Warum es in der Schweiz Advanced Practice Nurses braucht

18.10.2022 Gerade bei der Langzeitpflege erschweren komplexe Krankheitsbilder und der Fachkräftemangel eine qualitativ hochstehende Betreuung der Patient*innen. Die Advanced Practice Nurses (APN) können mit ihren Kompetenzen das ärztliche Fachpersonal entlasten und die Patient*innen engmaschiger betreuen, wie das Beispiel der Berner Praxis Südland zeigt.

Vor fast 100 Jahren stellte die Geriaterin Marjory Warren in England fest, dass viele Menschen, die sie im Altersheim betreute, sehr bedürftig und gebrechlich waren, aber keine medizinische Betreuung erhielten. Sie störte sich daran und entwickelte als erste Ärztin Vorschläge eines komplexen geriatrischen Assessments, das in der Fachwelt lange Zeit wenig ernst genommen wurde (Grob, 2005). Menschen, die in Alters- und Pflegeheimen (APH) leben, weisen auch heute noch – vielleicht mehr denn je – einen hohen Grad an Bedürftigkeit auf, oftmals mit komplexen Krankheitsbildern, fortschreitenden kognitiven Einschränkungen und zunehmender Gebrechlichkeit. Diese komplexen Situationen führen zu anspruchsvollen Betreuungssituationen, da sich nicht nur die unterschiedlichen Krankheiten, sondern auch die oft im Übermass verabreichten Medikamente gegenseitig beeinflussen. Patient*innen in APH erhalten durchschnittlich bis zu 12,8 Medikamente pro Tag. Mit jedem zusätzlichen Medikament steigt das Risiko für Wechsel- und Nebenwirkungen, was die bereits bestehende Einschränkung der Lebensqualität und das Risiko von kritischen Zwischenfällen zusätzlich erhöht (Boudon, 2017).

Fachkräftemangel erschwert Leistungsauftrag

In der Betreuung dieser Menschen müssen jedoch nicht nur die gesundheitlich-medizinischen Aspekte, sondern auch die menschenrechtlichen Standards berücksichtigt werden. Zum Beispiel bei der Einwilligung in medizinische Behandlungspläne, bei den medikamentösen Therapien und beim Einsatz bewegungseinschränkender Massnahmen (Hardwick et al., 2022).
Die meisten Heime bemühen sich mit allen Kräften, diesen grossen Herausforderungen gerecht zu werden und die geforderte Qualität zu leisten. Sie möchten ein Umfeld anbieten, das die Lebensqualität fördert und den medizinischen, verhaltensbezogenen und sozialen Bedürfnissen der Bewohner*innen entspricht, ihre Werte und Vorlieben widerspiegelt, die Autonomie fördert und die Risiken minimiert, um die Sicherheit zu gewährleisten (National Academies of Sciences 2022). Diese Anforderungen zu erfüllen, gestaltet sich aber immer schwieriger durch den Umstand des Fachkräftemangels, sowohl im Bereich der Pflege als auch der heimärztlichen Versorgung. In den letzten zwei Jahren hat sich dieser Mangel im gesamten Gesundheitswesen zugespitzt, betrifft aber Langzeitpflegeeinrichtungen besonders stark (Hostettler & Kraft 2021). Diese Dynamik lässt Zweifel daran entstehen, in welchem Umfang geforderte Qualität in Zukunft sichergestellt werden kann.
Wie die internationale Literatur zeigt (Donald et al., 2013), könnte jedoch der Einsatz von Advanced Practice Nurses (APN) in Langzeiteinrichtungen zu einer Verbesserung des Gesundheitszustandes der Bewohner*innen führen.

Advanced Practice Praxis Südland
Christine Teuscher betreut als eine von drei Advanced Practice Nurses in der Berner Praxis Südland Patient*innen. Bild: Sandro Nydegger, BFH

«APN Nurse Practitioners in der Hausarztpraxis sind eine enorme Bereicherung in der interprofessionellen Zusammenarbeit. Zudem stellen wir eine Steigerung der Betreuungsqualität von chronischen polymorbiden Patient*innen fest, dies sowohl in der Praxis als auch in Alters- und Pflegeheimen. Für mich sind Nurse Practitioners ein fester Bestandteil der medizinischen Grundversorgung.»

Dr. med. Daniel Flach, Leitender Arzt, Praxis Effinger Südland

APN-Rollen als Lösungsansatz: Erfahrung einer Praxis

Die APN könnten in Delegation von ärztlichen Fachpersonen und gemäss ihren Kompetenzen nach Hamric (Spirig, 2012) klinische Aufgaben wie Anamneseerhebung, körperliche Untersuchungen sowie klinische Einschätzungen durchführen und danach entsprechende Schritte planen oder sogar einleiten. So screenen sie z.B. Medikamentenlisten spezifisch auf Polypharmazie, schlagen eine altersangepasste Medikation vor und formulieren Vorschläge zu deren Optimierung. Dazu sind sie auch anwaltschaftlich bemüht, die Rechte und den Willen der Betroffenen in die Entscheide einzubeziehen, wie unser Fallbeispiel zeigt (siehe Kasten).
Die Berner Praxis Südland arbeitet seit ihrer Gründung vor drei Jahren mit Advanced Practice Nurses zusammen, eine davon ist Christine Teuscher. Sowohl sie selbst als auch Daniel Flach, Leitender Arzt der Praxis, sprechen sich für diese Lösung aus.

«In Pflegeheimen nehmen Multimorbidität und Betreuungskomplexität stetig zu und stellen die Pflegenden vor grosse Herausforderungen. Das Potenzial als APN Nurse Practitioner sehe ich in meiner Rolle als Bindeglied zwischen der Pflege und der Medizin. Ich unterstütze die Pflegenden vor Ort in komplexen Situationen, bin für sie eine niederschwellige Ansprechperson bei Fragen und kann in stabilen Situationen einen Grossteil der heimärztlichen Aufgaben abdecken.»

Christine Teuscher, MSc Pflege Nurse Practitioner, Praxis Effinger Südland

Fallbeispiel: Betreuung bis zum Schluss

Frau A., 95-jährig, lebt in einem Altersheim. Sie leidet unter mehreren chronischen Krankheiten, wobei sich ihre Herzinsuffizienz zunehmend verschlechtert. Die Advanced Practice Nurse (APN) tauscht sich mit der Pflege vor Ort regelmässig über den Verlauf aus, führt klinische Untersuchungen durch und nimmt bei Bedarf Medikamentenanpassungen vor. Weiter überprüft sie periodisch die Krankenakte von Frau A. auf ihre Aktualität. Ein Schwerpunkt liegt hierbei auf der Reduktion von Polymedikation. Die APN unterstützt die Pflege zudem im Umgang mit und bei der Beobachtung der Herzinsuffizienz. Als diese zu entgleisen droht, stellt sich die Frage nach einer Hospitalisation. Im Gespräch mit der APN äussert sich Frau A. klar dagegen, sie wünscht eine palliative Behandlung. Ihrem Wunsch entsprechend kann sie nach wenigen Wochen im Heim versterben.

Fokus Gesundheit zum Thema Advanced Practice

Erweiterte Rollen in der Gesundheitsversorgung: Was braucht's und was bringt's?


Am Symposium Fokus Gesundheit sprechen wir mit Menschen aus der Praxis, Gesundheitspolitiker*innen wie auch Behördemitgliedern über die Advanced-Practice-Rollen: Was bringen sie und was braucht es für ihre Implementierung?

01.12.2022, 17.30–19.30 Uhr – National Bern (Theatersaal), Hirschengraben 24, 3011 Bern

Mehr Infos und Anmeldung hier.

Gesundheitsmagazin «frequenz»

Dieser Beitrag ist Teil der September-Ausgabe 2022 unseres Magazins «frequenz».

Mehr erfahren

Fachgebiet: Gesundheit, Pflege, Management im Gesundheitswesen