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Mit Planung Zukunft ermöglichen

02.04.2026 In der Theorie und Praxis alles lernen, was Freiräume im Siedlungsraum können müssen – das verspricht der neue Studiengang Bachelor Landschaftsarchitektur an der Berner Fachhochschule. Warum weniger mehr ist, erklärt Studiengangleiter Daniel Baur ausgehend von einem fiktiven Beispiel.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Bachelor Landschaftsarchitektur an der Berner Fachhochschule verbindet praxisnahes und theoretisches Wissen und richtet sich an Personen mit Erfahrung im Freiraum.

  • Der Studiengang fokussiert bewusst auf den Siedlungsraum und vermittelt dort vertieftes Wissen statt eine breite, oberflächliche Ausbildung.

  • Ziel ist es, Studierende zu befähigen, komplexe Herausforderungen wie Klimawandel, Biodiversität und Stadtentwicklung praktisch und zukunftsorientiert zu gestalten.

Stellen wir uns Tilda vor: Eine neugierige, aber schulmüde junge Frau. Weil sie Freude hat an der Natur, gerne im Freien tätig ist und anpacken möchte, um Lebensräume zu pflegen und mitzugestalten, entscheidet sie sich für eine Lehre als Gärtnerin EFZ. Diese schliesst sie ab und macht parallel dazu die Berufsmaturität. Tilda liebt ihre Arbeit, und durch ihre intensive praktische Auseinandersetzung mit dem Freiraum, wird ein Interesse an Wissen und am Verständnis für Zusammenhäng von Naturwissenschaft und Praxis geweckt.

Sie recherchiert und bleibt bei der Berner Fachhochschule hängen, die einen Bachelor in Arts in Landschaftsarchitektur anbietet. Studiengangsleiter ist Daniel Baur, Professor für Landschaftsarchitektur und Städtebau.

Daniel Bauer
Im Interview erzählt Daniel Bauer, Studiengangleiter Bachelor Landschaftsarchitektur, für wen der Studiengang geeignet ist.

Was meinen Sie, Daniel Baur, könnte der Studiengang Landschaftsarchitektur etwas für Tilda sein?

Ja, das kann ich mir gut vorstellen, denn die fiktive Tilda scheint das Praxisorientierte als Qualität zu erachten und möchte gleichzeitig nach grösseren Ideen greifen. Ich bin überzeugt, dass das Grosse mit dem Praxisnahen zusammenhängt. Die Frage des Klimawandels zum Beispiel kann sich nicht ausschliesslich auf den gestalterischen Entwurf - also auf Funktion, Ästhetik und Technik - konzentrieren, sondern ist ebenso ein Thema des täglichen Unterhalts und des Mitgestaltens durch die Pflege. Das ist nicht mehr trennbar.

Sprechen Sie da auch aus eigener Erfahrung?

Ich selbst komme aus der Praxis und habe den Gärtnerberuf von der Pieke auf gelernt. Ich weiss also nicht bloss aus der Theorie, was ein Lettenboden oder ein humoser Boden ist, sondern erkenne ihn von Auge und mit der Hand. Ich bin überzeugt, dass erst aus dieser Kombination von physischem und theoretischem Wissen wirkliche Weiterentwicklungen und Innovationen möglich sind. Für uns ist es ein Qualitätsmerkmal, wenn jemand wirklich auch weiss, wie etwas gebaut wird, wie sich ein Material anfühlt und wie dieses sich verhält. Darauf möchten wir aufbauen.

Braucht es für den neuen Studiengang Landschaftsarchitektur an der Berner Fachhochschule also in erster Linie spezifische Erfahrungen im gärtnerischen Bereich?

Unsere Studierende brauchen Wissen und Erfahrungen in der Arbeit mit dem Freiraum. Das sind natürlich GärtnerInnen und LandschaftsgärtnerInnen, aber auch StaudengärtnerInnen, BaumschulistInnen und FloristInnen. Wichtig ist aber auch der Bereich des Forstes. «Urban Forestry», also die nachhaltige Entwicklung von Gehölzen und Waldbeständen im Siedlungsbereich, ist ein wichtiges Thema geworden. Unser Studiengang richtet sich auch an ForstwartInnen.

BA Landschaftsarchitektur

Siedlungsräume gestalten, die Lebensqualität, Biodiversität und Klimaanpassung vereinen – mit Landschaftsarchitektur die Zukunft urbaner Räume prägen.

Sie entwickeln Kompetenzen, urbane Landschaften und Freiräume nachhaltig, sozial gerecht und funktional-ästhetisch zu gestalten. Damit übernehmen Sie Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft und wirken als treibende Kraft im Städtebau.

zum BA Landschaftsarchitektur

Warum fokussieren Sie im Studiengang Landschaftsarchitektur so klar auf den Siedlungsraum? Landschaftsarchitektur kann doch viel mehr.

Traditionell war die Landschaftsarchitektur immer aufgeteilt in «Landschaft» ausserhalb und «Freiraum» innerhalb des Siedlungsraums. Aufgrund der Themenvielfalt, des sich ändernden Klimas und der Rolle der Landschaftsarchitektur ist eine solide flächendeckende Ausbildung in einem Bachelor nicht mehr zu leisten. In der Erarbeitung des Curriculums haben wir mit vielen Landschaftsarchitekturbüros, Fachstellen und Verbänden gesprochen. Das Resultat der Analyse: Die Kompetenzen der Abgängerinnen und Abgänger von Landschaftsarchitektur-Studien sind zwar flächig vorhanden, gehen aber nicht genug in die Tiefe. Das hat damit zu tun, dass man für die Ausübung immer mehr Wissen benötigt. Wir wagen nun den Schritt und sagen, dass wir nicht alles anbieten, aber dass man bei uns in einem Bachelor alles in der benötigten Tiefe lernt, was die Freiräume im Siedlungsraum können müssen. Und zwar nicht nur theoretisch, sondern auch in der praktischen Umsetzung.

Das ist extrem konsequent.

Ja, aber auch sehr richtig, wenn man bedenkt, wie komplex die Gestaltung der Freiräume im Siedlungsraum geworden ist. Hier müssen soziale Fragen und Themen wie Ökologie, Schwammstadt, Biodiversität, Hitzeentwicklung, Ernährung verhandelt werden. Aufgrund dieser Komplexität scheint es mir richtig, den Fokus auf den Siedlungsraum zu legen und da in die Tiefe zu gehen. So garantieren wir am ehesten ein fundiertes Wissen zum Siedlungsraum, wo die meisten AbgängerInnen später auch tätig sein werden.

Die Kompetenzen der Abgängerinnen und Abgänger von Landschaftsarchitektur-Studien sind zwar flächig vorhanden, gehen aber nicht genug in die Tiefe.

  • Daniel Bauer Studiengangleiter Bachelor Landschaftsarchitektur

Und die Landschaftsthemen bleiben ganz weg?

Absolut nicht. Nehmen wir zum Beispiel die Felsensteppen aus den Alpenregionen. Sie haben grosse Systemähnlichkeiten mit den Steppen in den Städten. Die natürlichen Landschaften helfen uns, Siedlungslandschaften robust zu gestalten.

Sie betonen den Vierklang aus gärtnerischen, naturwissenschaftlichen, technischen und gestalterischen Fähigkeiten. Braucht es die absolute Balance?

Ich bin überzeugt, dass wir alle Themen gleichwertig im Sinne einer Ganzheitlichkeit vermitteln müssen, dass sich die Studierenden aufgrund der Begabungen und Interessen später dann in die eine oder andere Richtung entwickeln. Hier ist es uns auch wichtig, dass wir während des Studiums die Studierenden individuell als Fachpersonen coachen.

 

In den Unterlagen zum Studium haben die sogenannten «Reallabore» eine grosse Bedeutung. Was muss man sich darunter vorstellen?

Alles Wissen, dass wir an einer Hochschule unterrichten, muss in der Praxis und in der Aufgabenstellung anwendbar sein. Diese Kompetenz wird in den Reallaboren vermittelt. Das sind Ateliers, die reale Fragestellungen bearbeiten. Das kann zum Beispiel eine komplett versiegelte Quartierstrasse in Biel sein, die in einen lebenswerten Freiraum für Menschen und Pflanzen verwandelt werden soll. Um diese Aufgabe zu lösen, braucht es Wissen unter anderem zur Baukultur, Biologie, Schwammstadt und zum Strassenbau. Das heisst: Die Dozierenden, die zu Strassenbau, Pflanzensoziologie oder zu Baukultur unterrichten, platzieren die Theorie anhand der Aufgabe so, damit die Studierenden sie direkt anwenden können. Das nennt man heute «Challenge based teaching». Es handelt es sich um ein Lehr-Lern-Konzept, dass sich auf konkrete Herausforderungen fokussiert und einen tatsächlichen Beitrag zu deren Bewältigung leisten möchte. Wir sind überzeugt, dass dieser Bezug zur realen Welt und zur Lösung realer Herausforderungen den Studierenden einen grossen Motivationsschub gibt. Sie erfahren Wissen und wenden dieses direkt an.

kurze, prägnante Zusammenfassung, was auf dem Bild zu sehen ist und das Linkziel, falls Bild verlinkt ist.
Mit dem Bachelor in Landschaftsarchitektur stehen Ihnen vielfältige Karrierewege in der Landschaftsarchitektur, der Stadtentwicklung, dem Städtebau, im Gartenbau oder in öffentlichen Ämtern offen.

Es kann also sein, dass die Studierenden in der Phase der Realisierung dabei sind?

Ja, das ist möglich, aber vermutlich nicht üblich. Die Städte Bern, Langenthal, Biel und Thun sind interessiert, dass wir als Fachhochschule konkrete Fragen für den städtischen Freiraum erforschend bearbeiten. Das heisst, dass die Ergebnisse der studentischen Arbeiten sicher auf eine Art in die konkrete Planung dieser Städte integriert werden.

Der neue Studiengang ergänzt das bestehende Angebot in der Schweiz, Landschaftsarchitektur zu studieren.

Die Studiengänge, die es in der Landschaftsarchitektur bis jetzt gibt, wurden in den 1970er Jahren gestartet und in den 80/90er Jahren massgeblich etabliert. Der bekannte Landschaftsarchitekt Dieter Kienast hatte dabei mehrere Generation von Landschaftsarchitektinnen und -architekten geprägt, die heute wissen, was gute und nicht Landschaftsarchitektur ist. Studierende befinden sich so noch in einem System, das davon ausgeht, dass die Planung weiss, was richtig ist. Wir leben aber in einer Zeit, in der wir für eine Zukunft planen müssen, in der wir nicht mehr wissen, was richtig ist und in der das Klima nicht mehr die Konstante darstellt. Das heisst: Wir müssen nicht mehr definieren, wie die Zukunft ist, sondern wir müssen mit Planung Zukunft ermöglichen. Das ist ein ganz anderes Planungsverständnis. «Enable the future» ist das Stichwort, das für den neuen Studiengang Landschaftsarchitektur an der Berner Fachhochschule zentral ist.

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