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«Das Masterstudium hat mir zahlreiche Türen geöffnet»
10.09.2026 José Inácio (28) hat den Joint Master in Biomedical Engineering an der Uni Bern und der BFH-TI mit Bestnote abgeschlossen – und wurde dafür ausgezeichnet. Heute arbeitet der gelernte Fachmann Gesundheit an einem Innosuisse-Forschungsprojekt mit und liebäugelt mit einem Doktorat.
Herr Inácio, was hat Ihnen am Studiengang Biomedical Engineering besonders gefallen?
Dass er so viele Disziplinen vereint! Von Mathematik und Physik übers Programmieren bis hin zu Chemie und Medizin – das hat mich von Anfang an begeistert. Und die Kollaboration einer Universität mit einer Fachhochschule, die sich seit 20 Jahren bewährt hat. Meine Motivation für das Studium? Als Forscher im Bereich Medizintechnik habe ich das Gefühl, durch Entwicklungen im Grossen etwas Positives bewegen zu können. Nicht nur für einzelne Patient*innen wie bei meinem Beruf in der Pflege, sondern für ganze Generationen von Menschen. Wenn sich denn ein von mir mitentwickeltes Verfahren tatsächlich im medizinischen Alltag etabliert ... (lacht).
Labor für Medizintechnik
Von Biomechanik über biomedizinische Sensorik und Instrumentierung bis hin zur Signal- und Bildverarbeitung: Im Labor für Biomechatronik als Teil des «Institute for Microtechnologies and Medical Engineering IMME» kombiniert die BFH-TI Technologien verschiedener Disziplinen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Mit dem Ziel innovative Systeme für die medizinische Diagnostik und Therapie zu entwickeln.
Sie haben die Vertiefung «Image-Guided Therapy» gewählt. Weshalb?
Mich haben die bildgebenden Verfahren besonders angezogen, weil sie entlang des gesamten Versorgungspfads zum Einsatz kommen: von der Diagnostik über die Therapie bis zum Monitoring. Das Potenzial von allfälligen Verbesserungen ist dadurch riesig. Röntgen- oder MRI-Geräte sind heute aus der Medizin nicht mehr wegzudenken. Aber sie haben auch Nachteile und sind nicht überall auf der Welt so einfach verfügbar wie in der Schweiz. Auch der Einsatz von KI in diesem Bereich ist enorm spannend.
«Zurzeit untersucht man die betroffenen Patient*innen mit Röntgen, was jedoch ein erhöhtes Risiko für strahlungsbedingten Krebs birgt.»
Welchem Thema haben Sie Ihre Masterarbeit gewidmet?
Im Grunde ging es genau darum, alternative bildgebende Verfahren für die Diagnostik, Therapieplanung und Verlaufskontrolle zu entwickeln. Spezifisch ging es um Methoden zur Beurteilung der adoleszenten idiopathischen Skoliose (AIS), also einer Form von Wirbelsäulenverkrümmung im Jugendalter. Zurzeit untersucht man die betroffenen Patient*innen mit Röntgen, was jedoch ein erhöhtes Risiko für strahlungsbedingten Krebs birgt. Ein Team der BFH-TI hat deshalb ein optisches, nicht ionisierendes 3D-Oberflächenscanning-System für den Rücken entwickelt. Und damit in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich bereits Patient*innendaten gesammelt. Meine Masterarbeit knüpft daran an und untersucht, was Machine Learning zur Auswertung dieser Daten beitragen kann. Um so die klinische Beurteilung und Verlaufskontrolle von AIS zu unterstützen.
Sie haben damit für die Bestnote 5,72 von 6 den Award der RMS Foundation, eines renommierten Schweizer Forschungsinstituts, gewonnen. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Ich sehe sie als Bestätigung für meine harte Arbeit und die Zeit, die ich über all diese Jahre investiert habe. Mein Weg war nicht ganz klassisch: Nach meiner Zeit in der Pflege absolvierte ich zuerst die Technische Berufsmaturität, danach den Bachelor in Life Sciences mit der Vertiefung Medizintechnik an der FHNW und schliesslich eben den Master in Biomedical Engineering. Da hat mich dieser Award natürlich schon etwas stolz gemacht.
Was kommt Ihnen heute aus Ihrer Zeit in der Pflege besonders zugute?
Sicher das Zwischenmenschliche, die Empathiefähigkeit, das Gespür für das Praktische. Dass ich bei neuen Produkten oder Verfahren stets auch den Alltag des medizinischen Fachpersonals vor Augen habe und mir überlege: Ist das wirklich praktisch in der Anwendung? Die beste Erfindung nützt nichts, wenn sie nicht tatsächlich angewandt wird. Zudem hat mir das medizinische Vorwissen während dem Studium enorm geholfen.
Heute arbeiten Sie als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Labor für Biomechatronik der BFH-TI. Woran forschen Sie?
Momentan sind wir zusammen mit unserem Industriepartner MOWA Healthcare AG aus Solothurn und unterstützt von der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung Innosuisse in der finalen Entwicklungsphase eines neuen Ganganalysesystems. Menschen mit Gehstörungen, etwa infolge einer halbseitigen Lähmung oder Kinderlähmung, sind häufig auf Unterschenkelorthesen angewiesen. Für die bestmögliche Hilfsmittelversorgung ist eine fundierte, validierte Ganganalyse extrem wichtig. Heute wird diese mit sehr grossem Zeit- und Kostenaufwand in spezialisierten Ganglaboren durchgeführt. Durch tragbare Sensortechnologie können Orthopädietechniker*innen die Analyse künftig direkt in ihren eigenen Räumlichkeiten oder direkt vor Ort bei den Patient*innen durchführen. Die Sensoren erfassen die Bewegungen und eine spezifische Auswertungssoftware erstellt daraus ein detailliertes Bewegungsbild. Dadurch lassen sich die Orthesen gezielter anpassen. Aktuell validieren wir diese Methode in einer klinischen Studie. Die praxisnahe Forschung mit einem konkreten Industriepartner finde ich besonders wertvoll und erkenntnisreich.
Für welches medizinische Problem möchten Sie am liebsten eine Lösung finden?
Für viele! (lacht.) Konkret möchte ich mich gerne noch ausführlicher mit bildgebenden Verfahren im Bereich von Skoliosen befassen. Das hat auch private Gründe: Meine Freundin – die ich übrigens im Masterstudium kennengelernt habe – ist von AIS betroffen. Durch sie habe ich noch viel genauer erfahren, was diese Krankheit für einen jungen Menschen alles mit sich bringt. Sie musste als Jugendliche 23 Stunden pro Tag ein Korsett tragen. Das sind schon erhebliche Einschränkungen. Da würde ich mit meiner Expertise sehr gerne Forschung und Behandlung vorantreiben.
Wie stellen Sie sich Ihre berufliche Zukunft vor?
Ich könnte mir eine Tätigkeit in der Industrie oder auch längerfristig an einer Hochschule gut vorstellen. Das Schöne ist: Das Masterstudium hat mir zahlreiche Türen geöffnet. Durch die Arbeit in unserem Lab konnte ich bereits praxisnahe Erfahrungen damit sammeln, wie Forschungsprojekte geplant, finanziert und gemeinsam mit Partnern umgesetzt werden. Momentan versuche ich, ein Doktorat aufzugleisen. Damit könnte ich meine Erkenntnisse aus der Masterarbeit weiter vertiefen und mit zusätzlichen Daten breiter abstützen. Dies wäre der nächste Schritt, um dieses vielversprechende neue Verfahren des optischen 3D-Oberflächenscannings näher an die klinische Anwendung zu bringen – für mich ein riesiger Ansporn. Sollte dies nicht klappen, gibt es noch tausend andere spannende Themen.