- Story
Pilze im Hörtest
03.06.2026 Forschende der BFH-HAFL testen, wie Schallwellen Edelpilze beeinflussen – und ob sich Wachstum und Qualität künftig gezielt mit Frequenzen steuern lassen.
Das Wichtigste in Kürze
-
Schallwellen können das Wachstum und den Stoffwechsel von Edelpilzen beeinflussen und wirken je nach Frequenz fördernd oder hemmend.
-
Pilzarten reagieren sehr unterschiedlich auf akustische Reize, was reproduzierbare Versuche anspruchsvoll macht.
-
Anwendungen könnten künftig Wachstum, Ertrag oder Aromabildung gezielt steuern, wenn passende Parameter zuverlässig bestimmbar sind.
Immer wieder berichten Pilzsammlerinnen und -sammler von besonders zahlreichen Pilzfunden nach Gewittern. Natürlich: Regen und feuchte Luft lassen Pilze besonders gut gedeihen. Oder spielt noch ein weiterer Faktor eine Rolle?
Diese Hypothese machte Raymond Place mit seinem Team an der BFH‑HAFL zum Ausgangspunkt ihrer Forschung.
Über Impulse
Wenn nach dem Blitz der Donner grollt, gerät die Luft in Schwingung. Donner ist nichts anderes als Schall – ein physikalischer Reiz, der sich über weite Distanzen ausbreitet.
Neben Regen und Feuchtigkeit rückt damit ein weiterer möglicher Einflussfaktor in den Fokus. Diese Inspiration nahm das Team an der BFH-HAFL mit ins Labor. In ersten Vorversuchen mit Pilzkulturen auf Agarplatten zeigte sich, dass Schallwellen das Wachstum tatsächlich beeinflussen können.
«Damit war für das Team naheliegend, Schall als Faktor systematisch zu testen: kontrolliert und messbar», erklärt Raymond Place, Dozent für Lebensmittelmikrobiologie und -sicherheit an der BFH-HAFL.
Der biologische Hintergrund: «Schwingungen können unter anderem die Zellmembran der Pilze beeinflussen oder Stressreaktionen auslösen», so Place. Beides kann indirekt den Stoffwechsel verändern – und damit, welche Stoffe die Pilze bilden und wie aktiv sie sind.
Für Hobbymusiker Raymond Place eine besondere Ausgangslage: «Mich fasziniert die Verbindung von Wissenschaft, Technologie und Klang – und die Idee, dass Schall nicht nur unsere Wahrnehmung prägt, sondern auch biologische Prozesse beeinflussen kann.»
Musikoptimierte Lebensmittel
Impulsgeber der hier vorgestellten Pilzversuche ist das BFH‑übergreifende Projekt «Musikoptimierte Lebensmittel». Unter der Leitung von Michael Harenberg von der Hochschule der Künste Bern (HKB) und Raymond Place von der HAFL untersuchten Forschende der BFH, wie Schallwellen im hörbaren Bereich auf Mikroorganismen wirken – insbesondere in Lebensmitteln, die einem Reifungsprozess unterliegen, etwa bei Käse.
Good Vibes?
Wer an Schall denkt, denkt an laut oder leise. Für die Pilze ist aber vor allem entscheidend, welche Frequenz ankommt – und unter welchen Bedingungen. Je nachdem wirken sich Schwingungen unterschiedlich auf ihren Stoffwechsel aus.
Place bringt es auf den Punkt: «Schall kann den Stoffwechsel aktivieren und damit Wachstum stimulieren; in anderen Fällen aber auch hemmend wirken.» Darum testet das Team verschiedene Frequenzen systematisch – im hörbaren Bereich, etwa zwischen 50 und 750 Hertz.
Denn dass Pilze reagieren, heisst noch nicht, dass jede Art auf denselben Ton anspricht. Um solche Effekte gezielt untersuchen zu können, braucht es genaue Versuchsbedingungen. Im Versuch muss Schall präzise erzeugt und messbar sein.
Hier fliesst punktuell das Know-how der Hochschule der Künste Bern ein – etwa bei der Definition und Gestaltung von Frequenzen, damit Versuche vergleichbar werden. Raymond Place: «In unseren Untersuchungen wirkte der Schall nicht direkt auf die Edelpilze, sondern auf das Substrat, mit dem Myzel, aus dem sich die Pilze entwickeln.»
Während der frühen Phase der Fruchtkörperbildung wurden die Kulturen für kurze Zeit bestimmten Frequenzen ausgesetzt. Bei einzelnen Arten stieg der Ertrag, andere reagierten dagegen negativ. Damit zeigt sich: Der Effekt von Schall ist real, hängt aber stark von der Art und dem jeweiligen Versuchsrahmen ab.
«Ich war überrascht, wie unterschiedlich selbst eng verwandte Pilzarten reagieren», resümiert Place. So exakt die Versuchsanordnung auch gewählt ist: Eine zentrale Herausforderung bleibt die Reproduzierbarkeit. «Solche Effekte lassen sich aktuell noch nicht zuverlässig wiederholen. Pilze reagieren komplex auf ihr Umfeld.»
Ein Sonderfall ist der Hybridpilz Black Pearl. «In den bisherigen Versuchen zeigte er bei allen getesteten Frequenzen leichte Ertragssteigerungen», so Place. Beschrieben wurde die Kreuzung zwischen Austernseitling und Kräuterseitling erstmals in einer HAFL-Publikation.
Schall kann den Stoffwechsel aktivieren und damit Wachstum stimulieren; in anderen Fällen aber auch hemmend wirken.
Vom Versuch zur Anwendung
Noch ist Schall in der Pilzproduktion kein Standard. Doch Raymond Place sieht Potenzial, wenn sich die passenden Parameter verlässlich bestimmen lassen. Versuche bei der Kernser Edelpilze GmbH lieferten bereits vielversprechende Ergebnisse.
Der Fokus liegt nun also darauf, die Bedingungen zu identifizieren, unter denen sich Effekte zuverlässig einstellen lassen. Langfristig interessiert das Team, ob sich über Schall nicht nur Wachstum und Ertrag, sondern auch Eigenschaften wie Wuchsform, Reifung oder Aromabildung beeinflussen lassen.
Place ergänzt: «Denkbar wäre auch, Kulturen in sensiblen Entwicklungsphasen gezielter zu unterstützen und Erträge stabiler zu machen.»
Für Place überwiegt trotz aller offenen Fragen der Reiz des Neuen. Schall könne vergleichsweise einfach und energieeffizient eingesetzt werden. «Noch steht die Forschung am Anfang. Doch Klang könnte künftig eine interessante Ergänzung zu bestehenden Verfahren werden.» Sie öffnet ein Feld, das klassische Lebensmittelwissenschaft um eine unerwartete Dimension erweitert.