Prof. Dr. Eva Cignacco Müller – Hebammen sind eigenverantwortlich – also forschen sie!

Eine risikobehaftete Geburt öffnete Eva Cignacco Müller in jungen Jahren die Augen: Hebammen müssen Verantwortung übernehmen, sich akademisch weiterentwickeln und Forschung betreiben. Diesen Weg ist sie vorangeschritten – und heute mehr denn je davon überzeugt.

Prof. Dr. Eva Cignacco

«Als Professorin setze ich Bildungsakzente für einen der ältesten, lebendigsten und zugleich herausforderndsten Berufe der Welt. Hebammen brauchen heute mehr denn je wissenschaftlich fundiertes Wissen, um die Vielfalt und die Komplexität der perinatalen Versorgung zu meistern.»

Frau Cignacco Müller, Sie sind die einzige habilitierte Hebamme in der Schweiz. Eine höhere Ausbildung gibt es auf akademischer Stufe nicht. Was hat Sie angetrieben?

Ein Ereignis als junge Hebamme machte mir bewusst: Ich brauche fundierteres Wissen. Entgegen der Verordnung eines Arztes, aber auf ausdrücklichen Wunsch der Frau, hatte ich einen Dammschnitt unterlassen. Die Frau erlitt unter der Geburt einen spontanen Geweberiss. Belastet durch die Vorwürfe des Arztes, recherchierte ich nach dem «richtigen» Handeln bezüglich Dammschnitt, suchte nach Literatur über «Episiotomie and Outcomes» – und fand Antworten. Gemäss dieser Studien fehlte für routinemässige Dammschnitte jegliche Evidenz; so ergibt ein Dammschnitt nur bei akuten Notzuständen des Kindes einen Sinn. Dank dieses Schlüsselerlebnisses überdachte der Arzt seine Praxis und ich machte 1998 mit dem Nursing-Science-Studium in Maastricht einen ersten grossen Schritt in Richtung Forschung.

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass die Hebammen selbst Forschung betreiben?

Medizinerinnen, Mediziner haben eine biomedizinische Betrachtungsweise auf Patientinnen, Patienten. Hebammen hingegen beschäftigen sich mit biopsychosozialen Fragen und betrachten die Versorgung aus der Perspektive der Frau oder der öffentlichen Gesundheit. Was passiert mit einer Frau unter der Geburt? Was erlebt sie? Was sind die Folgen? Auch generieren Hebammen mit ihrer Forschung relevantes Wissen für gesamtgesellschaftliche Themen, wie Übergewicht in der Schwangerschaft, Zwang unter der Geburt. So ergänzen sie die biomedizinische Forschung der Ärztinnen, Ärzte.

Bedeutet ein Entscheid für den Master-Studiengang gleichzeitig, dass eine Hebamme nicht mehr im Gebärsaal tätig ist?

Der Hebamme MSc bieten sich verschiedene Perspektiven: In der Entwicklung von neuen Versorgungsmodellen, in Lehre und Forschung aber auch als Hebammenexpertin im Gebärsaal oder im Rahmen der Schwangerensprechstunde. Auch eine Hebamme MSc steht also im direkten Kontakt zu den Frauen.

Steckbrief

Funktion

Departement

Gesundheit

An der BFH seit

2014

Bildungsweg

  • 2013: Habilitation in Pflegewissenschaft
  • 2007: Doktorat in Nursing Science
  • 2005: Master in Nursing Science
  • 1998: Diplom Pflegeexpertin
  • 1993: Diplom Hebamme, HF
  • 1986: Diplom Sozialarbeiterin