Glokale Sounds - Wie Tracks Referenzen auf Orte verarbeiten und neu kodieren

Das Forschungsprojekt will auf grundlegende Veränderungen in der digitalen Musikproduktion und in der wissenschaftlichen Forschung reagieren und neue methodische Wege vorschlagen, wie Musikethnographien betrieben werden kann.

Fiche signalétique

  • Département responsable Haute école des arts de Berne
  • Institut Institut Interprétation
  • Unité de recherche Pop et jazz dans son contexte
  • Organisation d'encouragement FNS
  • Durée 01.04.2016 - 30.09.2019
  • Responsable du projet Thomas Burkhalter
  • Direction du projet Thomas Burkhalter
  • Équipe du projet Hannes Liechti
  • Partenaire Schweizerischer Nationalfonds SNF
    Verein Norient
    Universität Bern, Institut für Musikwissenschaft
    Universität Bern, Forschungsschwerpunkt Digital Humanities

Situation

MusikerInnen nutzen das Internet heute als ständig wachsendes Archiv und unerschöpfliche Materialquelle. Eine kaum messbare Quantität an Geräuschen, Klängen und Musik kann mit wenigen Mausklicks heruntergeladen und gespeichert, mit Software elektronisch bearbeitet und mit neuen digitalen Instrumenten manipuliert werden. Samples aus globalen, regionalen und lokalen Kontexten werden in Popmusik-Tracks integriert, darin verarbeitet und auf Online-Plattformen wieder veröffentlicht. Über soziale Netzwerke, in Konzerten, Performances und Installationen präsentieren MusikerInnen ihre Tracks einem weltweiten Publikum. Die Tracks erhalten so neue Zuschreibungen und die darin enthaltenen Samples, die oftmals als Referenzen auf bestimmte geografische Orte gelesen werden können, werden mit neuen inhaltlichen Bedeutungen aufgeladen. Das Projekt geht der Frage nach, wie aktuelle Popmusik-Tracks geografische Orte unterschiedlich verhandeln. Welche Rolle spielt die «Verortung» im digitalen Musikschaffen? Wie frei oder voller Geografie sind Tracks heute? Das Projekt soll diese Fragen nicht nur aus musikalischer, sondern auch aus gesellschaftlicher Perspektive untersuchen und die Diskurse und Kontroversen aufzeigen, die sowohl ein komplett freies Arbeiten mit Samples als auch ein bewusstes akribisches Zitieren auslösen können.

Approche

Die zunächst ausgewählten und dann analysierten 50 Tracks nutzen kürzere und längere Mikrofonaufnahmen, Klänge und Melodien von traditionellen Instrumenten oder Ausschnitten aus Medien-Archiven als Orts-Referenzen und mischen sie mit elektronischer Musik, Hip-Hop-Beats oder Noise-Flächen. Verschiedene künstlerische Strategien, Haltungen und Positionierungen lösen dabei (teilweise heftige) Reaktionen aus. Diese werden anhand von 15 der 50 Tracks aus verschiedensten multi-lokalen Perspektiven weiter herausgearbeitet. Der Track, der die stärksten Kontroversen auslöst, wird schliesslich in Feldforschungen an zwei Produktions- und Rezeptionsorten genauer betrachtet. Die künstlerischen Verarbeitungsstrategien wer-den mit kulturwissenschaftlichen Forschungsmethoden und Soundanalysen untersucht, die Rezeption der Tracks multi-perspektivisch analysiert: Internationale WissenschaftlerInnen verfassen im Auftrag Kurztexte zu den einzelnen Tracks. In Zusammenarbeit mit einem Spezialisten für Datenanalyse und -visualisierung sind Kommentare aus Online-Plattformen in die Analysen einzubeziehen.

Résultat

Alle Ergebnisse werden multi-modal ausgewertet und frei zugänglich auf Norient.com, der neu konzipierten Webseite «Place-Remixes» und in einem digitalen Sammelband publiziert. Der Aufbau einer systematischen Typologie aktueller Remix-Praktiken für die wissenschaftliche Forschung, Aus- und Weiterbildung ist ein nachhaltiges Ziel des Projektes. Die Webseite «Place-Remixes» soll über das Projekt hinaus von der Forschung als Arbeits- und Analyseinstrument weiter genutzt und mit neuen wissenschaftlichen Daten gespeist werden.