• Story

Motiviert und mit Stolz musizieren

20.02.2026 Piktogramm-Karten, die den Musikunterricht erleichtern und bereichern, vor allem auch für Schüler*innen mit Neurodivergenz: Entwickelt hat dies eine HKB-Musikpädagogik-Studierende – bis zum marktreifen Produkt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die You «C» Cards sind Piktogramm-Karten, die Musikunterricht visuell strukturieren und partizipativer sowie inklusiver gestalten.

  • Besonders wertvoll sind die Karten für Schüler*innen mit Neurodivergenz oder Behinderung. 

  • Das Kartenset umfasst rund 80 Karten aus zwei Kategorien mit unterschiedlichen Funktionen: Kompetenz- und Aktionskarten. 
  • Eine der Wurzeln des Projekts liegt im Studium an der HKB; die Entstehung der Karten wurde unter anderem durch Students4Sustainability gefördert.

Beginn einer Gesangsstunde: Auf einem Tisch liegen Karten mit Piktogrammen, die aus einem Gesellschaftsspiel stammen könnten. Darauf stehen Begriffe wie «Rituale integrieren», «Reflexion» und «Repertoire pflegen». Ein Schüler liest aus den angebotenen Karten aus, wie er den Auftakt des Unterrichts gestalten möchte. Im Lauf der Stunde kommen er und seine Lehrerin Salomé Calina Schneiter mehrfach auf die Karten zurück, um zu besprechen, wie sie vorgehen und festzuhalten, was sie erreicht haben.

Mehr Motivation dank Mitsprache

«Die You «C» Cards helfen, den Musikunterricht visuell zu strukturieren und ihn greifbarer, transparenter, partizipativer und inklusiver zu gestalten», erklärt die angehende Musikpädagogin Salomé Calina Schneiter. «Dank der Karten können die Schüler*innen ihre Bedürfnisse besser wahrnehmen und einfacher kommunizieren, da eine Auswahl visuell zur Verfügung steht. Es werden dabei auch Bereiche abgedeckt, die sonst häufig untergehen, wie ein eigenes Projekt gestalten, Achtsamkeit oder Selbstständigkeit.»

Hand zeigt mit Zeigefinger auf eine bunte Piktogrammkarte in einer Reihe verschiedener Karten-
Die Unterrichtslektion auf einen Blick

Der Gedanke dahinter: Wenn Schüler*innen im Musikunterricht mitbestimmen und eigene Ziele definieren, steigt ihre Motivation. Basis der Karten sind psychologische und didaktische Grundlagen, die Salomé Calina Schneiter unter anderem in ihrem Studium an der Hochschule der Künste Bern HKB kennengelernt hat.

Besonders wertvoll bei Neurodiversität

«Die You «C» Cards sind für alle geeignet, die Musikunterricht haben, auch unabhängig vom Alter», erklärt Salomé Calina Schneiter. «Besonders wertvoll sind sie aber für Menschen mit Behinderung oder Neurodiversität, wie zum Beispiel ADHS oder Personen im Autismus-Spektrum.» Sie profitieren besonders davon, dass die Karten die Kommunikation unterstützen, durch Transparenz und Einflussmöglichkeiten Sicherheit geben und individuelle Lernwege fördern.

So funktionieren die You «C» Cards

Das Set aus rund 80 Karten ist in zwei Hauptkategorien aufgeteilt:

Die Kompetenzkarten machen Lernziele und Lernfelder sichtbar, sodass Schüler*innen ihre persönlichen Stärken erkennen und diese gezielt weiterentwickeln können (z. B. Selbstständigkeit, Motivation, Reflexionsfähigkeit).

Die Aktionskarten bieten konkrete Handlungsmöglichkeiten und Werkzeuge (z. B. Eigenes Lernen organisieren, Atemübung machen) und geben Ideen, womit gearbeitet werden kann, um Ziele zu erreichen und Kompetenzen weiter zu entfalten. Sie unterstützen so einen klar strukturierten und abwechslungsreichen Unterricht. 

Für Lehrpersonen bieten die Karten einen einfachen Weg, Inklusion zu unterstützen: Sie können ihre bewährten Werkzeuge, Methoden und Unterrichtsstile beibehalten und ergänzend ihren Schüler*innen mehr Orientierung, Bedürfnis- und Themen-Klärung sowie einen klaren Fokus ermöglichen.  

Die Lehrperson legt dazu den gesamten Unterrichtsablauf als Kartenreihe auf den Tisch und stellt in ausgewählten Abschnitten eine Vorauswahl von 2–6 Karten zur Verfügung. Dadurch entsteht eine flexible, aber sichtbare Struktur, die für Lernende und Lehrende den Fokus klar kommuniziert, einen Anker bildet und damit einer Überforderung vorbeugt.  

Vielfältige Wirkung

Dank der Karten können die Schüler*innen ihren Lernweg besser nachvollziehen, sind sich stärker bewusst, was sie bereits gelernt haben und wo sie gerne noch weiterlernen möchten.

«Ich freue mich immer wieder darüber, für welche Themen und Bereiche sich meine Schüler*innen interessieren», sagt Salomé Calina Schneiter und erwähnt das Beispiel einer Schülerin, die ihre Leidenschaft für Komposition entdeckte.

Es steckt eben mehr in den Karten als nur «see», also Sehen und Wahrnehmen: Im C der You «C» Cards kann auch «choose» gelesen werden (du wählst), «can» (du kannst) oder «create» (du kreierst). Als Lehrperson profitiert Salomé Calina Schneiter von den Karten auch bei der Nachbereitung des Unterrichts.  

Idee aus dem Studium

Die Idee für die You «C» Cards hat einen persönlichen Hintergrund. «In meiner eigenen Musik-Lernkarriere hätte ich gerne mehr Mitsprache und Möglichkeiten gehabt, Ziele zu definieren», sagt die ausgebildete Sängerin Salomé Calina Schneiter. «Im Studium Musikpädagogik an der HKB hatte ich dann einen Kurs ‹Lernen mit Bildern›. Da habe ich mich gefragt: Wie können Bilder im Unterricht helfen? Es gibt bereits visuelle Hilfen für den Schulunterricht allgemein, speziell für die Fachdidaktik in der Musik habe ich jedoch nichts gefunden.»

Unterstützung von Students4Sustainability

Students4Sustainability ist der gemeinsame Hub der Berner Fachhochschule, der Universität Bern, der Pädagogischen Hochschule Bern und des Pädagogischen Hochschulinstituts NMS Bern.

Zusammen setzen sich die Hochschulen dafür ein, dass studentisches Engagement im Bereich Nachhaltigkeit gefördert und unterstützt wird. Projekte wie You «C» Cards können sich bei Students4Sustainability um Förderung bewerben.

Studierende erhalten nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern werden auch durchgehend begleitet: «Ich erhielt von S4S ein Coaching und konnte mich mit anderen Engagierten vernetzen», erzählt Salomé Calina Schneiter. «Das war eine echte Bereicherung.» 

Die ersten Schritte zum Kartenset machte sie im Rahmen ihres Studiums auf Basis der Arbeiten von Professor Andreas Cincera und mit Hilfe von Viviane Ruof und anderen Kommiliton*innen. Unterstützung gab und gibt es zudem von Students4Sustainability, dem Hub für studentisches Engagement im Bereich Nachhaltigkeit (siehe Infobox). Denn mit dem Fokus auf Inklusion leisten die Karten einen Beitrag zur sozialen Nachhaltigkeit. 

Von der Idee zur Vermarktung

Längst haben die You «C» Cards den Rahmen eines studentischen Projekts gesprengt. «Mit Anna Wenger stand mir eine professionelle Grafikerin zur Seite. Mitentwickelt wurden die Karten von einem breit aufgestellten interdisziplinären Projektteam aus der Musikpädagogik, Psychologie und Heilpädagogik.»

Die finalen Piktogrammkarten nutzen bewusst eine klare, reduzierte Gestaltung und sind dadurch auch für Menschen mit besonderen Bedürfnissen möglichst leicht verständlich. «Zum Teil gingen die Entwürfe bis zu acht Mal hin und her, bis ein gemeinsames Verständnis gefunden war.» Die Stiftung ‹Denk an mich› und weitere Sponsor*innen unterstützen das Projekt. Als nächster Schritt steht nun die Aufschaltung der Website mit Bestelltool an.  

Stolz statt Scham

Angefangen mit den Prototypen setzt Salomé Calina Schneiter die Karten seit Oktober 2024 in ihrem Musikunterricht ein. «Die Karten lenken den Blick auf die Ressourcen und Stärken der Lernenden», fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. «Sie schauen dabei nicht nur auf ein Musikstück, sondern auf ihre gesamte Musikkarriere und sich selbst als Mensch.» Auch dies sei bei den Schüler*innen mit Neurodivergenz besonders wertvoll, die von der Gesellschaft oft mit einem defizitorientierten Blick betrachtet würden.

Dem möchte Salomé Calina Schneiter mit den You «C» Cards etwas entgegensetzen, denn «vermeintliche Schwächen haben meist durchaus auch ihre Qualitäten. Es gibt die Tendenz, dass solche Schüleri*nnen nur Informationen aufnehmen und denken ‹ich bin nicht gut genug›. Deshalb möchte ich ihnen Partizipation und Selbstwirksamkeit zugänglicher machen». Dass dies gelingt, zeigt sich am Ende der eingangs zitierten Gesangsstunde. Mit Blick auf die Karten reflektiert der Schüler den Unterricht: «Oh ja, da habe ich ja schon recht was gemacht!»

Hintergrund: so fördert die BFH Engagement

Drei Wege, ein Gewinn: Das Projekt You «C» Cards zeigt exemplarisch, wie verschiedene Angebote der BFH ineinandergreifen. Über ihr Projekt bewarb sich Salomé Calina Schneiter bei «Students4Sustainability» und erhielt finanzielle Unterstützung sowie Coaching. Gleichzeitig meldete sie sich für das «Certificate of Engagement in Sustainability» (CES) an und konnte das Projekt You «C» Cards als Zertifikatsprojekt anrechnen lassen.

Certificate of Engagement in Sustainability und BFH diagonal

Studierende der BFH können das «Certificate of Sustainability» (CES) erwerben. Dieses besteht aus einem curricularen Teil (Wissen und Fertigkeiten) und einem extracurricularen Teil (Engagement).

Im curricularen Teil besuchen die Studierenden unter anderem ein BFH-diagonal-Modul im Bereich Nachhaltigkeit, dies wird als Grundlagenmodul angerechnet. «BFH diagonal» ist das hochschulweite, interdisziplinäre und überfachliche Wahlangebot der BFH. Es ermöglicht Studierenden, ihre Talente und Interessen zu entdecken und sich persönlich, fachlich und professionell weiterzuentwickeln.

Im Teil «Engagement» setzen die Studierenden ein Zertifikatsprojekt um, das sich mit einer überfachlichen Problemstellung mit Nachhaltigkeitsbezug befasst. Sobald sie beide Teile absolviert haben, erhalten sie zusätzlich zu ihrem Bachelor- oder Masterdiplom ein Zertifikat.

Ergänzt wurde dieses Engagement durch das BFH-diagonal-Modul «Nachhaltig handeln», das sie als Grundlagenmodul des CES absolvierte. «Das Modul war für mich eine grosse Horizonterweiterung», sagt Salomé Calina Schneiter. «Ich habe neue Perspektiven auf weitere Themen der Nachhaltigkeit kennengelernt.»

So profitierte sie mehrfach: durch die Förderung ihres Projekts, dessen Anrechnung an das CES und durch neue Perspektiven aus dem BFH-diagonal-Modul «Nachhaltig handeln». 

Externe Organisationen können der BFH Projektideen mit Nachhaltigkeitsbezug einreichen (sustainability@bfh.ch). Geeignete Vorhaben werden als CES-Projekte ausgeschrieben und ermöglichen Studierenden eine praxisnahe Gelegenheit, sich für eine nachhaltige Entwicklung zu engagieren.  

Mehr erfahren