- Forschungsprojekt
Angeordnete Konfliktbearbeitung bei Elternkonflikten
Das BFH-Forschungsprojekt zur angeordneten Mediation und Beratung untersucht Wirkfaktoren und Wirkungen von angeordneten Konfliktbearbeitungen bei Elternkonflikten im Kindesschutz und formuliert Empfehlungen für die Weiterentwicklung der Praxis.
Steckbrief
- Beteiligte Departemente Soziale Arbeit
- Institut(e) Institut Beratung, Mediation, Supervision
- Forschungseinheit(en) Institut Beratung, Mediation, Supervision
- Förderorganisation Paul Schiller Stiftung
- Laufzeit (geplant) 01.08.2023 - 28.02.2026
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Projektleitung
Prof. Tanja Lutz
Prof. Dr. Rahel Müller de Menezes -
Projektmitarbeitende
Vanda Wrubel
Pascal Wyssling - Schlüsselwörter Angeordnete Beratung, angeordnete Mediation, Elternkonflikte, psychosoziale Interventionen, Kindesschutz, Kindeswohl, Trennungen, Scheidungen
Ausgangslage
Die Zunahme von Trennungen und Scheidungen gehört seit den 1970er-Jahren zu den prägenden gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz. Ein wachsender Anteil von Kindern lebt nicht mehr mit beiden Elternteilen zusammen. Viele Familien erleben die Trennung als eine krisenhafte Phase, in der Unsicherheiten, emotionale Belastungen und Konflikte auftreten. Während es den meisten Eltern gelingt, trotz Trennung tragfähige Lösungen für ihre Kinder zu finden, bleibt bei einem Teil der Familien das Konfliktniveau hoch. Solche eskalierten Elternkonflikte zeichnen sich durch eine längere Dauer und eine erhöhte Konfliktintensität aus. Den getrennten Eltern gelingt es in diesen Fällen nicht, gemeinsam Regelungen zu treffen und zum Wohl des Kindes zu kooperieren, was sowohl für die Eltern als auch für die Kinder mit erheblichen Belastungen verbunden ist.
Eskalierte Elternkonflikte führen bei Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (KESB) sowie bei Zivilgerichten häufig zu langwierigen und ressourcenintensiven Verfahren. Vor diesem Hintergrund haben sich die angeordnete Beratung und angeordnete Mediation als spezifische Interventionen etabliert. Beide Interventionen zielen darauf ab, Eltern bei der Entwicklung von Vereinbarungen zu Kinderbelangen zu unterstützen und ihre Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit zu stärken. Aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten wird der Oberbegriff «angeordnete Konfliktbearbeitung» für die angeordnete Beratung und die angeordnete Mediation verwendet.
Ziele
Die Fragestellungen des Projekts lauteten wie folgt:
- Wie werden angeordnete Konfliktbearbeitungen in der Praxis methodisch umgesetzt
- Welches sind zentrale Merkmale und Unterschiede der beiden Interventionsansätze?
- Welches sind aus Sicht von Eltern und Fachpersonen Wirkfaktoren und Wirkungen von angeordneten Konfliktbearbeitungen?
- Inwiefern sind die Eltern mit der angeordneten Konfliktbearbeitung zufrieden?
- Welches sind hinderliche und förderliche Faktoren sowie gute Praxis («good practice») der Interventionen?
- Welche Empfehlung zur Ausgestaltung und zum Einsatz von angeordneten Konfliktbearbeitungen können aufgrund der Untersuchungsergebnisse abgeleitet werden?
Vorgehen
Zur Beantwortung dieser Fragen wurde ein Mixed-Methods-Design eingesetzt:
- Erstens erfolgte eine standardisierte Kurzbefragung von Eltern, die an einer angeordneten Konfliktbearbeitung teilgenommen hatten.
- Zweitens wurden Leitfadeninterviews mit acht Elternteilen durchgeführt, die vertiefte Einblicke in das Erleben, die Prozessdynamiken und die wahrgenommenen Veränderungen ermöglichten. Die Interviews wurden transkribiert und mittels inhaltlich strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet.
- Drittens wurden 21 Fachpersonen – Berater*innen, Mediator*innen und Mitglieder von Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden – interviewt, um methodische Vorgehensweisen, institutionelle Rahmenbedingungen und Einschätzungen zu Wirkfaktoren zu erfassen. Auch diese Interviews wurden transkribiert und inhaltsanalytisch ausgewertet.
Ergebnisse
Die Ergebnisse der Kurzbefragung zeigen ein heterogenes Bild, das verdeutlicht, wie unterschiedlich Eltern die angeordneten Konfliktbearbeitungen erleben. Die Leitfadeninterviews mit Eltern und Fachpersonen ermöglichen einen vertieften Einblick in die Wirkmechanismen und Veränderungen aufgrund von angeordneten Konfliktbearbeitungen.
Beim methodischen Vorgehen zeigt sich, dass Fachpersonen den Prozess stark strukturieren. Sie moderieren die Kommunikation, setzen klare Regeln, unterbrechen destruktive Kommunikationsmuster und fokussieren die Intervention konsequent auf das Kind, die Elternebene und die Zukunft.
Die Kindsfokussierung ist ein zentrales Merkmal von angeordneten Konfliktbearbeitungen. Der Einbezug der Kinder erfolgt überwiegend indirekt, etwa über Fragetechniken oder symbolische Präsenz. Neben beraterischen und mediativen Elementen spielt auch die Psychoedukation bei angeordneten Konfliktbearbeitungen eine Rolle.
Eine deutliche Mehrheit der befragten Eltern und Fachpersonen berichtet von einer verbesserten Kommunikation und Kooperation: Eltern schaffen es im Erfolgsfall wieder, miteinander zu sprechen, Vereinbarungen zu schliessen und sich schrittweise an eine «Normalität» der getrennten Elternschaft heranzutasten. Die Konflikte beruhigen sich und die emotionale Belastung nimmt ab. Gleichzeitig zeigen mehrere Fälle die Grenzen einer Intervention: Bei stark verhärteten oder stark eskalierten Konflikten können die Konfliktbearbeitungen stagnieren oder die Konflikte können sich sogar verschärfen.
Ausblick
Aufgrund der Ergebnisse der Studie können folgende Empfehlungen abgeleitet werden:
Anordnung von Konfliktbearbeitungen
Der Einsatz von angeordneten Konfliktbearbeitungen sollte bei eskalierten Elternkonflikten systematisch geprüft werden. Eine Anordnung sollte möglichst frühzeitig erfolgen.
Methodische Gestaltung von Konfliktbearbeitungen
Fachpersonen sollten den Prozess klar strukturieren und direktiv führen, damit die Eltern wieder in einen konstruktiven Austausch kommen. Fachpersonen sollten konsequent allparteilich, wertschätzend und transparent auftreten.
Zudem gilt es, den Fokus konsequent auf das Kind und die Zukunft zu richten und die Perspektive des Kindes ist systematisch einzubeziehen.
Zusammenarbeit zwischen Behörden und Fachpersonen Mediation oder Beratung
Die Zusammenarbeit zwischen KESB und Mediator*innen beziehungsweise Berater*innen sollte klar und verbindlich gestaltet werden. Dabei ist eine institutionalisierte und formalisierte Kooperation zwischen Behörden und Fachpersonen empfehlenswert.
Weiterentwicklung der Angebote
Im Bereich angeordneter Konfliktbearbeitungen ist insgesamt ein Ausbau und eine Weiterentwicklung der Angebote erstrebenswert. Vorgelagerte freiwillige Angebote sollten ausgebaut werden. Freiwillige Angebote und angeordnete Konfliktbearbeitungen sollten möglichst ohne finanzielle Hürden zugänglich sein. Eine frühzeitige Intervention führt im Erfolgsfall zu einer Konfliktdeeskalation, womit auch Folgekosten für das Unterstützungssystem reduziert werden.
Auf dieser Website stellen wir die Ergebnisse der Studie als Forschungsbericht und die Empfehlungen für die Praxis in Form eines Leitfadens zur Verfügung.