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Eskalierte Elternkonflikte: Angeordnete Beratung ≠ angeordnete Mediation?
16.02.2026 Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden sowie Zivilgerichte ordnen bei eskalierten Elternkonflikten immer öfter Beratungen oder Mediationen an. Ein Forschungsprojekt geht deshalb der Frage nach, welche Merkmale und Wirkfaktoren diese Interventionen aufweisen.
Das Wichtigste in Kürze
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Angeordnete Konfliktbearbeitungen schaffen einen geschützten Rahmen mit Fokus auf die Kinder und können zu Vereinbarungen, besserer Kommunikation und weniger Konflikten führen.
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Entscheidend sind eine neutrale Fachperson und eine strukturierte Prozessführung, während Faktoren wie stark verhärtete Konflikte, hohe Emotionalität oder mangelnde Bereitschaft zur Mitarbeit den Prozess herausfordern.
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Fazit: Angeordnete Konfliktbearbeitungen sind vielversprechend; frühzeitige Anordnung, Professionalisierung der Angebote und fachlich fundierte Konzepte sind nötig.
Kinder erleben Elternkonflikte unterschiedlich: Sie werden Zeugen von Konflikten und werden in Konflikte involviert. Die Eltern-Kind-Beziehung sowie das Erziehungsverhalten werden durch den Elternkonflikt negativ beeinflusst. Eskalierte Elternkonflikte können Kinder und Jugendliche überfordern und stellen deshalb eine potenzielle Kindeswohlgefährdung dar (van Lawick & Visser, 2017). Sie sind auch für das gesamte Unterstützungssystem herausfordernd: Die Ausgangslage ist typischerweise komplex und verhärtet. Der Konflikt und die «Verantwortung» für die Konfliktlösung werden auf das professionelle Unterstützungssystem übertragen, und es kann zu einer Überforderung der Fachpersonen kommen.
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, etablieren sich in der Schweiz zunehmend psychosoziale Interventionen wie die angeordnete Mediation und die angeordnete Beratung. In mehreren Kantonen werden (Pilot-)Projekte umgesetzt (z. B. Basel Stadt, Bern, Wallis, Genf). Zudem gibt es Bestrebungen, alternative Konfliktbearbeitungsmethoden zukünftig besser gesetzlich zu verankern (Bundesrat, 2025).
Um Grundlagen für die Weiterentwicklung der Praxis zu schaffen, haben wir im Rahmen eines Forschungsprojekts Merkmale, Wirkfaktoren, Chancen und Herausforderungen angeordneter Beratungen und angeordneter Mediationen untersucht. Dabei wurden Leitfadeninterviews mit acht Elternteilen und 21 Fachpersonen geführt.
Elternkonflikte: die Fakten
Mittlerweile werden in der Schweiz zwei von fünf Ehen geschieden, wobei bei der Hälfte der Scheidungen minderjährige Kinder involviert sind (Stutz et al., 2022; BFS, 2025). Eine Trennung stellt für die Eltern ein kritisches Lebensereignis dar. Aufgrund emotionaler Verletzungen kommt es im Verlauf von Trennungen häufig zu starken Konflikten (Keil de Ballón, 2018). Merkmale dieser Konflikte sind destruktive Kommunikationsmuster, Ohnmachtsgefühle, anhaltender Stress, negative Gefühle gegenüber dem*der Ex-Partner*in oder eine Dämonisierung dieser Person, der Einbezug weiterer Personen – insbesondere der Kinder – in den Konflikt und die mangelnde Beachtung der Bedürfnisse der vom Konflikt betroffenen Kinder (van Lawick & Visser, 2017; Voll et al., 2008).
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
In den Interviews hat sich gezeigt, dass die beiden untersuchten Interventionen viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Zum einen sollen die Eltern in die Verantwortung genommen werden, gemeinsam Regelungen für das Kind zu finden, zum anderen wird eine Verbesserung der elterlichen Kommunikation und Kooperation angestrebt.
Aus methodischer Sicht ist es für beide Ansätze zentral, dass durch die Strukturierung des Prozesses und der Kommunikation die Konfliktdynamik zwischen den Elternteilen gebremst wird. Handlungsleitend ist die Fokussierung auf das Kind und seine zukünftige Entwicklung. Zudem ist die Haltung wichtig, dass die Eltern für den Inhalt und die Fachpersonen für den Prozess verantwortlich sind. Zentral für die Rolle der Fachpersonen ist einerseits eine allparteiliche Haltung gegenüber den Eltern und andererseits eine parteiliche Haltung für das Kind. Die betroffenen Kinder werden in den Prozess einbezogen, meist indirekt, seltener direkt. Weiter kommen psychoedukative Elemente zum Einsatz. Das heisst, es werden den Eltern unter anderem Informationen zu möglichen negativen Auswirkungen von Elternkonflikten auf die Kinder und zur Gestaltung der Kommunikation und Elternschaft vermittelt.
Die Interviews haben Unterschiede zwischen den Ansätzen nur in Nuancen erkennbar gemacht. Deshalb verwenden wir hier für die beiden Interventionen den Oberbegriff «angeordnete Konfliktbearbeitung». Nennenswerte Nuancen, die dem gemeinsamen Begriff nicht entgegenstehen, sind: Die angeordnete Beratung stützt sich auf die kindorientierte Elternberatung, während für die angeordnete Mediation ein verstehensbasiertes Phasenmodell grundlegend ist. Das heisst, die angeordnete Beratung nimmt die Eltern stark in die Verantwortung und rückt eine Vereinbarung zu Kinderbelangen in den Mittelpunkt. In der angeordneten Mediation steht dagegen eher im Zentrum, die Kommunikation und Kooperation der Eltern zu verbessern und einen elterlichen Konsens herzustellen.
«Mir war bewusst, es wird immer Themen geben, da müssen wir uns als Eltern einigen.»
Was bewirken angeordnete Konfliktbearbeitungen?
Eltern und Fachpersonen machten in den Interviews deutlich, dass erfolgreiche Konfliktbearbeitungen zu Vereinbarungen, besserer Kommunikation sowie zu einer Konfliktberuhigung führen. Mit Unterstützung einer Fachperson gelingt es vielen Eltern, (Teil-)Vereinbarungen zu Betreuungszeiten, Übergabemodalitäten und anderen kindbezogenen Themen zu treffen. Die Eltern übernehmen somit Verantwortung für ihr Kind beziehungsweise für ihre Kinder. Ein Elternteil sagt dazu: «Mir war bewusst, es wird immer Themen geben, da müssen wir uns als Eltern einigen.» (Elternteil über die angeordnete Mediation).
In angeordneten Konfliktbearbeitungen wird das Thema Kommunikation aufgegriffen und die Eltern kommen im Erfolgsfall mit Unterstützung der Fachperson in einen produktiven oder zumindest einigermassen produktiven Austausch. Ein Behördenmitglied sagt dazu: «Ich denke, es war hilfreich, dass die Eltern wieder einen Prozess gefunden haben, in dem sie miteinander kommunizieren konnten. […] Das hat ihnen ermöglicht zu merken, dass sie immer noch gemeinsam Eltern bleiben, auch wenn sie unterschiedliche Vorstellungen haben.» (Behördenmitglied KESB).
In einer angeordneten Konfliktbearbeitung erlernen Eltern im Erfolgsfall förderliche Kommunikationsformen und können dies in ihrem Alltag anwenden. Das ist die Voraussetzung, damit Eltern zunehmend kindbezogene Themen auch ohne Beisein der Fachperson auf eine konstruktive Weise besprechen können. So kann es zu einer Konfliktberuhigung und zu einem Herantasten an eine neue Normalität als getrennte Eltern kommen. Die Häufigkeit und Intensität von Konflikten nehmen ab. Die Kinder sind somit weniger elterlichen Konflikten ausgesetzt und die Eltern können sich wieder besser auf die Bedürfnisse der Kinder einlassen. Einige Eltern berichten davon, dass wieder «normale Aktivitäten» wie eine gemeinsame Teilnahme an einem Elternabend möglich sind, auch wenn gewisse Unsicherheiten und Anspannungen bestehen bleiben.
Nichtsdestoweniger ist die Situation bei angeordneten Konfliktbearbeitungen komplex, und es gibt keine Erfolgsgarantie. Möglich sind auch eine Stagnation und eine Konfliktverhärtung – diese möglichen Dynamiken verweisen auf die Grenzen angeordneter Konfliktbearbeitungen. In einem untersuchten Fall, bei dem es in der Vergangenheit zu häuslicher Gewalt kam, konnten zwar Besuchsrechtsregelungen getroffen werden, die Konfliktdynamik blieb aber weiterhin bestehen. In einem anderen Fall berichtete ein Elternteil, dass sich die Konfliktdynamik zwischen den Eltern während der angeordneten Konfliktbearbeitung sogar verschärft hat.
«Das Positive ist, dass man einen geschützten Rahmen hat. Weil der geschützt ist, ist das anders, als wenn man nur zu zweit irgendwo sitzt.»
Wirksam durch geschützten Rahmen
Ein zentraler Wirkfaktor bei angeordneten Konfliktbearbeitungen ist, dass die Fachpersonen einen «geschützten Rahmen» schaffen, in dem die Konfliktdynamik gebremst oder zumindest reduziert wird. Dies ermöglicht es den Eltern, wieder in einen konstruktiven kindbezogenen Austausch zu kommen. Folgende Zitate illustrieren dies: «Das Positive ist, dass man einen geschützten Rahmen hat. Weil der geschützt ist, ist das anders, als wenn man nur zu zweit irgendwo sitzt.» (Elternteil über die angeordnete Mediation).
Damit ein geschützter Rahmen geschaffen werden kann, müssen beide Elternteile die Fachperson als neutral wahrnehmen. Weiterhin ist nötig, dass die Fachperson die Kommunikation zwischen den Eltern strukturiert und die Gespräche direktiv führt. Förderlich ist zudem, sich auf das Kind, die Elternebene (nicht auf die Paarebene) und die Zukunft zu konzentrieren. Wirksam ist es auch, den Eltern die problematische Situation immer wieder bewusst zu machen und sie dafür in die Verantwortung zu nehmen.
Hindernisse und Stolpersteine
Die Interviews machten auch hinderliche Faktoren deutlich. Fachpersonen empfinden eine starke Emotionalität der Eltern als eine wesentliche Herausforderung, ebenso wenn Eltern Schwierigkeiten haben, Paar- und Elternebene voneinander zu trennen. Entscheidend ist, dass die Fachperson die Konfliktdynamik zwischen den Eltern bremsen kann. Gelingt dies nicht, stellt diese Dynamik einen Stolperstein dar: «Es gibt in unserem Fall eine sehr schlechte, toxische Beziehung, die dahinter mitspielt. Dort fand ich die Beraterin zu schwach in ihrer Position. Sie hat uns nicht gebremst. Manchmal hat sie gesagt: ‹Jetzt hören Sie auf.› Aber es ist ein undankbarer Job. Ich weiss nicht, wie gut man sein muss, um das richtig zu tun.» (Elternteil über die angeordnete Beratung).
In einer angeordneten Konfliktbearbeitung ist die Kommunikation zwischen der Fachperson und den Eltern zentral. Findet das Gespräch nicht in der Erstsprache der Eltern statt, ist dies mit Herausforderungen verbunden. Deshalb wird teilweise auch mit Dolmetscher*innen gearbeitet. Kulturelle Aspekte und Geschlechteraspekte können auch eine Rolle spielen. So kann die kulturelle Nähe einer Fachperson zum einen Elternteil vom anderen als Parteilichkeit wahrgenommen werden. Analog kann aufgrund des Geschlechts bei einem Elternteil der Eindruck entstehen, dass die Fachperson dem anderen nähersteht.
Schliesslich können zeitliche Aspekte eine Rolle spielen. Lange Wartezeiten bis zum Beginn der Intervention können problematisch sein, wenn sich der Elternkonflikt während der Wartezeit weiter verschärft. Ein Elternteil erzählt dazu: «Es war recht schwierig […], einen Mediationstermin zu finden. Ich glaube, wir brauchten dann sogar nochmal sicherlich einen Monat oder so, wo wir wieder nichts hatten. […] Bis die erste Mediation stattgefunden hat, dauerte es einfach wieder Zeit. Und die Zeit war wirklich sehr schlimm, ja.» (Elternteil über die angeordnete Mediation).
Einzelne Eltern berichteten, dass die Zeit an den Terminen nicht ausreichte, um alle Themen zu bearbeiten. Einige Eltern haben auch Zeitdruck während der Sitzungen wahrgenommen. Ein Elternteil sagt dazu: «Es war viel Druck, jede Minute zählte.» (Elternteil über die angeordneten Beratungen).
Zu beachten ist auch, dass eine angeordnete Konfliktbearbeitung nicht in jeder Situation die geeignete Intervention ist. Eine akute Kindeswohlgefährdung, eine eingeschränkte Erziehungs- und Betreuungsfähigkeit der Eltern sowie akute häusliche Gewalt stellen eine absolute Kontraindikation dar. Neben diesen absoluten Kontraindikationen gibt es relative Kontraindikationen. In diesen Situationen muss sorgfältig geprüft werden, ob eine angeordnete Konfliktbearbeitung sinnvoll ist. Zu solchen Hinderungsgründen zählen eine fehlende Bereitschaft der Eltern für die Mitarbeit an der Intervention, sehr starke Emotionalität, psychische Erkrankungen, hohe psychosoziale Belastungen oder eine grosse geografische Distanz.
Fazit und Ausblick
Angeordnete Konfliktbearbeitungen sind eine vielversprechende Intervention bei Elternkonflikten. Aus fachlicher Sicht sind eine frühzeitige und vermehrte Anordnung sowie die Professionalisierung der Angebote wünschenswert. Auf der Grundlage der Studie haben wir deshalb einen Leitfadenerstellt, der über die Ausgestaltung angeordneter Konfliktbearbeitungen informiert. Diesen können Sie auf dieser Webseite als Printexemplar bestellen oder als PDF herunterladen.
Literatur
- Bundesrat (2025). Familiengerichtsbarkeit und Familienverfahren: Bestandesaufnahme und Reformvorschläge. Schweizerische Eidgenossenschaft.
- Keil de Ballón, S. (2018). Hocheskalierte Elternkonflikte nach Trennung und Scheidung: Einführung in die Beratung von Eltern bei Hochstrittigkeit. Springer.
- Stutz, H., Simoni, H., Büchler, A., Bischof, S., Degen, M., Heusser, C., & Guggenbühl, T. (2022). Wenn die Eltern nicht zusammenwohnen—Elternschaft und Kinderalltag, Forschungsbericht zuhanden der Eidgenössischen Kommission für Familienfragen.
- van Lawick, J., & Visser, M. (2017). Kinder aus der Klemme: Interventionen für Familien in hochkonflikthaften Trennungen. Carl-Auer Verlag.
- Voll, P., Jud, A., Mey, E., Häfeli, C., & Stettler, M. (2008). Zivilrechtlicher Kindesschutz: Akteure, Prozesse, Strukturen: Eine empirische Studie mit Kommentaren aus der Praxis. interact.