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«Je besser die Bodenkarte, desto genauer die Gefahrenbeurteilung»

12.03.2026 Nach Starkregen werden Hangmuren zur Gefahr. Massimiliano Schwarz, Professor für forstliche Bodenkunde und Ingenieur-Ökologie an der BFH-HAFL erklärt, was sie von anderen Rutschungen unterscheidet – und wie Computermodelle und neue Bodenkarten die Risikobeurteilung verbessern.

Was sind Hangmuren – und wie unterscheiden sie sich von anderen Rutschungen?

Massimiliano Schwarz: Hangmuren sind schnell abfliessende Gemische aus Erde und Wasser, die bei starkem Regen entstehen. Das Material verflüssigt sich und bewegt sich wie ein reissender Strom talwärts. Typisch ist eine geringe Abbruchmächtigkeit, also die Dicke des abgetragenen Bodens, von meist weniger als zwei Metern. Im Durchschnitt beträgt die Mächtigkeit in der Schweiz etwa 60 Zentimeter.

Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem eine Hangmure grosse Schäden angerichtet hat?

Ein bekanntes Beispiel sind die starken Unwetter im August 2005. Damals kam es schweizweit zu über 5'000 Rutschungen. In vielen Alpenregionen richteten Hangmuren grosse Schäden an, unter anderem in der Gemeinde Diemtigen im Kanton Bern.

Massimiliano Schwarz im vollen Einsatz für bessere Bodenkarten - hier in Diemtigen. Foto: Christian Wüthrich
Massimiliano Schwarz im vollen Einsatz für bessere Bodenkarten - hier in Diemtigen. Foto: Christian Wüthrich

Wo in der Schweiz treten Hangmuren besonders häufig auf – und warum?

Hangmuren entstehen vor allem an steilen Hängen mit einer Neigung von 25 bis 45 Grad. Besonders gefährdet sind Gebiete mit feinem, tonhaltigem Boden, der bei starkem Regen leicht rutscht, wie dies in bestimmten Bergregionen der Fall ist.

Das Projekt «Vom Bohrstock zur Hangmurenanrisswahrscheinlichkeit» untersucht Vorhersagemodelle solcher Ereignisse mit Anwendung verschiedene Bodenkarten. Bedeutet das, dass man Hangmuren besser vorhersagen kann je nach Qualität diese Grundlagen?

Ja, je besser die Qualität der Grundlagen für die wichtigsten Parameter ist, desto nützlicher sind die Ergebnisse der Modellierung für die Gefahrenbeurteilung. Eine bessere Vorhersage bedeutet, die Prozesse auf verschiedenen Ebenen abzubilden: genauer zu prognostizieren, wo (räumliche Auflösung), mit welcher Intensität (Ausmass/Dimensionen der Hangmuren) und mit welcher Wahrscheinlichkeit (zeitliche Auflösung) ein Ereignis auftreten kann.

Welche zentralen Fragen wollten Sie im Projekt beantworten?

Wir wollten herausfinden, welche Bodenparametern für die Modellierung von Hangmuren besonders wichtig sind – und vor allem, wie man sie zuverlässig erfassen kann und sie anschliessend in schweizweit flächendeckenden Karten effizient zur Verfügung stellen kann.

Könnte die schweizweite Bodenkartierung dank Ihrer Erkenntnisse verbessert werden?

Ja. Die Ergebnisse dieses Projekts bieten ein grosses Potenzial, die Bodenkartierung zu verbessern und für eine multidisziplinäre Nutzung besser nutzbar zu machen. Denn für viele gefährdete Hänge fehlen heute noch räumlich aufgelöste Werte von Bodenparametern, welche mit üblichen Bodenkartierung nicht erfasst sind, aber  für die Gefahrenbeurteilung relevant sind. Je besser die Bodenkarten – also je höher ihre Genauigkeit und Auflösung – desto genauer fällt die Gefahrenbeurteilung aus. Das erleichtert spätere Entscheidungen und hilft, Risiken und Kosten zu reduzieren. Das Pilotprojekt zeigt: Besonders wichtig für die Modellierung ist die Bodenkohäsion in verschiedene Tiefe, wie gut Pflanzen- und Baumwurzeln den Hang stabilisieren und wie gut das Wasser im Boden fliesst.

Mit Hilfe von computergestützten Modellen lassen sich Gefahren jedoch besser beurteilen. Das unterstützt bei der Planung von präventiven Massnahmen und der Verbesserung organisatorischer Massnahmen wie Warnsystemen.

  • Massimiliano Schwarz Dozent forstl. Bodenkunde & Ing.ökologie

Was bedeuten die Ergebnisse für die Praxis – etwa für Gemeinden oder den Schutz von Infrastruktur?

Hangmuren treten sehr plötzlich auf, daher bleibt in der Regel nicht genügend Zeit, um diese Prozesse direkt zu beobachten und die Bevölkerung rechtzeitig zu alarmieren.
Mit Hilfe von computergestützten Modellen lassen sich Gefahren jedoch besser beurteilen. Das unterstützt bei der Planung von präventiven Massnahmen und der Verbesserung organisatorischer Massnahmen wie Warnsystemen.

Detaillierte Bodenkarten verbessern nicht nur die Voraussagen von Hangmuren-Ereignissen, sondern machen die Ergebnisse solcher Modellierungen und Beurteilungen transparenter und besser nachvollziehbar. Eine schweizweite Bodenkartierung würde dazu bei tragen, dass Bewertungen zu viele Gefahrenprozesse schweizweit homogener werden. Denn: Heute führen unterschiedliche Einschätzungen durch Gefahrenspezialistinnen und -spezialisten zu teilweise sehr stark variierenden Resultaten. Die Rolle der Fachpersonen bleibt weiterhin zentral, insbesondere bei der Beurteilung des Gesamtbildes und der Einschätzung direkter und indirekter Risiken.

Sie sprechen von direkten und indirekten Risiken. Direkte Schäden sind klar – aber was verstehen Sie unter indirekten Auswirkungen?

Gerade bei Hangmuren sind indirekte Auswirkungen oft besonders relevant, etwa Sperrungen von Verkehrswegen oder Einschränkungen der Erreichbarkeit von Siedlungen. Zudem können Hangmuren Kettenreaktionen im Einzugsgebiet auslösen, die beispielsweise in Form von Murgängen oder Schwemmholzereignissen zusätzliche Gefahren verursachen.
Dank einer besseren Gefahrenbeurteilung lassen sich Schutzmassnahmen auch gezielter priorisieren – sei es in der Pflege von Schutzwäldern oder bei der Planung und späteren Unterhaltung technischer Massnahmen.

Hangmuren entstehen vor allem an steilen Hängen mit einer Neigung von 25 bis 45 Grad. Bild: BFH-HAFL
Hangmuren entstehen vor allem an steilen Hängen mit einer Neigung von 25 bis 45 Grad. Bild: BFH-HAFL

Mehr über das Projekt

Das Projekt wurde von den kantonalen Ämtern für Wald und Naturgefahren (AWN) sowie für Landwirtschaft und Natur (LANAT) in Auftrag gegeben und vom Bund als Pilotprojekt im Rahmen der Vorbereitungsphase zur schweizweiten Bodenkartierung mitfinanziert (Schweizweite Bodenkartierung). Die Bodenkartierung im Feld führte das Team der Kissling & Zbinden AG in Spiez durch. Fachlich begleitet wurde das Projekt von der BFH-HAFL in Zollikofen. Auf lokaler Ebene beteiligten sich zudem die Revierförsterin, die Gemeinde, der Berner Bauernverband sowie die Landbesitzerinnen und Landbesitzer und die Bewirtschaftenden der betroffenen Flächen.

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Fachgebiet: Agronomie + Wald