- Story
Tunnelbau als Rückgrat der Schweizer Infrastruktur
12.10.2026 Rund 920 Bahn- und Strassentunnel verbinden die Schweiz und sichern Mobilität, Wirtschaft und Vernetzung. Um diese Infrastruktur nachhaltig zu bauen und zu betreiben, braucht es innovative Technologien, effiziente Prozesse und praxisnahe Forschung.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Tunnelbau prägt die Schweiz seit über 140 Jahren, wobei neue Technologien längere und tiefere Tunnel mit höherer Bau- und Betriebssicherheit ermöglichen.
- Moderne Tunnelprojekte werden zunehmend komplexer und stellen hohe Anforderungen an Sicherheit, Lebensdauer und Materialbewirtschaftung.
- An der BFH arbeiten Forschung und Praxis eng zusammen, um die Möglichkeiten des Tunnelbaus mit innovativen Ideen und neuen Technologien kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Mit etwa 560 Bahntunneln und 360 Strassentunneln gehört die Schweiz trotz ihrer geringen Fläche zu den tunnelreichsten Ländern Europas. Die hohe Anzahl ist auf die alpine Topografie zurückzuführen, die den Bau von Bahn-, Strassen- und Versorgungstunneln erforderlich machte. Tunnel sind deshalb ein zentraler Bestandteil der Schweizer Infrastruktur und spielen eine wichtige Rolle für Verkehr, Wirtschaft und die nationale Vernetzung. Sie ermöglichen ganzjährige, wetterunabhängige Verbindungen zwischen den verschiedenen Regionen und stärken den Zusammenhalt der Schweiz. Steigende Anforderungen an Sicherheit, Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz sowie der hohe Ressourcenbedarf beim Bau und Betrieb dieser Bauwerke erfordern innovative Lösungen und kontinuierliche Forschung.
Burgdorfer Tunnelbautag BFH: Anspruchsvolle Vortriebs- und Ausbaukonzepte, 5. November 2026
Der jährlich stattfindende Burgdorfer Tunnelbautag BFH fördert den Austausch zwischen Praxis und Forschung zu aktuellen Themen des Tunnelbaus. Er richtet sich an Fachleute aus Planung, Erstellung, Betrieb und Erhaltung von Tunnel. Im Jahr 2026 steht die Veranstaltung unter dem Motto «Anspruchsvolle Vortriebs- und Ausbaukonzepte». Anhand ausgewählter Neubau- und Instandsetzungsprojekte wird aufgezeigt, wie komplexe geologische Randbedingungen, hohe Anforderungen an den Tunnelausbau sowie Fragen der Materialbewirtschaftung erfolgreich bewältigt werden können.
Weitere Informationen und Anmeldung: Burgdorfer Tunnelbautag BFH 2026
Geschichte und Rekorde
Die Geschichte des Schweizer Tunnelbaus ist eng mit der Überwindung der Alpen verbunden. Bereits im 19. Jahrhundert entstanden die ersten grossen Eisenbahntunnel, um den Handel und die Mobilität zu fördern. Ein Meilenstein war die Eröffnung des Gotthard-Eisenbahntunnels im Jahr 1882. Mit seiner Länge von rund 15 Kilometern (Göschenen–Airolo) galt er damals als technische Meisterleistung und stärkte die Verbindung zwischen Nord- und Südeuropa nachhaltig.
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts rückten mit dem Ausbau des Nationalstrassennetzes zunehmend Strassentunnel in den Fokus, beispielsweise die Eröffnung des Gotthard-Strassentunnels 1980.
Mit der Realisierung der neuen Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT) begann Ende des 20. Jahrhunderts eine neue Ära des Tunnelbaus. Der Lötschberg-Basistunnel wurde 2007 eröffnet, der Gotthard-Basistunnel 2016 und der Ceneri-Basistunnel 2020. Insbesondere der 57 Kilometer lange Gotthard-Basistunnel (Erstfeld–Bodio) gilt als längster Eisenbahntunnel der Welt und als Symbol für die Innovationskraft des Schweizer Ingenieurwesens.
«Projekte untertage sind aufgrund ihrer Randbedingungen oft einzigartig, was ein attraktives Umfeld für Innovationen schafft. Entsprechend eng sind Forschung und Entwicklung im Tunnelbau mit der Baupraxis verknüpft.»
Projekte wie der Gotthard-Basistunnel wären mit den Technologien des 20. Jahrhunderts kaum realisierbar gewesen. Fortschritte im maschinellen Tunnelbau, digitalen Vermessungsmethoden, geologischen Prognosen und der Echtzeitüberwachung haben die technischen Grenzen des Tunnelbaus deutlich verschoben und ermöglichen heute längere und tiefer liegende Tunnel bei gleichzeitig höherer Arbeitssicherheit. Zudem tragen neue datenbasierte Verfahren dazu bei, Gefährdungen frühzeitig zu erkennen und den Vortrieb effizienter zu steuern.
Aktuelle Grossprojekte und Forschung im Tunnelbau
Der Tunnelbau in der Schweiz geniesst auch nach der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels einen hohen Stellenwert in der Bauindustrie. Grossprojekte wie MehrSpur Zürich-Winterthur sowie dem Ausbau und der Sanierung der A1 Nordumfahrung Zürich zeigen beispielhaft, wie der Tunnelbau zur nachhaltigen Verbesserung unseres Verkehrsangebots auf Schiene und Strasse beiträgt. Seit 2025 wird zudem in der Schweiz an einem weiteren Tunnelbauprojekt von internationaler Strahlkraft gearbeitet: der Hauptvortrieb der zweiten Röhre des Gotthard-Strassentunnels ist in vollem Gange, wobei die Eröffnung auf Ende 2032 vorgesehen ist.
Um diese Grossprojekte erfolgreich zu realisieren, wird im Tunnelbau kontinuierlich an Verbesserungen geforscht. Die Expert*innen der BFH beschäftigen sich insbesondere mit Sicherungstechnik, nachhaltigen Baustoffen und dem Einsatz digitaler Technologien, um im Umgang mit komplexen geologischen Verhältnissen bautechnisch überzeugende Lösungen zu entwickeln. Dabei arbeitet die BFH gerne mit Partnern aus der Praxis zusammen, auch im Rahmen von studentischen Arbeiten.
Bachelor-Studium mit Praxisbezug
Die enge Verknüpfung von Forschung, Lehre und Praxis zeigt sich auch in den Abschlussarbeiten der Studierenden. Ein aktuelles Beispiel ist die Bachelor-Thesis von Marcel Häusler im Fachgebiet Tunnelbau des Studiengangs Bauingenieurwesen.
In seiner Abschlussarbeit untersuchte Marcel Häusler den bergmännischen Vortrieb einer Logistikkaverne im südlichen Hauptlos der zweiten Röhre des Gotthard-Strassentunnels. Dabei hat er die Bohrmaschinendaten aus vorauseilenden Bohrungen systematisch ausgewertet und ein Prognosemodell für die Gesteinsdruckfestigkeit im untersuchten Abschnitt erstellt. Als Partner für die Thesis stellte die Marti Dienstleistungen AG die notwendigen Bohrmaschinendaten sowie Laborprüfungen zur Gesteinsdruckfestigkeit von Handstücken aus dem Vortrieb zur Verfügung. Ziel der Arbeit war es zu untersuchen, ob sich die Festigkeit des Gesteins zuverlässig anhand von Bohrmaschinendaten bestimmen lässt, sodass aufwendige Laboruntersuchungen künftig ergänzt oder reduziert werden können. Die Auswertung des Bachelorstudenten zeigte, dass sich die Gesteinsdruckfestigkeit im untersuchten Abschnitt anhand der Bohrmaschinendaten zuverlässig abschätzen lässt. Damit stellt dieser Ansatz ein vielversprechendes Instrument für die unmittelbare Vorauserkundung während des Tunnelvortriebs dar. Das vollständige Abstract der Thesis ist im Booklet Abschlussarbeiten Bachelor Bauingenieurwesen 2026 (PDF) verfügbar.
Innovation als Schlüssel für den Tunnelbau der Zukunft
Trotz grosser Fortschritte in geotechnischen Prognoseverfahren, den Vortriebsmethoden und der Baustellenlogistik sind die Innovationsmöglichkeiten im Tunnelbau längst nicht ausgeschöpft. Neue Projekte werden zunehmend komplexer, da sie höhere Anforderungen an Sicherheit, Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz stellen. Bei einmaligen und generationenübergreifenden Projekten wie der Realisierung der geologischen Tiefenlagerung radioaktiver Abfälle ist eine innovative Baubranche eine wichtige Grundlage für langfristigen Projekterfolg. Gleichzeitig eröffnen neue Technologien in Disziplinen wie beispielsweise der Informationstechnologie oder den Materialwissenschaften laufend neue Möglichkeiten, um Bauprozesse effizienter und sicherer zu gestalten. Forschung und Entwicklung im Tunnelbau bleiben daher auch in Zukunft entscheidend.
Neu ab Frühjahr 2027: SAS Rohrvortriebe – Planung und Ausführung
Wie lassen sich Rohrvortriebe fachgerecht planen und erfolgreich umsetzen? Das neue SAS vermittelt Grundlagen zu Planung und Projektierung nach SIA 195 sowie zu verschiedenen Vortriebsarten, ihren Einsatzmöglichkeiten und Systemgrenzen. Auch Anforderungen aus Projektumfeld, Logistik und Überwachung werden thematisiert. Zwei Baustellenexkursionen – darunter eine zum Microtunnelling – sorgen für direkten Praxisbezug.