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Raumentwicklung: Transformation als Zukunftsaufgabe
25.06.2026 Wie gestalten wir Städte und Landschaft, so dass sie auch in Zukunft Raum für lebenswertes Wohnen und eine auskömmliche Wirtschaft bieten? Interview mit den Experten Manuel Fischer und William Fuhrer.
Das Wichtigste in Kürze
- Auf dem begrenzten Raum der Schweiz konkurrieren viele Bedürfnisse, von Wohnen über Wirtschaft und Landwirtschaft bis hin zur Freizeit.
- Aktuelle Herausforderungen der Raumentwicklung sind sozialverträgliche Verdichtung und die zukunftsfähige Gestaltung unserer Lebensräume und Mobilität, auch im Hinblick auf die Anpassung klimabedingter Gefahren.
- Die BFH übernimmt Verantwortung bei dieser Transformationsaufgabe und setzt dabei stark auf interdisziplinäre Zusammenarbeit und enge Kontakte mit Praxispartnern aus Verwaltung, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft.
Warum ist Raumentwicklung ein so zentrales Thema für die Schweiz?
William Fuhrer: Raumentwicklung ist eine Gestaltungsaufgabe, die das Wohlergehen und die Zukunft der Menschen in ganz verschiedenen Facetten betrifft. Wie wohnen wir und wie verbringen wir unsere Freizeit? Wie ist der Wirtschaftsraum gestaltet, wie verdienen wir unser Geld? Wie wirkt das auf die Umwelt? Das alles sind Aspekte der Raumentwicklung, die miteinander zusammenhängen und aufeinander wirken. Und es sind längst nicht alle Dimensionen, die bei der Raumentwicklung berücksichtigt werden sollten.
Manuel Fischer: Das alles findet auf einer begrenzten Ressource statt, dem Boden. Das führt zu Nutzungskonflikten, zum Beispiel zwischen wirtschaftlichen und ökologischen Interessen. Wobei die verschiedenen Ebenen miteinander interagieren. So wirkt sich zum Beispiel eine hohe Biodiversität auch positiv auf das Wohlbefinden der Menschen aus. Diese Konflikte müssen moderiert werden.
Spannend ist das Ganze, weil Raumentwicklung nichts Statisches ist und manche Dinge nicht geplant werden können. Da kann man z. B. für einen Platz bis ins Detail planen, wie die Menschen diesen nutzen sollen, aber schlussendlich finden die Menschen dann doch ihre eigenen Trampelpfade oder nutzen Räume anders als geplant. Räume entwickeln sich ständig.
Über die Interview-Partner
Manuel Fischer ist studierter Regionalentwickler und leitet das strategische Themenfeld nachhaltige Entwicklung der BFH.
Prof. William Fuhrer ist Architekt und leitet die Fachgruppe Urbane Transformationen der BFH.
Was sind aktuell die grössten Herausforderungen in der Raumentwicklung?
William Fuhrer: Aktuell ist ein grosses Thema, Siedlungen so zu transformieren, dass sie kompakter und effizienter werden. Zum Beispiel durch Nutzungsdurchmischung, das heisst, dass Wohnraum und Arbeitsplätze in der Nähe zueinander entstehen. Das spart Pendelverkehr, was aus Klimagründen wichtig ist. Wenn dann noch mehr Grün in die Stadt kommt und die Temperaturen erträglicher macht, wird aus der Klima-Vermeidungsstrategie eine Klima-Anpassungsstrategie.
Manuel Fischer: Genau, Klimaanpassung wird immer mehr zum Thema. Selbst wenn die Treibhausgasemissionen von heute auf morgen durch ein Wunder auf Null fallen würden, das Klima würde sich noch über Jahrzehnte weiter erwärmen. Dem müssen wir uns anpassen. An der BFH forschen wir daher z. B. an Lösungen für die Stadtbegrünung und beschäftigen uns mit dem Konzept der Schwammstadt. Diese ist für Starkniederschläge und Sommerhitze besser gerüstet als die heute üblichen grauen Städte. Zudem brauchen wir auch dringend eine Transformation unserer Mobilität.
William Fuhrer: Ein anderes grosses Thema aktuell ist das bezahlbare, gute Wohnen in zentraler Lage. Die Städte sind gebaut, also muss man verdichten. Doch wie kann man verdichten, dass es sozialverträglich ist? Dieser Frage gehen wir derzeit in einem vom Bund geförderten Projekt mit dem Stadtplanungsamt Bern und weiteren Partnern nach. Dabei wollen wir vor allem untersuchen, wie der Bestand, also bestehende Siedlungen, weiterentwickelt werden können, ohne Abbruch und Ersatzneubau.
Es gibt nicht das eine, allgemeingültige Idealbild, aber es gibt so etwas wie einen idealen Aushandlungsprozess.
Warum soll nun plötzlich der Bestand weiterentwickelt werden? Wäre neu bauen nicht einfacher?
Manuel Fischer: Historisch gesehen wurde schon immer der Bestand entwickelt, ganz einfach, weil man sich z. B. Neubauten nicht leisten konnte. Was der Bestandsentwicklung heute neuen Schub gibt, ist das Thema graue Energie. Also die Treibhausgasemissionen und Ressourcen, die gespart werden, wenn nicht abgebrochen und neu gebaut wird. In Tat und Wahrheit wird aber wohl immer noch häufig abgebrochen und neu gebaut, da das Thema Kreislaufwirtschaft in vielen Bereichen und Köpfen noch immer ein Nischendasein fristet.
William Fuhrer: Was die Weiterentwicklung des Bestands so besonders macht, ist der soziale Aspekt. Neben all den planerischen, technischen und baulichen Fragen hat man da die Leute, die bereits da leben – mit ihren wirtschaftlichen Existenzen und Ökosystemen. Wenn man die Weiterentwicklung im Bestand ernst nimmt, wird es in erster Linie zu einer kulturellen Herausforderung. Es gilt dann, mit den Bewohnenden weiterzubauen. Sanieren ohne Leerkündigungen etwa. Oder aber auch, das lokale Gewerbe für Sanierungs- und Transformationsarbeiten einzusetzen.
Was wäre das Idealbild einer Siedlung oder einer Landschaft? Und wer definiert dieses Idealbild?
Manuel Fischer: Es gibt nicht das eine, allgemeingültige Idealbild, wie Siedlungen aussehen sollten. Aber es gibt so etwas wie einen idealen Aushandlungsprozess. Und zu diesem gehört die Partizipation derer, die an einem Ort wohnen und ihn nutzen. Auch nicht-menschliche Stakeholder, also z. B. Flora und Fauna, sollten in diesen Prozessen eine Stimme haben. Partizipation ermöglicht den Bewohnenden Identifikation, das zeigt auch ein Forschungsprojekt, das die BFH zurzeit im Bereich Baukultur führt (siehe Infokasten). Ein Raum kann Identität schaffen, die Veränderungen überdauert. Die Gesellschaft ändert sich, die Nutzungen ändern sich, auch die Landschaft kann sich ändern, denken wir nur an Bergstürze.
William Fuhrer: Es braucht das, was wir «transformative Resilienz» nennen. Also nicht nur einzelnen Schocks und Stressfaktoren widerstehen, sondern sich proaktiv zu verändern, um zukünftige Herausforderungen besser zu bestehen. Den Wandel thematisieren und Wandelbarkeit als Gestaltungselement sehen. Bei Corona haben wir gesehen, dass Funktionsdurchmischung dafür wesentlich ist. An Orten, wo Wohnen, Einkaufen und Freizeit nicht separiert waren, war der Stress niedriger. Es hilft, Siedlungen als Systeme zu sehen – nicht nur Häuser und Strassen, sondern die Beziehungen und Aktivitäten der Menschen mit ihren Wechselwirkungen. Die Frage ist dann: Was muss der Ort den Beziehungen, dem System geben?
Baukultur: unsere Forschungsprojekte
Baukultur umfasst die gesamte vom Menschen gestaltete Umwelt und den Umgang mit ihr. Sie ist nicht nur reine Architektur, sondern vereint Gebäude, Freiräume, Infrastruktur, Städtebau und Landschaften. Als ganzheitlicher Prozess schliesst sie Planung, Erhaltung, Nutzung und nachhaltige Entwicklung ein. Der Schweizerische Nationalfonds führt derzeit das Nationale Forschungsprogramm 81 zur Baukultur. In diesem Rahmen hat die BFH drei Projekte:
Wie kann eine solche integrierte Planung in der Praxis gelingen?
William Fuhrer: Das ist die grosse Frage. Traditionell sind die Aufgaben der Raumentwicklung zwischen verschiedenen Branchen und Disziplinen aufgesplittert, die je ihre eigenen Prozesse, Pflichtenhefte und Budgets haben. Eine Publikation, die wir kürzlich mit dem Nachhaltigkeitsnetzwerk SDSN erstellt haben, zeigt, dass es oft an lokaler Umsetzungskapazität fehlt, um interdisziplinäres Wissen wirksam in Planung und Gestaltung zu überführen. Aber es gibt positive Ansätze, von denen wir lernen können.
Manuel Fischer: Bei der Raumentwicklung handelt es sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, wir alle sind angehalten, mitzuwirken. Einerseits ist es Sache der Politik, den Rahmen zu geben. Die Schweiz bietet aber auch viele Möglichkeiten zur Partizipation, die sollte man nutzen. Und ja, Interdisziplinarität ist wichtig. Raumentwicklung beschäftigt uns an der BFH in Architektur und Bau, in der Landwirtschaft, dem Wandel von Wirtschaftsräumen, bei der Gestaltung des Sozialraums, übrigens auch mit künstlerischen Elementen, bis hin zum Umgang mit Naturgefahren.
Auch ein Dorf ist ein urbanisiertes System, nur weniger dicht.
Wir haben viel über die Stadt geredet, kaum jedoch über das Land. Ist das bezeichnend für die Raumentwicklung?
Manuel Fischer: Man muss das gesamtheitlich betrachten. Jedes Dorf ist recht nah an einer kleinen Stadt und über Herausforderungen wie Zersiedelung und Verkehr sind beide verbunden. Die klare Trennung von Stadt und ruralem Raum ist insbesondere in der Schweiz schwierig. Man spricht da auch vom peri-urbanen Raum. Wie kann sich das Mittelland an die zunehmende Urbanisierung anpassen und so, dass produktive Landwirtschaftsflächen erhalten bleiben? Auch das ist z. B. Thema in unserer Forschung zur Baukultur.
William Fuhrer: Wir dürfen auch nicht vergessen, dass «Stadt» oder «urban» in der Fachdiskussion oft als Synonym für den besiedelten Raum benutzt wird. Auch ein Dorf ist ein urbanisiertes System, nur weniger dicht. Überhaupt ist die Schweiz seit den 1980er-Jahren urbanisiert und über 80 Prozent der Bevölkerung leben in der Agglomeration. Wenn man Wirkung erzielen will, bietet sich hier ein stärkerer Hebel als in kleinräumigen Strukturen.
Was ist die Hochschulallianz PIONEER?
Seit 2020 fördert die EU internationale Allianzen von Hochschulen. Damit will sie die europäischen Hochschulen zukunftsfähig machen, indem sie die inter- und transdisziplinäre sowie internationale Zusammenarbeit fördert.
Gemeinsam mit neun anderen europäischen Hochschulen engagiert sich die BFH in der Allianz PIONEER für die Stadt der Zukunft. Beteiligt an PIONEER sind international erfolgreiche Hochschulen, z. B. die Université Gustave Eiffel, die Università IUAV di Venezia und die Technische Hochschule Köln.
Die Partnerinnen verbinden technische mit kulturell-sozialen Fachrichtungen, um Antworten auf die drängenden Fragen in der nachhaltigen Entwicklung von urbanen Räumen zu geben. Dazu zählen unter anderem Aspekte der sozialen Nachhaltigkeit wie Gesundheitsförderung und Sicherheit sowie ökologische und technische Herausforderungen wie Energieversorgung und Mobilität.
Was sind eure Wünsche für die Raumentwicklung der Schweiz für die Zukunft?
William Fuhrer: (lacht) Gute Frage! Ich hätte viele Wünsche. Ich würde mir mehr Dynamik wünschen und den Mut, über den Tellerrand hinauszuschauen, einfach mal Dinge auszuprobieren. Hilfreich dazu wäre Raum für Experimente, also z. B. bestimmte Bauzonen oder Regelungen in der baulichen Grundordnung, die innovative Lösungen explizit ermöglichen oder antizipieren.
Manuel Fischer: Ich wünsche der Schweiz Mut, outside the box zu denken, und sich von hinderlichen Narrativen zu lösen. Wir als BFH möchten in der Transformation des öffentlichen Raumes Verantwortung übernehmen. Mit unserer inter- und transdisziplinären Forschung und unserer breiten Vernetzung in die Praxis sind wir gut dafür aufgestellt. Durch die Teilnahme an der europäischen Hochschulallianz PIONEER (siehe Infokasten) ergeben sich auch international weitere spannende Chancen für Zusammenarbeit und gegenseitiges Lernen.