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Clinical Assessment in der Pflege: Chancen und Herausforderungen
13.02.2026 Das Clinical Assessment gewinnt im Alltag von Pflegefachpersonen an Bedeutung. Allerdings ist man in der Schweiz von einer flächendeckenden Implementierung noch weit entfernt. Woran liegt das – und wo liegt der konkrete Nutzen?
Das Wichtigste in Kürze
- Beim Clinical Assessment führen Pflegefachpersonen eine systematische Anamnese und körperliche Untersuchung durch, um Patient*innen fundiert einzuschätzen.
- Der Artikel zeigt, wie sich diese Kompetenzen entwickelt haben und welchen Nutzen sie für Patient*innen und Pflegefachpersonen bringen.
Hinweis: Diese Story ist eine gekürzte Version eines Artikels, der im Original im Online-Magazin der SBK erschien (Dez. 2024).
Das Clinical Assessment lag über Jahrhunderte im Kompetenzbereich der Ärzteschaft. Erst in den letzten Jahrzehnten wurden schrittweise mehr Kompetenzen an Pflegefachpersonen übertragen. Während es in den USA bereits lange durch Pflegefachpersonen angewendet wird, setzte sich diese Entwicklung in der Schweiz und anderen westeuropäischen Ländern deutlich später durch (Steudter et al. 2015). Durch die Einführung von Hochschulstudiengängen in der Pflege und der damit verbundenen neuen Abschlüsse und Kompetenzen (z. B. Advanced Nurse Practitioner) ist das Clinical Assessment zu einem nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil der Pflege geworden (Lindpaintner 2009).
Was ist Clinical Assessment?
Das Clinical Assessment bezeichnet das systematische Erheben einer Anamnese und die strukturierte körperliche Untersuchung. Dabei werden mithilfe von Inspektion, Palpation, Perkussion und Auskultation relevante Befunde erhoben, um Leitsymptome einzuordnen und eine fundierte klinische Einschätzung der Patient*innen vorzunehmen.
Es gab bereits zahlreiche Studien zur Effektivität des Clinical Assessments durch Pflegefachpersonen (Birks et al. 2013). Eine klare Evidenz zu finden ist schwierig. Nicht, weil das «Clinical Assessment durch Pflegefachpersonen» unwirksam wäre, sondern weil viele Faktoren Zufriedenheit und Outcome der Patient*innen beeinflussen. In Kliniken, die das Assessment breit einsetzen, werden die Vorteile jedoch deutlich, auch wenn sie nicht immer messbar sind. Eine grosse Stärke des Clinical Assessments ist, dass es auf unterschiedlichsten Wissensebenen eingesetzt werden kann, sowohl durch Ärzt*innen als auch durch Pflegefachpersonen auf BSc- bzw. MSc- oder HF-Niveau. Ein Blick in Schweizer Kliniken zeigt, dass man von einer flächendeckenden Implementierung noch weit entfernt ist. Was also braucht es, um das Clinical Assessment zu einem festen Bestandteil der beruflichen Tätigkeit von Pflegefachpersonen zu machen, und was ist der effektive Benefit? Oder anders gefragt: was sind die Chancen und Herausforderungen des Clinical Assessments in der Pflege?
Die primäre Frage, die uns im Gesundheitswesen umtreiben sollte, ist immer der Nutzen für die Patient*innen.
Autor: Dr. Livio Freiburghaus
Dr. med. Livio Freiburghaus arbeitet seit 2021 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im BSc-Studiengang Pflege und in der Weiterbildung Pflege an der Berner Fachhochschule. Seit 2024 ist er zudem als externer Dozent an der Gesundheitsschule der Schweiz (GSDS) und an der Careum-Hochschule aktiv und seit 2025 auch am Bildungszentrum SAKE. Zuvor arbeitete er als Assistenzarzt in den Bereichen Anästhesie, Psychiatrie und Kardiologie und engagierte sich parallel dazu in der Lehre, unter anderem als Berufsschullehrer an der Be-med Bern. Von 2022 bis 2023 absolvierte er ein CAS in Hochschuldidaktik und E-Learning an der Berner Fachhochschule. Er erwarb einen BSc und einen MSc in Humanmedizin an der Universität Bern und promovierte 2019 (Dr. med.).
Missverständnisse vermeiden, Nutzen erkennen
Am wichtigsten scheint mir, Missverständnisse über den Einsatz und den Zweck des «Clinical Assessment durch Pflegefachpersonen» aus dem Weg zu räumen. Entsteht der Eindruck, dass Pflegefachpersonen Aufgaben der Ärzteschaft übernehmen sollen, um bei der Diagnosestellung zu helfen, ist die Implementierung von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das wird (zurecht) auf Widerstand stossen. Vielmehr geht es darum, den Mehrwert für alle Beteiligten sicht- und spürbar zu machen und mögliche Zielkonflikte zu beseitigen.
Die primäre Frage, die uns im Gesundheitswesen umtreiben sollte, ist immer der Nutzen für die Patient*innen. Dieser steht ausser Frage, denn durch die Nähe der Pflegefachpersonen an den Patient*innen kann durch das Clinical Assessment ermöglicht werden, dass Zustandsveränderungen oder Dringlichkeitsbeurteilungen rascher bzw. zuverlässiger erhoben werden (Clarke 2014; Scherer et al. 2010).
Praxisbeispiel: Früherkennung bei chronischer Herzinsuffizienz
Eine im Clinical Assessment geschulte Pflegefachperson erkennt bei Patient*innen mit einer chronischen Herzinsuffizienz Zeichen einer Dekompensation, etwa Halsvenenstauung, periphere Ödeme oder Rasselgeräusche als Hinweis auf ein Lungenödem, je nach Setting – beispielsweise in der Spitex oder im Pflegeheim – rascher und kann diese an die Ärzteschaft weiterleiten.
Auch für die Pflegefachpersonen selbst entsteht ein Mehrwert: Im Rahmen des Fachkräftemangels ist die Attraktivität der Arbeit ein wichtiger Punkt (Scherer et al. 2010). Diese kann durch erweiterte Kompetenzen und Handlungsfelder erhöht werden. So können Pflegemassnahmen wie das Sekretmanagement oder die Atelektaseprophylaxe geplant und in den Pflegeprozess integriert werden.
Schliesslich kann es zu einer Entlastung der Ärzteschaft führen, wenn punktuell gewisse Untersuchungen delegiert und Patientensituationen durch die Pflegefachpersonen umfassender beurteilt und systematischer rapportiert werden können. Wichtig ist, dass das Clinical Assessment durch die Pflege niemals das Clinical Assessment durch die Ärzteschaft ersetzen darf. Beide Berufsgruppen führen zwar zum Teil gleiche Untersuchungen durch, haben aber einen anderen Fokus und ein anderes Ziel (ebd.).
Der Faktor Zeit
Eine grosse Herausforderung bei der praktischen Umsetzung ist der Faktor Zeit. Da alle im Gesundheitswesen tätigen Berufsgruppen chronisch unter Zeitmangel leiden, werden zusätzliche Tätigkeiten oft als unzumutbare Belastung angesehen. Dieser Einwand ist berechtigt und zumindest kurzfristig wohl auch korrekt. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass ein fokussiertes klinisches Assessment durch geübte Fachpersonen teilweise nur ein bis zwei Minuten in Anspruch nimmt (siehe obiges Beispiel mit der Herzinsuffizienz: kurze Inspektion der Halsvenen und der Beine, Perkussion und Auskultation der Lunge, ggf. Auskultation des Herzens und Palpation der peripheren Pulse).
Wenn durch regelmässiges Durchführen eines kurzen, fokussierten Assessments Zustandsverschlechterungen schneller festgestellt werden und eine adäquate Reaktion darauf erfolgt, können jedoch langfristig mehr Zeit und Ressourcen eingespart werden, als für das Clinical Assessment investiert wurde (Clarke 2014). Es liegt aber auch in der Verantwortung der Kliniken, Zeitfenster zu schaffen, in denen die erlernten Skills angewendet werden können. Auch ist zu erwähnen, dass das Clinical Assessment zur Stellung von Pflegediagnosen ohnehin eigentlich unabdingbar ist (NANDA, 2024–2026). Beispielsweise erfordert die Pflegediagnose «übermässiges Flüssigkeitsvolumen» die Beurteilung von Merkmalen wie Jugularvenenstauung, Pleuraerguss, Ödeme und dem 3. Herzton. Es ist wichtig, dass sich die Pflegefachpersonen dieser Tatsache bewusst sind, um ihr Handeln rechtfertigen und begründen zu können.
Erkenntnisse aus der Praxis
Studien aus der Ausbildung zeigen, dass Pflegefachpersonen im Clinical Assessment vor allem inspektorische Skills anwenden, während Palpation, Perkussion und Auskultation seltener genutzt werden (siehe Box). Im Unterricht des Clinical Assessments wird passend zu diesen Erkenntnissen stets auf die Wichtigkeit der Inspektion hingewiesen. Viele Informationen werden durch gutes Beobachten gewonnen. Inspektion ist viel mehr als blosses Schauen. Die anderen Aspekte des Clinical Assessments erfordern hingegen viel mehr Erfahrung, um schlüssige Erkenntnisse zu ziehen (Lindpaintner 2007). Auf Diplomstufe mit Weiterbildung im Clinical Assessment kann auf die Basics fokussiert werden, während BSc-/MSc-Absolvent*innen vertieftes Clinical Assessment anwenden und Ärzt*innen das gesamte Repertoire nutzen können. Jede Fachperson handelt dabei nach den jeweiligen Möglichkeiten, mit unterschiedlichem Fokus und Ziel (Scherer et al. 2010).
Studien aus der Ausbildung
Bachelor-Thesis zum «Clinical Assessment durch Pflegefachpersonen» (BFH)
Vor 5 Jahren wurde an der Berner Fachhochschule eine Bachelor-These geschrieben, die sich ebenfalls mit der Thematik der Umsetzung des «Clinical Assessment durch Pflegefachpersonen» beschäftigte (Geissbühler 2020). In dem Rahmen wurde untersucht, welche Skills durch die Pflege vorwiegend angewendet werden. Interessanterweise werden vor allem inspektorische Skills gebraucht, während Perkussion, Palpation und Auskultation der Organe weniger breit genutzt werden.
Umfrage bei Absolvierenden des Clinical Assessments (ZHAW)
Im Jahr 2014 wurde an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaft (ZHAW) eine Umfrage bei Absolvierenden des Clinical Assessments gemacht, um den Nutzen für die pflegerische Praxis zu ermitteln (Steudter et al. 2015). Zusammenfassend gaben die Studierenden an, dass sie Zustandsveränderungen und Normabweichungen schneller und zuverlässiger feststellten und entsprechend reagieren konnten. Sie fühlten sich handlungsfähiger und in der Lage, Pflegefehler zu vermeiden. Zudem wurde angegeben, dass die Fähigkeit, Zusammenhänge schneller und besser verstehen zu können, durch die Ausbildung zugenommen habe.
Als langjähriger Dozent des Clinical Assessments in der Weiterbildung an der BFH erlebe ich in den Kursen eine grosse Heterogenität der Teilnehmenden. Die Gründe für die Teilnahme sind vielfältig: persönliche berufliche Weiterentwicklung, das Bedürfnis, klinische Situationen selbstständig in Bezug auf Dringlichkeit und Schweregrad beurteilen zu können (z. B. bei der Arbeit in der Spitex oder in Pflegeheimen) oder die adäquate Betreuung von Studierenden als Berufsbildner*in. Institutionen schicken ihre Mitarbeitenden häufig in den Fachkurs, weil sie den Mehrwert des Clinical Assessment erkannt haben. Viele Teilnehmende möchten nach dem Fachkurs die Thematik weiter vertiefen und schliessen den Fachkurs Decision Making an. In diesem geht es verstärkt um Verknüpfungen mit klinischen, pathologischen Beispielen und um die Vernetzung von Wissen und Skills.
Fazit
Das Clinical Assessment in der Pflege bietet jede Menge Chancen für Patient*innen, Pflegefachpersonen und die Ärzteschaft. Es kann die interdisziplinäre Zusammenarbeit verbessern, wenn alle die gleiche Sprache sprechen und Eindrücke und Bauchgefühle der Pflege auch objektiviert werden können (Scherer et al. 2010). Voraussetzung ist, dass sich alle Beteiligten über den Zweck und die Einsatzgebiete im Klaren sind und die jeweiligen Grenzen erkennen und einhalten. Bleibt zu hoffen, dass die Implementierung Schritt für Schritt vorwärts geht – zum Wohle aller.
Literatur
- Birks, M., Cant, R., James, A., Chung, C., & Davis, J. (2013). The use of physical assessment skills by registred nurses in Australia: Issues for nursing education. In: Collegian, 20(1), 27–33.
- Clarke, C. (2014). Promoting the 6Cs of nursing in patient assessment. In: Nursing Standard 28(44), 52–53.
- Geissbühler, R. Anwendung des Clinical Assessments durch Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner mit BSc in Pflege in der klinischen Praxis (Bachelor-Thesis, Berner Fachhochschule, BFH).
- Lindpaintner, L. S. (2007). Der Beitrag der Körperuntersuchung zum klinischen Assessment: wirksames Instrument der professionellen Pflege. In: Pflege, 20(4), 185–190.
- Lindpaintner L.S., Bischofberger I., Brenner A., Knüppel S., Scherer T., Schmid A., Schäfer M., Stoll H. R., Stolz-Baskett P., Weyermann-Etter S. Hengartner-Knopp B. (2009). Defining Clinical Assessment Standards for Bachelor’s Prepared Nurses in Switzerland. In: Journal of Nursing Scholarship, 41(3), 321.
- NANDA International. (Hrsg.). (2024). NANDA-I-Pflegediagnosen: Definitionen und Klassifikation 2024–2026 (13. Aufl.). Thieme.
- Scherer, T., Schmid-Meister, A., Bischofberger, I, (2010). Clinical Assessment in der Bachelorausbildung: Professionelle Kompetenz zur Erfassung von Pflegesituationen. In: Krankenpflege, 2, 16–19.
- Steudter, E., Knüppel Lauener, S., Pillar, M.-T., Schrimpf, M., & Zweifel, A. (2015). Stärkung der Pflege im multiprofessionellen Behandlungsteam: Klinisches Assessment für die Pflegepraxis, Teil 7. In: Krankenpflege, 108(1), 24–26.