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Digitalisierung im Gesundheitswesen: Wo es hakt – und wie es klappt
24.04.2026 Digitale Werkzeuge prägen den Alltag im Gesundheitswesen zunehmend. Doch ihr Nutzen für die Professionsentwicklung bleibt oft schwer messbar. Entscheidend ist, ob die Digitalisierung als Führungsaufgabe verstanden und gemeinsam mit den Fachpersonen gestaltet wird.
Das Wichtigste in Kürze
- Digitale Werkzeuge entfalten ihren Nutzen erst, wenn sie im Versorgungsalltag tatsächlich genutzt werden.
- Gesundheitsfachpersonen und -institutionen müssen früh eingebunden werden und den erwarteten Nutzen fordernd mitgestalten.
- Prof. Dr. Friederike J.S. Thilo formuliert fünf zentrale Herausforderungen der Digitalisierung im Gesundheitswesen und zeigt Lösungsansätze auf.
«Was bringt uns das digitale Werkzeug?» oder «Am Ende macht es mehr Arbeit, als es nutzt.» Solche Stimmen sind in Gesundheitsberufen oft zu hören. Viele Projekte scheitern oder schaffen es nicht nachhaltig in den Berufsalltag. Friederike Thilo, Leiterin des Innovationsfelds Digitale Gesundheit an der BFH, sieht die Ursache weniger in der Technik als in der Art, wie digitale Werkzeuge entwickelt, eingeführt und genutzt werden.
Elektronische Patient*innendossiers, klinische Informationssysteme und Telemedizin prägen den Arbeitsalltag vieler Gesundheitsfachpersonen. «Die strukturierte Erfassung von Patient*innendaten entlang des Versorgungspfads kann dazu beitragen, Prozesse zu verbessern und Outcomes sichtbar zu machen, etwa bei Aufenthaltsdauer oder Behandlungsverläufen», erklärt Thilo. In der Pflege zeigt sich dies beispielsweise bei der Erhebung von Sturzrisiken oder Pflegeinterventionen. Die Daten können dem Behandlungsteam Hinweise auf kritische Situationen oder Optimierungspotenziale liefern. Auch der erleichterte Zugang zu Fachwissen sowie digitale Anwendungen im Medikamentenmanagement, Vitalparameter-Monitoring oder in der Online-Beratung können punktuell entlasten. Gleichzeitig gibt es bislang – auch für andere Gesundheitsberufe – kaum belastbare Evidenz für einen langfristigen Nutzen. «Es fehlen Interventions- und Langzeitstudien, und vielfach ist unklar, wie digitale Werkzeuge die Professionsentwicklung, Entscheidungsprozesse und die berufliche Identität beeinflussen», so die Expertin.
Die digitale Transformation ist mehr als ein technisches Projekt. Sie verändert Routinen, Denkweisen und die Art, wie Gesundheitsfachpersonen zusammenarbeiten.
Führung entscheidet über Wirkung
«Die digitale Transformation ist mehr als ein technisches Projekt», betont Friederike Thilo. «Sie verändert Routinen, Denkweisen und die Art, wie Gesundheitsfachpersonen zusammenarbeiten». George Westerman beschreibt dies mit einem oft zitierten Bild: Richtig umgesetzt ist die digitale Transformation wie die Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling, falsch umgesetzt bleibt sie «eine wirklich schnelle Raupe». Prozesse müssen grundlegend neu gedacht werden. Daten entstehen nicht zufällig, sondern in konkreten Versorgungssituationen. Sie müssen sinnvoll erfasst, ausgewertet und für Entscheidungen genutzt werden. Das erfordert strategisches Denken, interdisziplinäre Teams und den Mut, Bestehendes zu hinterfragen. «Digitale Transformation ist damit klar ein Führungsthema», so Thilo. «Sie verlangt klare Rahmenbedingungen und eine gewollte Zusammenarbeit mit Expert*innen. Der heutige Wissens- und Kompetenzbedarf kann nicht mehr von Einzelpersonen abgedeckt werden».
Viele digitale Werkzeuge scheitern beim Übergang von der Pilotphase in die Routine. Technisch funktionieren sie oft, im Alltag jedoch nicht. «Ein zentraler Engpass liegt in der Komplexität von realen Versorgungssituationen», erklärt Thilo. «Diese sind interaktionsintensiv, schwer vorhersehbar und nur begrenzt standardisierbar.» Zudem wird Fach- und Prozesswissen bei der Entwicklung digitaler Werkzeuge oft zu spät einbezogen. Erfolgreich ist eine Implementierung erst, wenn ein Werkzeug langfristig genutzt wird, messbaren Nutzen bringt und als Entlastung wahrgenommen wird. «Paradoxerweise wird genau diese Phase der routinemässigen Anwendung oft kaum gefördert, obwohl hier das eigentliche Transformationspotenzial liegt», so Thilo.
«Gesundheitsfachpersonen müssen bei der Auswahl, Testung und Einführung digitaler Werkzeuge stärker mitentscheiden», so Thilo. Bewähren sich Werkzeuge im Alltag nicht, sollten sie konsequent verworfen werden. Gleichzeitig braucht es finanzielle und strukturelle Anreize, damit Gesundheitsfachpersonen auch von der Mitentwicklung profitieren. «Die digitale Transformation bleibt ein offener Prozess. Sie verlangt Strategie, Reflexion und Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen Praxis, Management, Forschung und Industrie – denn alle sind auf einen klaren Nutzen angewiesen.» Gesundheitsfachpersonen sind gefordert, Anforderungen zu formulieren und digitale Werkzeuge zu testen. Letztlich tragen sie die Verantwortung für eine wirksame, zweckmässige und wirtschaftliche Patient*innenversorgung.
Zur Person
Prof. Dr. Friederike J.S. Thilo ist Pflegefachfrau, promovierte Pflege- und Gesundheitswissenschaftlerin und Leiterin des Innovationsfeld «Digitale Gesundheit» der angewandten Forschung und Entwicklung am Departement Gesundheit.
Professionsentwicklung im Gesundheitswesen
Professionsentwicklung ist zentral für die Qualität, Attraktivität und Zukunftsfähigkeit der Gesundheitsversorgung. Sie zeigt sich im beruflichen Alltag, wenn Fachpersonen ihr Handeln reflektieren, neues Wissen umsetzen und ihre Rollen weiterentwickeln. Gleichzeitig betrifft sie die Professionen als Ganzes: die Klärung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die Entwicklung von Standards und die Stärkung professioneller Identität. Dabei stellt sich die Frage, wie individuelles Lernen und kollektive Entwicklungen zusammenspielen. Wir geben Einblick in Forschungsprojekte, Weiterbildungsangebote und Praxisbeispiele und zeigen, wie Professionsentwicklung im Gesundheitswesen konkret gelebt und weitergedacht wird.