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Nah an den Menschen: Soziale Arbeit in Marseille
03.02.2026 Ein Austauschsemester in Marseille hat der BFH-Studentin Maria Schibli gezeigt, wie nah Soziale Arbeit an den Menschen ist. Bei praxisnahem Unterricht und Wanderungen am Meer erlebte sie, wie ein Auslandssemester fachlich und persönlich prägt.
Das Wichtigste in Kürze
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Das Austauschsemester in Marseille ermöglichte BFH-Studentin Maria Schibli einen praxisnahen Einblick in Soziale Arbeit und neue fachliche Perspektiven.
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Der Studiengang «Éducateur Spécialisé» überzeugte durch interaktive Lehrformen und den direkten Einbezug von Adressat*innen.
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Das Studium auf Französisch forderte heraus, stärkte aber nachhaltig Sprachkompetenz und Selbstvertrauen.
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Marseille bot mit Meer, Calanques und lebendiger Stadtkultur ein einzigartiges Lern- und Lebensumfeld.
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Das Auslandssemester mit Praktikum förderte persönliche Entwicklung, Selbstständigkeit und den Mut, die eigene Komfortzone zu verlassen.
Ein Austauschsemester entsteht nicht immer aus einem lange gehegten Plan. Bei Maria Schibli war es vielmehr ein Moment der Inspiration. Eigentlich hatte sie zunächst nicht vor, ins Ausland zu gehen – der Umzug nach Bern lag noch nicht lange zurück. Doch beim gemeinsamen Durchsehen der Partnerhochschulen der BFH mit Freundinnen tauchte Marseille auf. Ab diesem Moment war die Begeisterung geweckt. Die Chance, im Ausland zu studieren, auf Französisch zu lernen, in einer neuen Stadt zu leben und neue Menschen kennenzulernen, wollte sie ergreifen.
Marseille war für die Austauschstudentin kein unbekannter Ort. Sie hatte die Stadt bereits mehrfach besucht und schätzte ihre besondere Mischung: die lebendige Grossstadt, das Meer, die Nähe zu den Calanques, wo man baden, klettern und wandern kann – eine ideale Kombination. Gemeinsam mit unserem Studienkoordinator Raymund Gerig organisierte sie schliesslich ihr Austauschsemester an der IRTS PACA et Corse.
Zur Person
Maria Schibli absolvierte das Frühlingssemester 2025 an der IRTS PACA et Corse in Marseille. Seit Februar befindet sie sich im 6. Semester des Vollzeitstudiums (C23) und absolviert aktuell ihr Praktikum in der Schulsozialarbeit und Jugendarbeit. Ihre thematischen Vertiefungen liegen in den Bereichen Biografische Herausforderungen sowie Erziehung und Sozialisation. Sie ist 22 Jahre alt, in Schwyz aufgewachsen und lebt seit knapp drei Jahren in der Stadt Bern.
Erwartungen zwischen Vorfreude und Druck
Vor der Abreise war die Vorfreude gross, zugleich setzte sich Maria Schibli selbst unter Druck. Das Austauschsemester sollte «die Zeit ihres Lebens» werden. Gleichzeitig tauchten viele Fragen auf: Würde sie Anschluss finden? Wie würden die anderen Studierenden reagieren? Würde sie fachlich mithalten können – insbesondere in einer Fremdsprache?
Als erste Studierende der BFH, die ein Austauschsemester in Marseille absolvierte, war vieles Neuland. Sehr hilfreich war für sie der Austausch mit Clara Bombach, die selbst in Marseille studiert hatte. Diese ermutigte sie, flexibel zu bleiben und im Notfall vor Ort Anpassungen am Learning Agreement vorzunehmen. Insgesamt fühlte sich Frau Schibli von Seiten der BFH gut unterstützt.
Ankommen in einer offenen Stadt
Die ersten Tage in Marseille erlebte Maria Schibli als intensiv, aber sehr positiv. An der Hochschule wurde sie herzlich empfangen. Die verantwortliche Person, Marie-Pierre Nazon, stellte ihr die wichtigsten Ansprechpartner*innen vor und zeigte ihr die Räumlichkeiten. Als einzige Austauschstudentin fiel sie auf – was es ihr paradoxerweise erleichterte, mit anderen Studierenden in Kontakt zu kommen. Das Interesse war gross, die Offenheit ebenfalls. Bereits in der ersten Woche ging sie mit einer Gruppe Studierender aus.
Generell nahm sie die Menschen in Marseille als sehr kommunikativ wahr und Kontakte entstanden oft spontan. Eine ihrer engsten Freundschaften entwickelte sich bereits in der ersten Woche – zufällig in der WC-Schlange einer Bar. Solche Begegnungen wären ihr in der Schweiz deutlich schwerer gefallen.
Sprachlich war der Einstieg anspruchsvoll. Der marseillais Akzent unterscheidet sich stark vom Schulfranzösisch und ist häufig mit Verlan durchmischt. Die ersten Abende waren sehr ermüdend, da hohe Konzentration nötig war. Mit der Zeit lernte die Austauschstudentin jedoch typische Ausdrücke kennen, etwa «c’est tarpin relou» für «mega nervig», und das Verstehen fiel zunehmend leichter.
Die Chance, im Ausland zu studieren, musste ich packen – auf Französisch zu lernen, in einem neuen Land zu wohnen und neue Menschen kennenzulernen, war für mich die perfekte Gelegenheit.
Andere Normen, andere Rhythmen
Schon am ersten Studientag wurde Maria Schibli bewusst, wie stark sie von schweizerischen Normen geprägt war. Sie kam fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn an – die Tür war bereits geschlossen. Als sie vorsichtig anklopfte und in den Raum blickte, stellte sie fest, dass noch niemand da war. Erst 15 bis 20 Minuten später trafen die ersten Studierenden ein, die dozierende Person sogar noch später. Diese Situation machte ihr deutlich, wie unterschiedlich Zeitverständnis und Pünktlichkeit interpretiert werden. Es war eines von vielen Erlebnissen, in denen sie lernte, sich von typisch schweizerischen Vorstellungen zu lösen.
Lernen mit und von Betroffenen
Maria Schibli studierte im Studiengang «Éducateur Spécialisé», der stark praxisnah und sozialpädagogisch ausgerichtet ist. Besonders prägend war für sie das Modul «Lutte contre les exclusions». Regelmässig kamen Adressat*innen der Sozialen Arbeit an die Hochschule und berichteten von ihren Lebensrealitäten. Auch Fachpersonen sozialer Organisationen stellten ihre Arbeit vor. In den Pausen entstanden intensive Gespräche und Diskussionen auf Augenhöhe.
Ein Nachmittag blieb der Austauschstudentin besonders in Erinnerung: Zwei Personen erzählten von ihrem Leben auf der Strasse – eine weiblich und eine männlich gelesene Person. Die weiblich gelesene Person schilderte eindrücklich, wie stark Frauen* auf der Strasse von Gewalt betroffen sind. Rund 90 Prozent erleben in den ersten zwei Wochen sexuelle Gewalt. Beide erzählten auch, was ihnen geholfen hatte, die Obdachlosigkeit zu überwinden. Besonders berührend war für die Austauschstudentin die vertrauensvolle Beziehung zwischen den beiden und ihrer Fachperson der Sozialen Arbeit. Dieser Nachmittag verdeutlichte ihr, wie zentral stabile Beziehungen und verlässliche Unterstützung sind.
Auch Begegnungen mit geflüchteten jungen Menschen vom «Collectif 113» prägten sie nachhaltig. Später traf sie diese Personen an politischen Anlässen wieder – Soziale Arbeit zeigte sich hier nicht nur als professionelles Handlungsfeld, sondern auch als politisches Engagement im öffentlichen Raum.
Studium, Praktikum und Alltag am Meer
In Marseille ist das Studium berufsbegleitend organisiert: Unterricht und Praxisphasen wechseln sich regelmässig ab. Während ihres Aufenthalts absolvierte Maria Schibli ein Praktikum im Bereich Arbeitsintegration für Menschen mit Trisomie 21 beim Projekt T’Cap21. Sie begleitete Menschen im Alltag, etwa im Café, im Restaurant oder im Garten.
Dabei erlebte sie auch Herausforderungen. Die Organisation war sehr familiär, was es ihr schwer machte, professionelle Distanz zu wahren. Zudem befand sie sich als unbezahlte Praktikantin in einem Rollenkonflikt zwischen angehender Fachperson und formeller Freiwilliger. Diese Erfahrungen waren anspruchsvoll, aber lehrreich. Für Austauschstudierende ist ein Praktikum nicht obligatorisch – Maria Schibli würde es dennoch allen empfehlen.
Ein besonderer Bestandteil des Alltags war die Lage der Hochschule: direkt am Meer. Mittagspausen am Strand, Picknicks und kurze Badepausen gehörten zum Studienalltag – eine Erfahrung, die in dieser Form einzigartig war.
Schon am ersten Studientag wurde mir bewusst, wie unterschiedlich Normen und Erwartungen sind – ich musste lernen, mich von typisch schweizerischen Vorstellungen zu lösen und mich auf andere Rhythmen einzulassen.
Leben, Freundschaften und Herausforderungen
Maria Schibli lebte in einer Vierer-WG zwischen La Plaine und Cours Julien, zwei lebendigen Quartieren. Die WG-Suche gestaltete sich schwierig, da alles online lief. Erst einen Monat vor Semesterbeginn fand sie über «Carte des Colocs» eine passende Wohnung. Die Zusage war eine enorme Erleichterung.
Anschluss fand sie schnell: über die WG, das Studium, das Praktikum und viele alltägliche Begegnungen. Bewusst pflegte sie fast ausschliesslich französischsprachige Freundschaften. Dies stärkte nicht nur ihre Sprachkompetenz, sondern ermöglichte ihr auch einen tiefen Einblick in das Leben vor Ort.
Natürlich gab es auch Herausforderungen: Heimweh, Hitze, Unsicherheiten – und kurz vor Schluss sogar Bettwanzen in der WG, die einen Umzug notwendig machten. Rückblickend verging das halbe Jahr unglaublich schnell.
Wachsen über sich hinaus
Das Austauschsemester in Marseille prägte Maria Schibli fachlich wie persönlich. Sie baute ihre Kommunikationskompetenz aus, eignete sich neues Fachvokabular an und setzte sich intensiv mit ihrer professionellen Rolle auseinander. Gleichzeitig gewann sie an Selbstständigkeit und Selbstvertrauen. Marseille zeigte ihr, wie nah Soziale Arbeit an den Menschen sein kann – und wie wichtig zivilgesellschaftliches Engagement dort ist, wo staatliche Systeme an ihre Grenzen stossen.
Ein Austauschsemester lohnt sich. Trotz organisatorischem Aufwand, trotz Unsicherheiten. Gerade während des Studiums bietet es die Möglichkeit, neue Perspektiven zu gewinnen, über sich hinauszuwachsen und nachhaltige Erfahrungen zu sammeln. Frau Schiblis wichtigster Rat an andere Studierende: weniger Sorgen machen, offen bleiben und den Mut haben, den Schritt ins Ausland zu wagen.
Marseille war für sie genau der richtige Ort dafür.