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«Ein zukunftsweisender Standard für Bildungsbauten»

24.06.2026 In Biel entsteht ein neues Campusgebäude für die Berner Fachhochschule. Wie ist der Neubau punkto Nachhaltigkeit aufgestellt? Interview mit Bernhard Marbach, Bauökonom und Experte für nachhaltige Entwicklung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Campus Biel/Bienne ist ein Vorreiterprojekt in Sachen Nachhaltigkeit.
  • Die Ausführung als Holz-Hybridbau führt zu einer deutlich besseren CO2-Bilanz als bei einem reinen Betonbau.
  • Ein flexibles Gebäudekonzept, Eigenstromerzeugung und Seewassernutzung sorgen für einen nachhaltigen Betrieb.

Bernhard Marbach, die BFH schreibt sich die Nachhaltigkeit auf die Fahne. Wird der Campus Biel/Bienne diesem Anspruch gerecht?

Der Campus Biel/Bienne weist ein vorbildliches Nachhaltigkeitsprofil auf. Er verbindet energieeffiziente Technik, nachhaltige Materialisierung und konzeptionelle Flexibilität; damit setzt das Projekt einen zukunftsweisenden und vorbildlichen Standard für nachhaltiges Bauen - nicht nur im Schweizer Hochschulbereich, sondern allgemein für öffentliche Bildungs- und Verwaltungsbauten. Der Campus Biel/Bienne wird als Holz-Hybridbau ausgeführt, nach «Minergie-P» sowie «SNBS Gold» zertifiziert und erfüllt ausserdem die gesundheitsrelevanten und ökologischen Kriterien von ecobau; der Zentralbau wird zudem mit dem Label «Schweizer Holz» zertifiziert.

Über den Interviewpartner: Bernhard Marbach

Bernhard Marbach ist Projektleiter Kompetenzzentrum Nachhaltigkeit bei der Marti Gesamtleistungen AG, welche den Campus Biel/Bienne zusammen mit der Marti AG Bern als Totalunternehmerin realisiert. In dieser Funktion begleitet Bernhard Marbach Bauprojekte durch die verschiedenen Projektphasen hindurch mit Fokus auf ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit.

Zu den vielfältigen Aufgaben des gelernten Bauökonomen (FH) und Experten für nachhaltige Entwicklung zählt ebenfalls die fachkundige Begleitung von Zertifizierungsverfahren für Nachhaltigkeitslabels wie SNBS, Minergie und GI – gutes Innenraumklima.

Sein Credo: Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit beim Bau sind kein Widerspruch, im Gegenteil: «Wer wirtschaftlich plant und effizient baut, ist im Resultat auch ökologisch: Der Verzicht auf Überflüssiges und Überdimensionierung senkt Bau- und Betriebskosten und reduziert die CO₂-Emissionen erheblich».

Was sagen diese Zertifizierungen über die Nachhaltigkeit des Campus Biel/Bienne?

Der grösste Hebel für nachhaltiges Bauen liegt im energieeffizienten und ressourcenschonenden Betrieb eines Gebäudes, dafür steht «Minergie-P». Eine kompakt gedämmte Gebäudehülle minimiert Wärmeverluste und senkt den Energiebedarf. Eine effiziente Haustechnik mit intelligentem Energiemonitoring ermöglicht die laufende Erfassung, Analyse und Steuerung des Verbrauchs zur langfristigen Effizienzsteigerung und rechtzeitigen Intervention.

Ein weiterer Einflussfaktor für nachhaltigen Bau und Betrieb ist die Materialisierung: Es wird konsequent nach den strengen ecobau-Kriterien gearbeitet, mit Fokus auf langlebige, unterhaltsarme, recyclingfähige und emissionsarme Baustoffe. Ein ökologischer Materialeinsatz garantiert ein gutes Innenraumklima, reduziert die CO₂-Emissionen sowie die Unterhalts- und Instandhaltungskosten. «SNBS Gold» steht für die ganzheitliche Berücksichtigung ökologischer, ökonomischer und sozialer Kriterien: öffentlich zugängliche Begegnungsbereiche, kompakte und lebenszyklusbewusste Bauweise sowie biodiversitätsfördernde, naturnahe Aussenräume. Zudem begünstigt die zentrale Lage des Campus Biel/Bienne zwischen Bahnhof und See kurze Wege und eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr.

Foto von Bernhard Marbach
Bernhard Marbach ist Projektleiter Kompetenzzentrum Nachhaltigkeit bei der Marti Gesamtleistungen AG, welche den Campus Biel/Bienne zusammen mit der Marti AG Bern als Totalunternehmerin realisiert.

Als neue Heimat unter anderem des Departements Architektur, Holz und Bau besteht das Campusgebäude zu einem grossen Teil aus Holz. Was ist der Vorteil davon?

Das Campusgebäude ist ein Holz-Hybridbau. Dieser verbindet CO₂-Speicherung sowie die niedrige graue Energie des Holzes mit den technischen Stärken von Beton: Die CO₂-Bilanz ist gegenüber einer reinen Massivbauweise deutlich geringer.

Vorgefertigte Holzelemente reduzieren Herstellungsenergie und Bauzeit; Betonkerne liefern Aussteifung, Schalldämmung und die so genannte «thermische Trägheit», verringern also Heiz- und Kühlbedarf. Kurz zusammengefasst: Recyclingbeton mit CO₂-reduziertem Zement wird dort eingesetzt, wo hohe Lasten, Erdberührung oder technische Anforderungen dies verlangen, und nachhaltig produziertes Holz dort, wo Vorfertigung, geringes Gewicht und ökologische Vorteile besonders gut wirken.

Hinzu kommt: Die so genannte «Systemtrennung» (siehe Infokasten) und gut zugängliche vertikale Versorgungsschächte gewährleisten einen optimalen Unterhalt sowie eine einfache Instandhaltung und Instandsetzung.

Flexibler Holz-Hybridbau

Der oberirdische Bau des Campus Biel/Bienne besteht überwiegend aus einer Holz-Hybridkonstruktion. Das dafür verwendete Holz ist ausschliesslich FSC-zertifiziert und stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Schweizer sowie angrenzenden europäischen Wäldern, und der Zentralbau erhält zusätzlich das Label «Schweizer Holz» von Lignum.

Die Untergeschosse sowie die vertikalen Verbindungskerne – Liftschächte, Treppenhäuser und Haustechnik – werden mit Recyclingbeton ausgeführt; dieser enthält CO₂-reduzierten Zement und einen hohen Anteil an Recyclinggranulat und entspricht den ecobau-Kriterien.

Die Bauweise ist nutzungsflexibel und nach dem Prinzip der Systemtrennung geplant; die Bauteilschichten sind nach Lebensdauer und Austauschbarkeit in Primär-, Sekundär- und Tertiärsysteme gegliedert: Das Primärsystem umfasst die dauerhafte Tragstruktur und Erschliessung; das Sekundärsystem beinhaltet anpassbare Bauteile mit hoher Lebensdauer (z. B. Innenwände, Decken, Fassade); das Tertiärsystem umfasst kurzlebige Elemente wie Boden-/Wandbeläge und Gebäudetechnik. Dadurch werden Instandhaltung, Erneuerungen und spätere Erweiterungen erleichtert und betriebliche Beeinträchtigungen minimiert.

Beim Thema Nachhaltigkeit geht es auch um erneuerbare Energien. Wie ist der Campus Biel/Bienne diesbezüglich aufgestellt?

Eine zentrale Rolle spielt die Eigenstromerzeugung: Auf den Dächern der Technikzentralen werden Photovoltaikmodule installiert, deren Strom vollständig innerhalb des Campus Biel/Bienne genutzt wird. Eine Einspeisung ins öffentliche Netz erfolgt nicht, wodurch ein maximaler Eigenverbrauchsanteil erreicht und die Anlage besonders effizient betrieben werden kann. Dies steigert nicht nur die energetische Performance, sondern verbessert auch die Wirtschaftlichkeit gegenüber Systemen mit hohem Überschussstromanteil.

Im Kontext der «Minergie-P»-Zertifizierung ist die Photovoltaikanlage ein zentraler Bestandteil des Energiekonzepts und erforderlich, um die Anforderungen an eine nachhaltige und effiziente Energieversorgung zu erfüllen. Gleichzeitig ermöglicht eine projektspezifisch ausgelegte, netzdienlich konzipierte und gut gewartete Anlage langfristig sehr niedrige Stromkosten und reduziert die Abhängigkeit von externen Strompreisen spürbar.

Besonders am Campus Biel/Bienne ist auch die Seewassernutzung …

Richtig, die Seewassernutzung ist kein blosses technisches Detail, sondern ein zentraler Bestandteil der energieeffizienten Versorgung des Campus Biel/Bienne. Das Seewasser wird als umweltfreundliche Kältequelle genutzt und über ein Fernkältenetz für die Klimatisierung der Gebäude eingesetzt; für technische Prozesskälte werden Kompressionskältemaschinen verwendet. Im Heizfall wird dem Seewasser Wärme entzogen und mittels Wärmepumpen über das Fernwärmenetz nutzbar gemacht, was wesentlich zu einem niedrigen Primärenergiebedarf und einer ökologischen Energieversorgung beiträgt.

Die Warmwasseraufbereitung erfolgt ebenfalls über das Fernwärmenetz und wird bei Bedarf mit Wärmepumpen auf das erforderliche Temperaturniveau angehoben. Die systemische Kopplung von Seewasser, Wärmepumpen und Gebäudeleittechnik reduziert den Gesamtenergiebedarf, verbessert die Betriebsführung und erhöht die Nachhaltigkeit des Gebäudekonzepts.

Der Campus Biel/Bienne biegt auf die Zielgerade ein. Was ist Ihr Zwischenfazit?

Der Neubau des Campus Biel/Bienne kann im Kontext öffentlicher Bildungsbauten in der Schweiz als Vorreiterprojekt gelten. Ausschlaggebend ist die konsequente Kombination mehrerer anspruchsvoller Ansätze: Holz-Hybridbau, «Minergie-P», «SNBS Gold», nachhaltige Materialstrategie sowie innovative Energie- und Betriebskonzepte. Zwar ist der Campus Biel/Bienne nicht das erste nachhaltige Holzbauprojekt der Schweiz, jedoch gehört er aufgrund seiner Grösse, Komplexität und Nutzung zu den besonders anspruchsvollen Beispielen. Nachhaltigkeit wird hier nicht als Zusatz, sondern als integrales Planungsprinzip umgesetzt.

Der Campus steht exemplarisch für ein ganzheitlich gedachtes, nachhaltiges und zukunftsweisendes Bauprojekt, das ökologische, wirtschaftliche und funktionale Anforderungen in überzeugender Weise vereint. Das Zusammenspiel der Bauherrschaft sowie der Berner Fachhochschule als Nutzerin trägt mit klaren Zielsetzungen und hohem Engagement massgeblich zum Projekterfolg bei.

Die Umsetzung dieses komplexen und anspruchsvollen Bauvorhabens wird zudem durch die vielen motivierten Fachpersonen, Planenden und die zahlreichen beteiligten Unternehmen ermöglicht, die mit grosser Kompetenz, Überzeugung und Einsatzbereitschaft an einer erfolgreichen Realisierung mitwirken. Nur gemeinsam im Team kann so ein zukunftsweisender Bildungs- und Arbeitsort mit nachhaltiger Strahlkraft weit über die Region hinaus entstehen.