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In Bürogebäuden gibt es Wohnraum
18.05.2026 Für Ulrike Schröer, Professorin für Architektur und Entwurf an der Berner Fachhochschule, ist die Mischung aus akademischer Freiheit und realer Prüfung bereichernd, gerade auch beim Thema Wohnungsbau. In Kombination mit Ressourcenfragen, Umbau und Sozialverträglichkeit wird es richtig spannend.
Das Wichtigste in Kürze
- Wohnungsbau hat im Architekturstudium hohe Bedeutung, weil er alle betrifft und im Berufsalltag eine der häufigsten und anspruchsvollsten Aufgaben ist.
- Die Zukunft liegt im Umbau und der Umnutzung statt im Neubau– insbesondere aus ökologischen, sozialen und städtebaulichen Gründen.
- Studierende arbeiten an realen Gebäuden und Fragestellungen - Erkenntnisse aus den Projekten werden an Öffentlichkeit, Eigentümer und Institutionen zurückgespielt.
Welche Bedeutung messen Sie innerhalb des Architekturstudiums dem Thema Wohnungsbau bei?
Grundsätzlich hat der Wohnungsbau eine sehr hohe Bedeutung. Es ist oftmals das klassische Einsteigerthema, was auch damit zu tun hat, dass jede und jeder wohnt und wir alle verschiedene Wohnerfahrung teilen. Im Berufsalltag ist der Wohnungsbau dann auch eine häufige und anspruchsvolle Aufgabe.
Der Wohnungsbau als Thema für den Einstieg. Würden Sie sogar so weit gehen, von einer Königsdisziplin zu sprechen?
Ich würde die Aufgaben der Architektur nicht gegeneinander ausspielen. Aber historisch betrachtet ist es interessant, dass der Wohnungsbau – und hier natürlich insbesondere der Massenwohnungsbau - erst im 20. Jahrhundert eine Aufgabe für die Architekten und Architektinnen wird. Wohnhäuser als Profanbauten wurden vorher von Handwerkern und Baumeistern gebaut und war somit eigentlich anonyme Architektur.
Mit Blick auf die Ökonomie ist der Wohnungsbau doch sehr komplex. Hat diese Komplexität Platz im Studium?
Die ökonomische Realität, die den Wohnungsbau tatsächlich prägt, kann man nur bedingt in die Hochschule übertragen. Iin ein Grundlagenstudium ist sie sinnvoll gar nicht integrierbar. Aber Fragen von Raumzuordnungen und Grundrisse innerhalb eines Gebäudes und die Verhältnismässigkeit von Flächen, Eingriffstiefen beim Umbau, beides Kostentreiber im Wohnungsbau – das alles lässt sich sehr gut im Unterricht behandeln.
«Ich sehe die beruflichen Herausforderungen in der Architektur der Zukunft eher im Umbau als im Neubau.»
Seit vier, fünf Jahren fokussieren Sie im Unterricht im Wohnungsbau auf das Thema «Umbau». Warum?
Das ist zugegebenermassen für ein Grundlagensemester ein steiler Einstieg. Es hat damit zu tun, dass ich die beruflichen Herausforderungen in der Architektur der Zukunft eher im Umbau als im Neubau sehe.
Für eine der Semester-Arbeiten haben Sie die Umnutzung der «Galleria» in Glattbrugg in Wohnungen ins Zentrum gerückt. Das «Galleria» sind Büro-Grossbauten, eine Art Stadt und hochwertige Architektur aus dem Jahr 1989. Das war sogar ein super steiler Einstieg!
Das stimmt. Aber die Fragestellung, wie man leerstehende Büroflächen umnutzt, ist hochaktuell. Bei der Umnutzung von Bürogebäuden gibt es die Chance, tatsächlich neuen Wohnraum zu schaffen, ohne eine langjährige Bewohnerschaft zu verdrängen, und dabei gleichzeitig urbane Ressourcen zu nutzen, um neuen Wohnraum zu schaffen. Interessant ist die Frage auch, weil wir hier den Aspekt der Gentrifizierung nicht haben, wie er sonst bei den klassischen Sanierungen, Erweiterungen und Aufstockungen von bestehenden Wohnbauten sofort auftaucht. Einem wertig gebauten, geradezu ikonischen Gebäude wie die «Galleria» in Glattbrugg, das zu 95 Prozent leer steht, neues Leben und eine neue Bedeutung zu geben, anstelle es einfach abzureissen, schien mir eine relevante und inspirierende Aufgabenstellung für eine Semester-Arbeit zu sein.
Die Aufgabe grenzt doch fast schon an eine Überforderung. Sind da innovative, handfest Lösungen möglich?
Die Grösse war tatsächlich eine enorme Herausforderung. Die Studierenden haben das Gebäude in Zweier- oder Dreierteams bearbeitet und damit simuliert, dass man in grossen Büros in Teams arbeiten muss. Es war auch die Auseinandersetzung mit der starken Sprache der Postmoderne, die einen schweren Stand in der Gesellschaft und der Architektur hat. Das Gebäude war in seinen Dimensionen und Tiefen so herausfordernd, dass man keine gängigen Muster als Lösungen präsentieren konnte. Das war eben auch eine Chance, ausgetretene Pfade vom Wohnungsbau zu verlassen. Mit anderen Worten: Das Innovationspotenzial war gross. Das war eine tolle Übungsanlage.
«Publikationen belegen auch, dass leerstehende Bürogebäude in den Städten als wichtige Raumressourcen zu verstehen sind und dass die Zeit des Ausradierens und Abreissens längst vorbei sein müsste.»
Bleibt das Ganze am Schluss nicht bloss eine Fingerübung?
Nein, gar nicht. Die Studierenden haben berichtet, dass sie am Anfang ganz erschlagen waren, dass es aber lehrreich war, so ein komplexes Gebäude zu analysieren und zu verstehen, um ihm mit planerischen Antworten zu begegnen. Dass sie es geschafft haben, das Gebäude als Gesamtorganismus umzudeuten, hat sie stolz gemacht. Die Umnutzung überdies eine Thematik, die sich den Studierenden dann im Berufsalltag stellen wird. Aktuelle Publikationen belegen auch, dass leerstehende Bürogebäude in den Städten als wichtige Raumressourcen zu verstehen sind und dass die Zeit des Ausradierens und Abreissens längst vorbei sein müsste, und dass wir hier einen zukunftsfähigen Umgang finden müssen. Zudem war die Eigentümerschaft bei den Reviews mit den Studierenden immer dabei. Auch sie hat eine Entwicklung durchgemacht: Am Anfang war eine gewisse Skepsis vorhanden und im Laufe des Prozesses wurde verstanden, dass diese enormen Flächen ohne Tageslicht eigentlich nichts wert sind und dass bei einer Umnutzung für Wohnzwecke auch in die Primärstruktur der «Galleria» eingegriffen werden muss.
Geht diese Arbeit weiter?
Wir werden zum einen eine Dokumentation erstellen, zum andern werden die «Galleria»-Arbeiten in unserer Jahresausstellung 2027 zeigen Zudem hoffe ich, dass wir das Thema Umnutzung von Bürobauten mit Veranstaltungen in die Öffentlichkeit tragen können. Mit der Eigentümerschaft sind wir im Gespräch, wie wir uns in der Diskussion über die weitere Entwicklung der Galleria beteiligen können. Unsere Absicht ist es auf jeden Fall, Erkenntnisse aus den studentischen Arbeiten in die Gesellschaft zurück zu spielen.
«Erkenntnisse aus den studentischen Arbeiten in die Gesellschaft zurückspielen»
Eine andere Semesterarbeit beschäftigte sich mit dem Umgang von Siedlungen aus den 1950er Jahren. Auch das ist topaktuell und anspruchsvoll.
Die Siedlungen aus der 1950er Jahren am Berner Ostring gibt es tausendfach in der Schweiz: typische Zwei- oder Dreispänner mit klassischen Familiengrundrissen. Es ging um die Aufgabenstellung, wie man diese Siedlungen klug und gegenüber einer langjährigen und älteren Mieterschaft respektvoll und sozialverträglich ertüchtigt mit Ergänzungen und neuen Wohnangeboten. Wie kann Architektur einen Beitrag leisten zum Verbleib von älteren Menschen in ihren Wohnungen – das war die Frage. Dabei ging es nicht nur ums Thema Barrierefreiheit, sondern auch um die Motivation für die Bewohner, die eine oder andere Treppe zu gehen, um einen Treffpunkt zu nutzen. Die Förderung von Alltagsbewegung unterstützt die längere Selbstständigkeit der Menschen.
Können Sie auch hier etwas zu den Vorschlägen und Arbeiten sagen?
Hier war es auch wichtig, sich in das Leben und in die Bedürfnisse von älteren Menschen hineinzuversetzen. Die Frage der Empathie spielte eine wichtige Rolle. Wir hatten reale altere Gesprächspartnerinnen und -partner (Citizen Scientist) für die Studierenden. Das waren interessante Erfahrungen für die Studierenden, die eigenen Vorstellungen vom Alter im Gespräch überprüfen zu können. Auch hier kam ein Strauss von Vorschlägen und Ideen zusammen, die man sonst bei Projekten mit klassischen Sanierungen in Kombination mit Bewegungsförderung noch nicht gefunden hat. Das Projekt hat in der Jahresausstellung 2025 grosse Resonanz gefunden. Wir konnten die Arbeiten in diesem Jahr auch am Alterskongress der Pro Senectute in Biel präsentieren, und zusammen mit der Stiftung für Alterswohnen der Stadt Zürich werden wir im Herbst 2026 eine Ausstellung gestalten.
Ihr Anliegen, studentische Arbeiten in die Gesellschaft zurück zu spielen, ging also auf.
Ja – und für das Projekt «Gesundheit im Bestand: Bezahlbare und soziale Transformation in Bern» haben wir vom Bundesamt für Wohnungswesen BWO den Zuschlag als Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung 2025-2030 erhalten.
«Für diese Real-Labors suchen wir Mitstreiter, die davon überzeugt sind, dass man Wohnungsbau auch anders denken kann.»
Wie einfach ist es, im Bereich des Wohnungsbaus Kooperationspartner zu finden?
Reale Objekte zu finden und Eigentümer, die bereit sind, ihre Gebäude zu Übungszwecken zur Verfügung zu stellen, ist zum Teil schwierig. Denn es ist klar, dass die Berner Fachhochschule die reale Welt der Praktiker nicht ersetzen will und soll. Wir sind primär für die Architekturausbildung zuständig und keine Dienstleister. Aber wir können freier über Fragestellungen nachdenken, auch weil wir es uns ab und zu erlauben, auch Gesetze ausser Kraft zu setzen, um zu überlegen, ob es vielleicht in der Praxis sinnvoll wäre, gewisse Regeln zu verändern. Der Erkenntnisgewinn aus solchen sogenannten Real-Labors ist für alle Beteiligten immer wieder enorm. Für diese Real-Labors suchen wir Mitstreiter, die davon überzeugt sind, dass man Wohnungsbau auch anders denken kann, ohne dass daraus gleich ein Ausführungsprojekt wird.
Wie gehen Sie vor, wenn Sie in den Real-Labors Regeln und Gesetze ausser Kraft setzen?
Der Entscheid, welche Gesetze man für eine Semesterarbeit aufhebt oder welche Schwerpunkte man setzt, ist tatsächlich anspruchsvoll. Es gilt, eine Balance zu finden zwischen akademischer Freiheit und einer Flughöhe, die mit der Realität zu tun hat. Bei der «Galleria» habe ich zum Beispiel die ökonomische Betrachtung weggelassen, die Studierenden musste aber die Verhältnismässigkeit ihrer Eingriffe begründen. Diese Mischung aus akademischer Freiheit und realer Prüfung ist für mich nach langen Unterrichtserfahrungen interessant und bereichernd.