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Wie Peers die ambulante psychiatrische Versorgung ergänzen können
24.09.2026 Psychiatrische Spitex findet mitten im Lebensalltag der Menschen statt. Doch professionelle Unterstützung kann soziale Beziehungen und den Austausch mit Menschen mit ähnlichen Erfahrungen nicht ersetzen. Ein Forschungsprojekt der BFH untersucht deshalb, welche Rolle digitale Peer-Unterstützung spielen könnte.
Das Wichtigste in Kürze
- Ambulante psychiatrische Versorgung ermöglicht Behandlung im gewohnten Lebensumfeld, kann aber soziale Beziehungen und informelle Unterstützung nicht ersetzen.
- Peer-Angebote können diese soziale Dimension ergänzen, indem Menschen mit ähnlichen Erfahrungen Austausch, Zugehörigkeit und gegenseitige Unterstützung ermöglichen.
- CoPEER untersucht digitale Peer- Unterstützung als möglichen Baustein der Versorgung – ergänzend zur professionellen Pflege, nicht als deren Ersatz.
Wer psychiatrisch ambulant versorgt wird, ist - im Gegensatz zur stationären Behandlung – in seinem gewohnten Lebensumfeld. «Die pflegerische Begleitung im heimischen Umfeld der Klient*innen durchzuführen, birgt wertvolle Chancen», sagt Sonja Forster, COO der Spitex Kriens. Für die Pflegefachpersonen eröffnet das einen unmittelbaren Blick auf den Alltag und das soziale Umfeld der Betroffenen. «Wir sind bei unseren Klient*innen zu Gast – das ist eine Rollenumkehr gegenüber dem stationären Setting».
Professionelle Pflege hat Grenzen
Die Spitex kann aber nicht alle Bedürfnisse abdecken, sie hat einen klar definierten Versorgungsauftrag. Psychiatriepflegende unterstützen die Klient*innen zwar darin, soziale Beziehungen aufzubauen und zu erhalten. Sie stehen jedoch nicht als solche ausserhalb der Behandlung zur Verfügung. «Wenn wir mit unseren Klient*innen interagieren, ist das immer ein professionelles Verhältnis», sagt Forster. Pflegefachpersonen ersetzen keine Freundschaften.
Dass hier ein relevanter Bedarf besteht, zeigen Forschungsdaten: Fast jede zweite Klientin, jeder zweite Klient der psychiatrischen Spitex weist laut einer Studie eine Pflegediagnose wie Einsamkeit, Konflikte mit Angehörigen oder Freund*innen oder eine Reduktion sozialer Aktivitäten auf. «Das ist gesundheitlich relevant», sagt Nora Ambord. Laut der wissenschaftlichen Mitarbeiterin im Innovationsfeld Psychische Gesundheit & Psychiatrische Versorgung der Berner Fachhochschule sind soziale Isolation und Einsamkeit mit negativen Folgen für psychische und körperliche Gesundheit sowie Lebensqualität verbunden.
Neue Perspektive durch Peers
Selbst ein intaktes soziales Umfeld kann das Krankheits- und Genesungserleben der betroffenen Personen oft schlecht nachvollziehen. Deshalb stellt sich die Frage, wie den Menschen neben den professionellen Leistungen soziale Ressourcen zur Verfügung gestellt werden können, um mit ihrer Situation umgehen zu können..
Hier kommen Peers ins Spiel. Peer-Support bezeichnet den Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen oder Lebenssituationen kennen, und damit helfen, einander besser zu verstehen und zu unterstützen. «Der Austausch mit Peers bringt eine ganz andere Perspektive», sagt Sonja Forster. Erfahrungen können geteilt, Situationen gemeinsam reflektiert und Fragen mit jemandem besprochen werden, der Vergleichbares erlebt hat. Gerade für Menschen, die langfristig mit einer psychischen Erkrankung leben, könne das wertvoll sein.
Zur Wirkung solcher Angebote gibt es Evidenz – wenn auch oft methodische Grenzen bestehen. Übersichtsarbeiten weisen laut Nora Ambord unter anderem auf positive Effekte auf Selbstwirksamkeit, persönlicher Recovery und Zugehörigkeitsgefühl hin; vereinzelt zeigen sich auch Hinweise auf ein geringeres Risiko späterer Rehospitalisierungen.
Buchtipp: Ambulante Psychiatrische Pflege
Das neue Fachbuch «Ambulante Psychiatrische Pflege» von BFH-Forscherin Dr. Anna Hegedüs und Bettina Grundmann-Horst vermittelt Grundlagen und Strukturen der ambulanten psychiatrischen Pflege in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zudem bietet es praxisnahe Anleitungen für das pflegerische Handeln – von Übergängen aus der Klinik über Krisensituationen bis zur langfristigen Begleitung zu Hause.
Kontakte digital anbahnen
Wie eine solche Ergänzung konkret aussehen könnte, untersucht derzeit das BFH-Projekt CoPEER gemeinsam mit der Spitex Kriens und der digitalen Plattform restful. Über die Plattform werden Klient*innen der psychiatrischen Spitex untereinander vernetzt. Nach einem Self-Assessment wird ein*e mögliche*r Peer vorgeschlagen, ausschlaggebend sind dabei ähnliche Bedürfnisse für einen Austausch. Das Matching führt eine Pflegefachperson der Spitex Kriens durch. Abschliessend kann der geschützte Austausch über die Plattform stattfinden. Check-ins und Meldefunktionen, die einem Monitoring unterliegen, sollen zusätzliche Sicherheit schaffen.
Warum ein weiteres digitales Tool, wenn es letztlich um soziale Beziehungen in der realen Welt geht? Für Ambord liegt darin gerade die Chance. Menschen, die herausgefordert sind, soziale Kontakte aufzubauen und zu pflegen können sich durch den geschützten Rahmen schrittweise an eine neue Beziehung herantasten. Der erste Kontakt kann anonym im Chat stattfinden. Später könnten die Beteiligten selbst entscheiden, ob sie Telefonnummern austauschen, per Video kommunizieren oder sich vielleicht persönlich treffen. «Dieser Vorgang kann Schritt für Schritt und mit voller Kontrolle der Beteiligten vollzogen werden», sagt Ambord.
Entwickelt wurde das Angebot nicht nur für die künftigen Nutzer*innen, sondern gemeinsam mit ihnen. In Workshops brachten Fachpersonen, Angehörige und ausgebildete Peers ihre Perspektiven ein. Sie halfen dabei, relevante Themen, Funktionen und verständliche Formulierungen zu bestimmen.
Geeignet für die Rekonvaleszenz-Phase
Das Angebot hat allerdings Grenzen. CoPEER richtet sich vor allem an Menschen, die sich in einer relativ stabilen Situation befinden. Für Menschen in akuten, schweren Krankheitsphasen ist ein solches Angebot eher unpassend. Die regelmässigen Check-in-Fragen, die auch einem Monitoring unterliegen, sollen kritische Situationen verhindern oder frühzeitig registrieren.
Der Vorteil eines solchen Peer-Supports steht für Sonja Forster ausser Frage. In einem nächsten Projektschritt werden nun Implementierungs- und Finanzierungsfragen betrachtet: Wer übernimmt in einer Branche mit chronischem Fachkräftemangel die fachlichen Aufgaben auf der Plattform wie das Matching oder die Analyse der Check-in-Fragen? Oder wie lässt sich Die Abrechnung der Leistung in die die bestehenden Vergütungsstrukturen integrieren?
Wenn psychiatrische Versorgung stärker im Alltag der Menschen stattfinden soll, braucht es ein Umfeld, das soziale Teilhabe, Austausch und Beziehungen ermöglicht. Peer-Angebote können dazu einen wichtigen Beitrag leisten – gerade, weil sie etwas anderes bieten als Fachpersonen: geteilte Erfahrung, gegenseitiges Verständnis und Zugehörigkeit.
Literatur
Ambulante Versorgung
Ambulante Versorgung verändert das Gesundheitswesen. Immer mehr Leistungen werden dort erbracht, wo Patient*innen leben und ihren Alltag verbringen. Das eröffnet Möglichkeiten, stellt Fachpersonen und Institutionen aber auch vor Herausforderungen. In unserer Serie zeigen wir, wie sich die ambulante Versorgung entwickelt und was es braucht, damit sie wirksam, koordiniert und nachhaltig ist. Wir geben zudem Einblick in Modelle, welche die BFH gemeinsam mit Praxispartnerschaften und mit Hilfe des Swiss Center for Care@home (SCC) pilotiert, implementiert und evaluiert.