«Ich war herausgefordert immer und immer wieder zu begründen, wieso ich tue was ich tue»

Nadja Möschli hat im Rahmen ihres Bachelorstudiums ein Praxissemester in Tuzla, einer Stadt in Bosnien und Herzegowina, absolviert. Mit ihrer Arbeit in der NGO AMICA EDUCA hat sie dazu beigetragen, Menschen verschiedener ethnischer Zugehörigkeit zu vernetzen, zu versorgen und bei der Verarbeitung von Kriegstraumata zu unterstützen. «Mein Ziel war es, voll und ganz dort zu sein, mich hinzugeben und anzunehmen, was auch immer kommen mag», sagt die 24-Jährige über diese eindrückliche Zeit.

Frau Möschli, Sie haben im Rahmen ihres Auslandpraktikums mehrere Monate in Bosnien und Herzegowina verbracht. Wo haben Sie gearbeitet?

Nadja Möschli: Ich war sechs Monate bei AMICA EDUCA tätig. Bei dieser NGO handelt es sich um ein Bildungs- und Beratungszentrum, welches offen ist für alle Menschen – ungeachtet ihres Alters, ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit oder ihrer politischen Ausrichtung. AMICA EDUCA fördert durch ihr Konzept des lebenslangen Lernens Eigeninitiative zu entwickeln und ein selbstbestimmteres Leben zu führen. Ziel ist die Verbesserung der psychosozialen Versorgung und die solidarische Vernetzung unter den Teilnehmenden. Kriegsbezogene Themen, wie die Verarbeitung von Trauma und Folter, sind immer noch aktuell und werden unter anderem mit kreativen Methoden angeleitet.

Das AMICA-Haus befindet sich im Zentrum der Stadt Tuzla, im Nordosten von Bosnien und Herzegowina. Tuzla war im Krieg ein Zufluchtsort für viele Flüchtlinge (u.a. aus Srebrenica), die noch heute in der Stadt leben. Die Stadt zeichnet sich durch ihr multikulturelles Zusammenleben aus. Sie ist eben gerade nicht in ihre Ethnien zerfallen, wie es in vielen anderen Städten des Landes seit dem Krieg der Fall ist.

Welche Aufgaben haben Sie in dieser NGO wahrgenommen?

Ich konnte meine Tätigkeiten weitgehend selbst bestimmen und individuelle Schwerpunkte setzen. Mein Wunsch war es, in verschiedene Bereiche einzutauchen und eine Idee zu erhalten, wie die Organisation funktioniert, welche Angebote sie macht, welche Menschen im Haus ein- und ausgehen und herauszufinden, wo ich meinen Beitrag leisten kann. Ich war vor allem in Projekten meiner Praktikumsausbildnerin involviert. So konnte ich sie bei der Vorbereitung, Durchführung und Auswertung ihrer Workshops unterstützen. Zum einen war dies ein wöchentlicher Workshop mit Roma-Kindern in einer Schule am Stadtrand. Zum anderen betreuten wir gemeinsam ein Malatelier mit Methoden der Kunsttherapie für Kinder.

Ich habe nicht nur verschiedene Aufgaben wahrgenommen, sondern bin auch in verschiedene Rollen geschlüpft: Mal war ich die Assistentin, mal habe ich die Verantwortung für eine Gruppe oder Aufgabe übernommen. Ich war Mitarbeiterin, Partnerin und oft auch selbst Teilnehmerin und Beobachterin. So konnte ich während meines Praktikums an den Seminaren Universelle Friedenstänze, Kreatives Ausdrucksmalen, Gewaltfreie Kommunikation und Empathie nach Marshall B. Rosenberg und in der Kunsttherapie teilnehmen. Das sind die Vorzüge des Praktikantin-Seins.
 
Als im Mai 2014 ein Grossteil des Landes überschwemmt wurde, richtete sich der Fokus des Engagements der NGO auf direkte Hilfeleistungen an Betroffene durch Gütersammlungen, -Vermittlung und -Verteilung wie auch auf das Angebot von psychischer Betreuung für Kinder in Notunterkünften. Ich erlebte, wie dynamisch und schnell AMICA EDUCA als NGO auf die Bedürfnisse ihrer Umwelt reagieren konnte, ganz im Gegensatz zu staatlichen Institutionen. Ich nutzte die Gelegenheit, selbst Spenden aus der Schweiz zu sammeln. So konnte die Handlungsfähigkeit der NGO etwas verlängert werden. Zudem war ich einige Wochen damit beschäftigt, Einkäufe von lebensnotwendigen Dingen zu erledigen – zu entscheiden, was denn lebensnotwendig ist – und diese auch an die abgelegensten Orte zu bringen. Ich generierte also ziemlich viele Arbeitsstunden für mich und andere Mitarbeitende. Und obwohl niemand mit 10 Kilo Mehl eine Hauswand wieder aufrichten kann, waren wenigstens andere Grundbedürfnisse für einige Tage gesichert und die vom Sozialdienst für diese Hilfspakete auserwählten Familien hatten Besuch und Grund zum Kaffee trinken.

Wie war der Start im fremden Land?
Ich bin bereits zwei Monate vor Praktikumsbeginn angereist, um die Sprache zu üben, eine Unterkunft in Tuzla zu suchen und mich an das kulturelle Klima zu gewöhnen, bzw. den Kulturschock abzuwarten. Ich erinnere mich gut an den ersten Tag, als ich mit meiner Cousine einen Spaziergang durch die Stadt Novi Travnik machte. Wir trafen Amar, der uns über die Strasse hinweg grüsste. Er, wie viele andere auch – so war mein erster Eindruck – bewegte sich geisterhaft durch die ebenso geisterhaft erscheinende Stadt. Wir kamen ins Gespräch und er fragte mich, was zum Teufel ich hier in dieser Katastrophe wolle? Hier gäbe es nichts zu sehen und nichts zu tun ausser Kaffee zu trinken. Also taten wir dies.

Ich dachte lange an die Worte von Amar, denn ähnlich reagierte leider die Mehrheit der Menschen, die ich kennenlernte. Ich war also «komisch» oder «verrückt» und bekam deutlich zu spüren, dass ich als junge Frau sicher nichts dort verloren hätte. So waren es Erfahrungen des Alltages, Gespräche mit Menschen – darunter viele interessante mit Taxifahrern – die mich anfänglich irritierten, doch dann auch ermutigten. Ja, sie ermutigten und drängten mich fast, das Gegenteil herauszufinden, die Schönheiten dieses Landes zu entdecken und Gründe zu finden, wieso man sehr wohl nach Bosnien und Herzegowina kommen soll.

Was war für Sie die grösste Herausforderung in der Fremde?
Vielleicht das Land wieder zu verlassen. Deshalb nahm ich wohl einige Umwege bis nach Hause in Kauf, deshalb flog ich wohl nicht mit dem Flugzeug zurück, deshalb verlängerte ich mein Studium womöglich um ein Semester. Es ist eine andere Welt «dort unten», obwohl es nicht weit entfernt liegt. Es ist ein anderes Leben, nicht nur wegen der Kriegsgeschichte, die die Menschen geprägt hat. Es war eine Herausforderung für mich, so einfach wieder in meinen goldenen Käfig zurückkehren zu können und keine kleinen wie auch grossen Herausforderungen des Alltages mehr bewältigen zu müssen, wie zum Beispiel Feuerholz im Schnee ausgraben, bei einer Überschwemmung an Wasserreserven zu denken oder kommunistische Unterwürfigkeit gegenüber Beamten vorzuspielen.

Sprachlich war ich natürlich herausgefordert und ich merkte schnell, wie dies sich im Verhältnis zu meiner Handlungsfähigkeit verhielt: Je mehr ich verstand und sprach, desto mehr konnte ich tun, mitarbeiten, beitragen. Eine ganz einfache Rechnung.

Ich war herausgefordert mich immer und immer wieder zu erklären und zu begründen, wieso ich tue was ich tue, wieso ich da bin, wieso ich in der Schweiz Soziale Arbeit studiere, wieso es in der Schweiz Soziale Arbeit braucht. Ich musste mit diesem Stigma klarkommen, dass ich als eine hochanspruchsvolle, handwerklich unbegabte, überemanzipierte und von dem Leben Bosnien und Herzegowinas nichts verstehende Studentin angesehen wurde. Ich war demnach gefordert, so einiges unter Beweis zu stellen.
 
Wie ist es Ihnen dabei gelungen, den Bezug zum Studium herzustellen?
In diesen Monaten, in denen ich dort am Leben teilgenommen habe, war ich mit vielen gesellschaftlichen Fragen und menschlichen Interaktionsmustern konfrontiert. Mein Ziel war es, voll und ganz dort zu sein, mich hinzugeben und anzunehmen was auch immer kommen mag. Ich habe mich deshalb mehr auf persönlicher, auf Team- und Organisationsebene wie auch auf gesellschaftspolitischer und kultureller Ebene mit der Arbeit auseinandergesetzt als auf einer fachlichen, methodischen oder sozialarbeiterischen Ebene.
 
Der Bezug zum Studium erfolgte durch den Kontakt mit meiner Praktikumsbegleiterin, durch meinen Supervisor wie auch durch das E-Begleitseminar. Mir kam es vor, als ob diese Personen und Gefässe mich wieder herausholten, Distanz schaffen liessen und mich daran erinnerten, dass dies alles Teil meines Studiums ist. Vor allem dank meines Supervisors, welcher selbst in Bosnien und Herzegowina aufgewachsen ist und nun als Sozialarbeiter in der Schweiz tätig ist, konnte ich – von Eindrücken überflutet – Bezüge zum Studium, zu Theorien und Strukturen herstellen. Dies gab mir Sicherheit in dieser Ausgesetztheit im fernen Fremden.

Weitere Erfahrungsberichte
Erfahrungsbericht: Florence Tinembart / Gambia
Erfahrungsbericht: Nora Berner / Mexiko
Erfahrungsbericht: Erika Sieber / Bolivien

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