auf ihren Nutzen und die Machbarkeit.
Welche ersten Erkenntnisse gibt es bereits?
Aus der ersten Fokusgruppe zeichnet sich ab: Die teilnehmenden Lehrpersonen waren ambivalent und doch klar neugierig ob dem Potenzial. Zahlreiche Problemfelder aus dem Klassenzimmer und Schulalltag, in denen ein sozialer Roboter unterstützen kann, wurden benannt, z.B. Streitschlichtung, Konfliktgespräche, Gesprächspartner oder Lernunterstützung. Gleichzeitig diskutierten die Teilnehmerinnen, inwiefern eine roboterisierte Unterstützung legitim ist oder doch Entmenschlichungsgefahren bergen könnte. Bis im Frühling 2026 laufen weitere Online-Fokusgruppen. Interessierte Lehrpersonen dürfen sich gerne melden. Darauf aufbauend planen wir eine Machbarkeitsstudie und die Einwerbung von Drittmittel, um den sozialen Roboter dann auch im realen Alltag zu testen.
Wie gehen Sie mit den ethischen Herausforderungen beim Einsatz sozialer Roboter um?
Zentral ist der verantwortungsbewusste Umgang mit Datenschutz, Privatsphäre und Transparenz. Wie sensibel dieser Aspekt ist, hängt stark davon ab, welche Rolle der Roboter übernimmt und ob er sich Informationen über die Nutzenden merken soll. Dabei müssen Nutzen und Risiken sorgfältig gegeneinander abgewogen werden: Ein rein vorprogrammierter Roboter mit generischen Antworten verliert schnell an Attraktivität, während ein Roboter, der individuell zugeschnittene Reaktionen bietet, mehr Interesse generieren mag, jedoch hohe Anforderungen an Transparenz und Datensicherheit stellt. Auch die Funktion des Roboters an sich muss klar kommuniziert werden, fungiert er z.B. ein Coach, Zuhörer oder Spielpartner.
Wichtig ist auch: Kinder müssen das Recht haben, den Roboter abzulehnen ohne negative Konsequenzen. Ausserdem muss immer klar sein, wer die Verantwortung für den Roboter und seine Inhalte trägt. Es muss sichergestellt werden, dass bei starken Belastungsanzeichen eines Kindes adäquat reagiert werden kann und in solchen Fällen immer eine menschliche Fachperson einbezogen wird.
Wie stellt ihr sicher, dass soziale Roboter nicht als Ersatz für die menschliche Beziehung dienen?
Der Roboter bleibt ein Werkzeug, die Maschine ist keine Bezugsperson. Der Roboter soll immer in unterstützender Rolle eingesetzt werden. Die Lehrpersonen entscheiden über Einsatz, Grenzen und Zielsetzung. Es muss gegenüber den Schüler*innen transparent kommuniziert werden, was der Roboter kann und was er nicht kann, wofür er eingesetzt wird und dass die Lehrperson weiterhin die zentrale Bezugsperson bleibt. Kinder und Jugendliche werden damit befähigt in kritischem Denken, damit sie den Roboter richtig einordnen können. Des Weiteren wird darauf geachtet, den Roboter in seiner Gestaltung nicht zu «menschlich» darzustellen.
«Das Potenzial im Schulsetting ist da: Soziale Roboter können Lernprozesse wirkungsvoll unterstützen.»
Wie sehen Sie die Zukunft von sozialen Robotern in der Schweiz in den nächsten 5 bis 10 Jahren?
Wir erwarten einen spürbaren technologischen Schub in Bildung, öffentliche Dienstleistungen und Gesundheit – vorausgesetzt Roboter bieten erkennbaren Nutzen und Entlastung. In Schulen werden sie vermutlich als didaktische Hilfsmittel vermehrt auftreten, während sie in Hotel, Einkaufszentren oder Banken als Concierge oder Guide assistieren. In der Gesundheitsversorgung sehen wir Potenzial beispielsweise bei Begleitdiensten oder Mobilitätshilfen für ältere Menschen, aber eine breite Systemintegration wird eher zurückhaltend verlaufen.