- Story
Hoch hinauf mit Holz
18.02.2026 Mit Aufstocken lässt sich Innenverdichtung effizient und sozial nachhaltig umsetzen. Besonders dafür geeignet ist Holz. Experten von der Berner Fachhochschule sagen, worauf es ankommt.
Das Wichtigste in Kürze
- Holz ist ideal für Aufstockungen, da es leicht, tragfähig, regional verfügbar und schnell verbaubar ist – oft sogar im bewohnten Zustand.
- Ökologisch überzeugt Holz durch geringe graue Energie, gute Dämmwerte, tiefe Emissionen und ein gesundes Raumklima.
- Voraussetzungen für eine Aufstockung sind eine solide Bausubstanz, eine intakte Tragstruktur und klare baurechtliche Rahmenbedingungen.
Weshalb ist Holzbau das Mittel der Wahl für Aufstockungen?
Thomas Gurtner: Holz ist lokal verfügbar und basiert auf etabliertem Handwerk. Dank seiner hohen Tragfähigkeit bei geringem Eigengewicht kann bei Aufstockungen die bestehende Gebäudestruktur meist ohne zusätzliche Verstärkungen genutzt werden. Ausserdem lassen sich Aufstockungen in Holzbauweise in der Regel relativ rasch umsetzen – oft sogar im bewohnten Zustand. Als Trockenbauverfahren minimiert der Holzbau die Beeinträchtigung des Bestands.
Stanislas Zimmermann: Holz ermöglicht eine sehr gute Wärmedämmung bei schlanken Bauteilstärken, womit Energie gespart und die Nutzfläche optimiert wird. Gleichzeitig benötigt der Holzbau weniger graue Energie und verursacht geringere Treibhausgasemissionen als eine Aufstockung in Massivbauweise. Aufstockungen verursachen geringere Kosten für Fundamente und Erschliessung als Neubauten. Sie verbessern die Gebäudehülle und lassen sich gut mit einer Fassadensanierung kombinieren. Der zusätzlich geschaffene Wohnraum kann einen Beitrag zur Finanzierung der Sanierung der Gebäudehülle leisten.
Weiterbildung: MAS Holzbau
Lernen Sie die Eigenschaften von Holz und Holzwerkstoffen kennen – von den Grundlagen bis zum aktuellen Stand der Technik. Erwerben Sie die Kenntnisse und Fähigkeiten, um Holz als Baumaterial kompetent einzusetzen. Mit dem MAS Holzbau eignen Sie sich das nötige Wissen und die Kompetenzen an, um Holzbauprojekte aller Art effizient, materialgerecht und nachhaltig zu planen und umzusetzen.
Welche Vorteile hat Holz ausserdem?
Zimmermann: Der Einsatz von regional verfügbaren, natürlichen Baustoffen wie Holz, Lehm und Naturfasern trägt wesentlich zur ökologischen Nachhaltigkeit bei und schafft zugleich gute Raumluftqualität und ein angenehmes Raumklima.
Wirtschaftlich lohnt sich eine Aufstockung, wenn mit dem zusätzlich geschaffenen Wohnraum die Baukosten finanziert werden können.
Unter welchen Voraussetzungen machen Aufstockungen Sinn?
Zimmermann: Voraussetzung für eine Aufstockung sind eine solide Bausubstanz und eine intakte Tragstruktur. Besteht ohnehin Sanierungsbedarf am Dach, entstehen durch die Kombination mit einer Aufstockung sinnvolle Synergieeffekte. Wirtschaftlich lohnt sich eine Aufstockung, wenn mit dem zusätzlich geschaffenen Wohnraum die Baukosten finanziert werden können.
Welche Holzbausysteme eignen sich für Aufstockungen?
Gurtner: Aufstockungen werden meist mit vorgefertigten Holzbauelementen wie Boden-, Wand- und Dachelementen realisiert, die vor Ort schnell und präzise montiert werden können. Dank ihres geringen Gewichts genügen kleinere Hebegeräte, und die Baustelleninstallation bleibt kompakt. Ganze Holzmodule können dann in Betracht gezogen werden, wenn die Geometrie des Bestandesbaus günstig ist – etwa bei rechteckigen Grundrissen mit geeigneten Spannweiten. Der Einsatz setzt jedoch grosse Hebegeräte sowie entsprechende Zufahrtsmöglichkeiten voraus. Dafür lässt sich die Bauzeit durch die Modulbauweise erheblich verkürzen– ein wesentlicher Vorteil, insbesondere bei Aufstockungen von Gebäuden in bewohntem Zustand. Da Modulbauten werkseitig fertig ausgebaut werden, ist zudem die Kostensicherheit für diesen Teil – den «Neubau» – entsprechend höher.
Wie gehen Baugenossenschaften am besten vor, wenn sie ein Gebäude aufstocken möchten?
Zimmermann: Zuerst müssen die baurechtlichen Rahmenbedingungen mit den zuständigen Behörden geklärt werden. Ebenso sind der Zustand der bestehenden Bausubstanz und der Tragstruktur mit fachkundigen Architekten und Bauingenieurinnen sorgfältig zu prüfen. Auf dieser Grundlage sollte eine bauliche und wirtschaftliche Machbarkeitsstudie erstellt werden, um eine fundierte Entscheidungsbasis zu schaffen.
Wie verhält es sich mit den Kosten von Holz-Aufstockungen?
Gurtner: Pauschale Aussagen dazu sind nicht möglich. Sie wären nicht seriös, da die Baukosten von einer Vielzahl individueller Faktoren abhängen.
Zimmermann: Um die Kosten im Griff zu behalten, sollte ein konkretes Vorprojekt erstellt werden, das den Zustand des bestehenden Gebäudes, den angestrebten Ausbaustandard und die gewünschte Materialisierung präzise berücksichtigt. Dabei gilt es, als Bauherrschaft die eigenen Ansprüche an die Aufstockung mit dem vorhandenen Budget in Einklang zu bringen. Nur auf dieser Grundlage kann eine realistische und vollständige Kostenschätzung, unter Angabe der Genauigkeit, erstellt werden. Während dem weiteren Planungs- und Bauprozess braucht es eine hohe Kostendisziplin von allen beteiligten Akteuren.
Zentrale Erfolgsfaktoren sind ein qualifiziertes Projektteam und eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Was sind die grössten Herausforderungen und Erfolgsfaktoren bei solchen Projekten?
Gurtner: Eine Herausforderung ist die Untersuchung der Qualität der bestehenden Bausubstanz. Diese muss sehr sorgfältig geprüft werden, da sie die Grundlage für die Tragstruktur des Projekts bildet. Zentrale Erfolgsfaktoren sind ein qualifiziertes Projektteam und eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit. Wichtig ist auch, den Zeitpunkt der Umsetzung umsichtig zu wählen, insbesondere im Hinblick auf Jahreszeiten und Witterung. Ein durchdachter Witterungsschutz während der Bauphase ist unerlässlich, um den Bauprozess effizient zu gestalten und Bauschäden vorzubeugen.
In welchen Fällen ist Aufstocken in bewohntem Zustand eine Option?
Zimmermann: Eine Aufstockung in Holzbauweise ist in den allermeisten Fällen auch im bewohnten Zustand möglich. Damit der Bauprozess reibungslos verläuft, ist eine frühzeitige und transparente Kommunikation mit Bewohnenden und Nachbar:innen entscheidend, denn sie schafft Verständnis für das Projekt und hilft, Widerstände zu vermeiden.