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International und nachhaltig: Wie die BFH Wirtschaft den Balanceakt meistert
20.05.2026 Internationalisierung gilt an Hochschulen als Qualitätsmerkmal. Gleichzeitig wächst der Anspruch, ökologisch und sozial nachhaltig zu handeln. Wie geht die BFH Wirtschaft mit diesem Zielkonflikt um? Ein Gespräch mit Claudine Gaibrois, Co-Leiterin des Instituts Marketing & Global Management, und Tobias Stucki, Co-Leiter des Instituts Sustainable Business.
Nachhaltigkeit ist ein oft verwendetes Schlagwort. Wie würden Sie den Begriff aus Ihrer Fachoptik definieren?
Tobias Stucki: Für mich ist Nachhaltigkeit nur sinnvoll, wenn wir sie ganzheitlich denken: ökologisch, ökonomisch und sozial. Wir versuchen, nicht nur eine Dimension zu betrachten. Ein Beispiel ist die Kreislaufwirtschaft. Sie reduziert den Ressourcenverbrauch und schont die Umwelt, sie kann aber auch Kosten senken. Gleichzeitig hat sie soziale Auswirkungen entlang globaler Lieferketten – positive wie negative. Genau deshalb braucht es diese umfassende Sicht.
Claudine Gaibrois: Ich teile diese Definition, setze in meiner Arbeit aber andere Schwerpunkte. Mein Fokus liegt stärker auf der sozialen Nachhaltigkeit: auf Fragen von Teilhabe, Inklusion und Chancengleichheit im Kontext von Sprachenvielfalt und Migration. Was bedeutet es, wenn Menschen eine andere Muttersprache haben als die Mehrheit – etwa für ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt? Nachhaltigkeit ist für mich eng mit den Sustainable Development Goals der UNO verbunden. Eine Stärke unseres Departements ist, dass die unterschiedlichen Perspektiven auf Nachhaltigkeit zusammenkommen.
Wo liegt der Kern des Zielkonflikts zwischen Nachhaltigkeit und Internationalisierung?
CG: Wenn man Internationalisierung ausschliesslich mit der Notwendigkeit zu physischer Mobilität und somit in vielen Fällen zu Flugreisen verbindet, ist der Konflikt offensichtlich. Die entscheidende Frage ist aber, ob Internationalisierung zwingend so stattfinden muss. An der BFH Wirtschaft wird sehr bewusst unterschieden, wo Mobilität wirklich nötig ist.
TS: Der Zielkonflikt zeigt sich oft erst im Alltag. Ich erinnere mich an eine Diskussion im Unterricht zur Kreislaufwirtschaft. Ein Student aus Kuba meinte: «Das, was ihr hier als neues Konzept beschreibt, machen wir schon lange, weil wir uns Verschwendung gar nicht leisten können.» Das war ein wichtiger Moment. Er zeigt, dass Nachhaltigkeit nicht einfach eine Wohlstandsfrage ist, sondern auch aus Notwendigkeit entstehen kann.
Was lernen die Student*innen konkret aus diesen Spannungsfeldern zwischen Nachhaltigkeit und Internationalisierung?
TS: Wir versuchen, die Student*innen gezielt mit realen Zielkonflikten zu konfrontieren – etwa in Projekten zur Kreislaufwirtschaft oder zu nachhaltigen Geschäftsmodellen. Dabei geht es nicht darum, die eine richtige Lösung zu finden, sondern sichtbar zu machen, welche ökologischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen unterschiedliche Entscheide haben. Die Student*innen lernen so, Entscheide bewusst zu treffen und zu begründen – auch dann, wenn keine Option eindeutig optimal ist. Diese Fähigkeit ist zentral für späteres Handeln, zum Beispiel in international tätigen Unternehmen.
CG: Ergänzend dazu geht es stark um Haltung. Die Student*innen sollen lernen, Ambivalenzen auszuhalten und unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen. Gerade internationale Zusammenarbeit – auch ohne physische Mobilität – schafft solche Lernmomente. Wenn die Student*innen mit anderen Kontexten, Erfahrungen und Sichtweisen konfrontiert werden, hinterfragen sie den eigenen Standpunkt und erweitern ihn. Das ist eine wichtige Grundlage, um mit komplexen globalen Spannungsfeldern umgehen zu können.
Welche Rolle spielt denn die Internationalisierung überhaupt in der Lehre?
CG: Mit der sogenannten Internationalisation@Home ermöglichen wir internationalen Austausch ohne physische Mobilität. Die Student*innen arbeiten mit Student*innen unserer Partnerhochschulen im Ausland über mehrere Wochen bis hin zu ganzen Semestern in internationalen Teams online an Projekten zusammen. Das ist ökologisch sinnvoll und sozial inklusiv, weil auch Student*innen teilnehmen können, die aus finanziellen oder persönlichen Gründen nicht reisen können.
TS: Gerade diese Durchmischung wird von den Student*innen als grosse Stärke wahrgenommen. Unterschiedliche Hintergründe führen zu anderen Fragen – und oft zu besseren Lösungen.
Wie setzen Sie Nachhaltigkeit bei Reisen um?
CG: Auch in der Forschung versuchen wir, Flugreisen möglichst zu minimieren. Wir tun, was nötig ist, aber nicht alles, was möglich wäre. Gleichzeitig bleibt der persönliche Austausch zentral, unter anderem auch darum, weil Forschungsideen und -kooperationen häufig in ungeplanten Begegnungen entstehen.
TS: Reisen ist ein Privileg, das bewusst eingesetzt werden sollte. Umso wichtiger ist es, Alternativen zu prüfen. Muss es wirklich diese Konferenz in Übersee sein – oder gibt es Formate, die näher sind und ähnlich viel Wirkung entfalten?
Wie blicken Sie im Hinblick auf das Spannungsfeld zwischen Internationalisierung und Nachhaltigkeit in die Zukunft?
TS: Global werden die Spannungen zunehmen – durch Klimawandel und Ressourcenknappheit. Nachhaltigkeitsfragen werden dadurch noch drängender.
CG: Gerade deshalb sehe ich für Hochschulen auch Chancen. Bewusste Internationalisierung und die Forderung interkultureller Kompetenzen können helfen, globale Probleme gemeinsam anzugehen. Das stimmt mich trotz allem zuversichtlich.
Die Gesprächspartner*innen
Claudine Gaibrois ist Co-Leiterin des Instituts Marketing & Global Management an der BFHWirtschaft. Sie forscht und lehrt zu globalem und interkulturellem Management mit den Schwerpunkten Sprachenvielfalt, Migration, Inklusion und soziale Nachhaltigkeit.
Tobias Stucki ist Co-Leiter des Instituts Sustainable Business an der BFH Wirtschaft und Co-Studiengangsleiter des MSc Circular Innovation and Sustainability. Er fokussiert sich in seiner Arbeit auf Kreislaufwirtschaft, nachhaltige Geschäftsmodelle und die Integration von Nachhaltigkeit in Lehre und Praxis.
Dieser Beitrag erschien im Präsenz 1/2026.
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