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Wie sieht die ideale Adipositastherapie der Zukunft aus?

09.09.2026 Adipositas ist nach wie vor eine mit vielen Stigmata und Tabus behaftete Erkrankung. Gleichzeitig werden laufend neue Therapieansätze und Medikamente angeboten. Caroline Heuberger und Evelyne Aubry erklären, wie sie mithilfe neuester Technologien ein ganzheitliches und aktuelles Verständnis vermitteln.

Das Wichtigste in Kürze

  • Neue Therapien und steigende Nachfrage verlangen mehr Ressourcen sowie eine respektvolle, stigmasensible Kommunikation.
  • Das SAS «Adipositastherapie: Verhaltensbezogene und medizinische Aspekte» verbindet Theorie, Reflexion und praxisnahes Üben in realitätsnahen VR-Szenarien mit KI-Avataren.
  • Das SAS stärkt gezielt die Beratungskompetenz und schliesst eine wichtige Weiterbildungslücke im Umgang mit Adipositas.
Kursteilnehmende mit VR-Brille
Die Teilnehmenden führen Beratungsgespräche mit einem KI-gesteuerten Avatar, der eine Person mit Adipositas darstellt. (Bild: BFH)

Mit welchen Herausforderungen kommen die Teilnehmenden typischerweise in die Weiterbildung?

Caroline Heuberger: Neue Medikamente verändern die Adipositastherapie grundlegend und stellen Fachpersonen vor neue Aufgaben, Chancen und Herausforderungen. Therapieergebnisse verbessern sich, bringen jedoch auch neue Risiken. Die Nachfrage steigt, Ressourcen bleiben jedoch knapp, es werden neue Versorgungsformate nötig.
 

Evelyne Aubry: Dazu kommt: Das heutige Verständnis von Adipositas verlangt eine neue Kommunikationskultur. Wie spricht man Gewicht respektvoll und klinisch fundiert an? Wie begegnet man Selbststigmatisierung? Stigmasensible Gesprächsführung ist heute eine Kernkompetenz in der Begleitung von Menschen mit Adipositas.

Das heutige Verständnis von Adipositas verlangt eine neue Kommunikationskultur.

  • Evelyne Aubry

Warum ist das Thema Adipositas gerade heute besonders relevant für Gesundheitsfachpersonen?

Evelyne Aubry: Adipositas ist eine nachweislich komplexe Erkrankung, die durch biologische, genetische und Umweltfaktoren verursacht wird. Die verschiedenen Ausprägungen sind vielschichtig und die Behandlungsmöglichkeiten entwickeln sich stetig weiter. Es ist schwierig, hier immer auf dem neuesten Stand zu bleiben – zumal gezielte Weiterbildungsangebote in diesem Bereich nach wie vor rar sind, und der Alltag wenig Raum lässt, die eigenen Betreuungskonzepte zu reflektieren und weiterzuentwickeln.

 

Caroline Heuberger: Zudem bleibt Adipositas im Gesundheitswesen ein Tabuthema, was die Verfügbarkeit von spezifischen Weiterbildungsangeboten einschränkt. In unserer Weiterbildung legen wir bewusst den Fokus auf das Erkennen von Stigmatisierung. Gerade im Zusammenhang mit den neuen pharmakologischen Therapien sehen sich Patient*innen häufig mit Vorwürfen konfrontiert, den «einfachen Weg» zu wählen oder sich einer «Abkürzung» zu bedienen. Solche Vorurteile sind auch unter Gesundheitsfachpersonen verbreitet und müssen gezielt abgebaut werden, um eine bedarfsgerechte und diskriminierungsfreie Versorgung sicherzustellen. Stigmasensible Kommunikation ist dabei die Grundlage für eine respektvolle, personenzentrierte und faire Versorgung.

Zu den Personen

Portraitbild Evelyne Aubry

Dr. Evelyne Aubry

PhD, Angewandte Forschung und Entwicklung Geburtshilfe, ist Dozentin für peripartale Gesundheitsforschung an der BFH und Dozentin im CAS Adipositas.

Porträtbild Caroline Heuberger

Caroline Heuberger

BSc Public Health Nutrition, MSc EuD, ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der BFH und Dozentin im CAS Adipositas.

Wie gestaltet ihr den Unterricht, um die Ziele der Teilnehmenden bestmöglich zu unterstützen?

Evelyne Aubry: Stigmasensible Behandlung und Betreuungskompetenzen zu erwerben und dabei respektvoll zu kommunizieren, erfordert Wissen, aber auch wiederholtes Üben und Reflektieren in möglichst realistischen Situationen. Unser Unterricht ist daher mehrstufig aufgebaut: In einem ersten Schritt erarbeiten sich die Teilnehmenden die theoretischen Grundlagen im Selbststudium. Sie erlernen dabei Definitionen und Erscheinungsformen von Gewichtsstigmatisierung und die Prinzipien stigmasensibler Kommunikation. Im zweiten Schritt reflektieren sie gemeinsam mit Lehrpersonen typische Aussagen und Denkmuster aus der Praxis und tauschen sich mit einer Person mit Adipositas über persönliche Erfahrungen mit Stigmatisierung aus.
 

Caroline Heuberger: Danach folgt der wichtigste Teil der Lerneinheit: Die Studierenden üben das Gelernte in einer möglichst realistischen Situation. So können sie ihre praktischen Fähigkeiten in stigmasensiblen Beratungs- und Kommunikationstechniken festigen und ausbauen. Dafür nutzen wir eine von uns entwickelte immersive VR-Umgebung. Die Teilnehmenden führen Beratungsgespräche mit einem KI-gesteuerten Avatar, der eine Person mit Adipositas darstellt. Das Ziel ist es, den Teilnehmenden einen geschützten Rahmen zu bieten, in dem sie respektvolle Kommunikation praxisnah und wiederholt üben können.
 

Evelyne Aubry: Nach jedem Übungsgespräch gibt ein KI-gesteuerter Lehrpersonen-Avatar gezielte Rückmeldungen zum Gespräch. Zusätzlich erhalten die Teilnehmenden konkrete Verbesserungsvorschläge, die sie in der nächsten Übung direkt anwenden konnten. Auch nach Kursende können die Teilnehmenden weiter üben, indem sie die von uns bereitgestellte 2D-Version auf ihrem Mobilgerät nutzen.

Vorurteile sind auch unter Gesundheitsfachpersonen verbreitet. Sie müssen gezielt abgebaut werden, um eine bedarfsgerechte und diskriminierungsfreie Versorgung sicherzustellen.

  • Caroline Heuberger

Was nehmen die Teilnehmenden konkret für ihren Berufsalltag mit?

Evelyne Aubry: Viele Teilnehmende stossen im Berufsalltag an die Grenzen ihrer Beratungskompetenzen. Sie fühlen sich unsicher, wie sie respektvoll und gleichzeitig fachlich fundiert kommunizieren sollen. Wie reagiert man, wenn Betroffene Scham äussern, Therapieangebote ablehnen oder sich missverstanden fühlen? In solchen Situationen sind angemessene und stigmasensible Gesprächsstrategien besonders wichtig, um einfühlsam und professionell zu reagieren.

 

Caroline Heuberger: Gerade für Gesundheitsfachpersonen, die in intensivem Beratungskontakt mit Betroffenen stehen, ist es deshalb essenziell, diese Gesprächskompetenz kontinuierlich weiterzuentwickeln. Das Übungsformat mit Avatar-gestütztem Feedback bietet dafür einen sicheren, niederschwelligen Rahmen.

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