- Medienmitteilung
Trotz Pandemie: Schweizer Familien hielten zusammen
30.04.2026 Eine neue Studie der BFH und der FHNW zeigt: Die COVID-19-Pandemie hat Familienbeziehungen in der Schweiz kaum dauerhaft geschädigt. Trotz Besuchsverboten, Distanzregeln und unterschiedlichen Ansichten zu den Schutzmassnahmen blieb der Zusammenhalt zwischen den Generationen mehrheitlich stabil – die Familie erwies sich als wichtige Stütze in der Krise.
Als im Frühjahr 2020 die ersten Schutzmassnahmen in Kraft traten, stellte dies das Familienleben vor besondere Herausforderungen: Ältere Menschen wurden als besonders schutzbedürftig eingestuft, Besuche verboten, Abstände verordnet. Jüngere verloren Freiräume und Treffpunkte. Die Frage liegt nahe: Wie belastet eine solche Ausnahmesituation das Miteinander der Generationen? Die Antwort der Studie ist deutlich: Ein Auseinanderbrechen der Familien blieb aus. Befragt wurden über 1'370 Personen in der Schweiz.
Gegenseitige Hilfe statt Kontaktabbruch
Die Ergebnisse belegen ein ausgeprägtes Solidaritätsgefühl zwischen Alt und Jung. Jüngere Familienmitglieder übernahmen Einkäufe, Arztbegleitungen und administrative Aufgaben; Ältere leisteten ihrerseits finanzielle oder emotionale Unterstützung. Rund die Hälfte der Befragten gab an, selbst Hilfe geleistet zu haben, ein Drittel erhielt Unterstützung. Am engsten war der Kontakt zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern; zwischen Grosseltern und Enkeln war er seltener. «Es braucht einen Effort, um Kontakt zu behalten, wenn man sich nicht mehr so begegnet», sagte eine jüngere Teilnehmerin der Studie.
Die COVID-19-Pandemie hat dennoch auch Bruchstellen und Hindernisse für die Kontaktpflege sichtbar gemacht, etwa bei der Mediennutzung oder der unterschiedlichen Bewertung politischer Entscheidungen. Doch insgesamt blieben die Familienbeziehungen während der Krise stabil.
Telefon schlägt Videokonferenz
Persönliche Treffen waren für die meisten die wichtigste Kontaktform – auch wenn sie zeitweise kaum möglich waren. Als generationsübergreifendes Kommunikationsmittel bewährte sich das klassische Telefonat. Zwar wurden neue Kontaktformen, wie Videotelefonie oder Online-Apéros ausprobiert, doch gerade für ältere Menschen stellte dies eine Hürde dar. Messenger-Dienste wurden vor allem von der mittleren Generation genutzt: Digitale Kanäle halfen zwar, den Kontakt oberflächlich aufrechtzuerhalten, echte Nähe konnten sie aber nicht ersetzen. Das Fazit der Studie: Persönliche Begegnungen bleiben auch im digitalen Zeitalter unverzichtbar.
Spannungen ja – Brüche nein
Reibungslos verlief die Pandemie innerhalb der Familien nicht. Die Schutzmassnahmen wurden unterschiedlich bewertet: Mit zunehmendem Alter stieg die Zustimmung, jüngere Generationen zeigten sich deutlich kritischer. Hinzu kam, dass die Pandemie viele Gespräche prägte und der Austausch dadurch oberflächlich und auf Distanz blieb. Zu grösseren Konflikten kam es dennoch selten. Insgesamt wurde die Krise von allen Altersgruppen als moderat belastend empfunden. «Gute Kontakte zwischen den verschiedenen Generationen einer Familie machen unsere Gesellschaft krisenfester», sagt Co-Studienleiter Dr. Alexander Seifert der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW.
Keine nachhaltigen Effekte
Mit dem Abklingen der Pandemie normalisierten sich auch die familiären Beziehungen. Die gegenseitige Unterstützung nahm ebenso ab wie die pandemiebedingten Spannungen. Heute bewerten die Befragten die Qualität ihrer intergenerationellen Beziehungen als gut bis sehr gut – Nähe, Vertrauen und das Miteinanderauskommen liegen auf einem konstant hohen Niveau. Die Studie liefert damit auch einen Hinweis auf eine gesellschaftliche Ressource, die in Krisenzeiten oft unterschätzt wird: die unterschiedlichen Generationen einer Familie.
Über die Studie
«Intergenerational Cohesion during COVID-19 and beyond (ICOCO)»
Die Studie war Teil des Nationalen Forschungsprogrammes 80 «Covid-19 in der Gesellschaft» des Schweizer Nationalfonds. Im Rahmen der Forschung im NFP 80 sollten die wichtigsten Faktoren und gesellschaftlichen Dynamiken identifiziert werden, die in der Covid-19-Pandemie eine entscheidende Rolle gespielt haben. Ziel war es unter anderem, Strategien zu entwickeln, wie die Gesellschaft auf zukünftige Pandemien vorbereitet werden kann.
Als Teil davon untersuchte das Projekt «Intergenerational Cohesion during COVID-19 and beyond (ICOCO)», wie ältere Menschen die Pandemie erlebt und wie sich ihre Beziehungen zu den anderen Generationen verändert haben. Das Vorgehen der Studie bestand aus einer Literaturanalyse, 34 Interviews mit älteren Personen, Angehörigen und Fachpersonen sowie einer schweizweiten Befragung von 1 373 Personen. Das Projekt wurde gemeinsam von der Berner Fachhochschule BFH sowie der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW durchgeführt.