Labor für nachhaltiges Leben

09.05.2022 In einem leerstehenden Bürogebäude in Zollikofen soll bis 2026 ein gemeinschaftlicher Wohn-, Arbeits- und Lebensraum entstehen. Forschenden der BFH-HAFL und der BFH-AHB dient das «Urbane Dorf Webergut, Zollikofen» als Reallabor. Gemeinsam mit den zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohnern werden ko-kreativ nachhaltige Wohn- und Ernährungskonzepte erarbeitet.

Ein nachhaltiger Lebensstil in den Handlungsfeldern Wohnen und Ernährung ist nicht für alle Städterinnen und Städter gleichermassen umsetzbar. Projekte wie das «Urbane Dorf Webergut, Zollikofen» geben vielversprechende Impulse für einen Strukturwandel. Und sie fungieren als Reallabor zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung.

Die Stiftung Abendrot als Eigentümerin und die Genossenschaft Urbane Dörfer als zukünftige Globalmieterin haben sich bei der Umgestaltung des Weberguts für eine gemeinsame und partizipative Entwicklung entschieden. Durch den Miteinbezug der zukünftigen Nutzer*innen aber auch innovativen Unternehmungen sowie Produzent*innen werden Bedürfnisse und Möglichkeiten für den Umbau und die Nutzung als Wohn-, Arbeits- und Lebensraum in einem ko-kreativen Prozess erarbeitet. Ein Schwerpunkt in diesem Prozess ist der Aufbau einer lokalen Versorgungsgemeinschaft. Diese soll mit folgenden Aktivitäten in die Praxis umgesetzt werden:

  • Anbauflächen in die Architektur integrieren
  • Aussenräume als essbare Landschaft nach den Prinzipien der Permakultur schaffen
  • Mit der lokalen Landwirtschaft und Produktionsbetrieben zusammenarbeiten
  • Einkaufsgemeinschaft sowie eigene Lager- und Produktionsräume aufbauen
  • Bewusste und nachhaltige Ernährungsgewohnheiten implementieren

Unterstützung erhält das Projekt von den Forschungsgruppen Nachhaltigkeitsanalysen und -bewertungen für die Lebensmittelwirtschaft sowie Konsumentenverhalten der BFH-HAFL, dem Fachbereich Architektur der BFH-AHB, dem Bundesamt für Raumentwicklung ARE und der kantonalen «Berner Bio-Offensive». Im Rahmen des BFH-Projekts «Urban Future Lab» werden die Bedürfnisse und Herausforderungen eines guten und nachhaltigen Lebens innerhalb eines Konsumkorridors in den Handlungsfeldern Ernährung und Wohnen erforscht. 

Konsumkorridor Bild vergrössern
Das Konzept des Konsumkorridors beschreibt ein Instrument, das ein gutes Leben in einer Welt ermöglichen soll, die sowohl soziale als auch ökologische Grenzen hat. Der Konsum wird dabei nach oben hin begrenzt: Zum einen, um die Ressourcen unseres Planeten zu schützen und andererseits, um allen Menschen ein Mindestmass an Konsum (in Bezug auf Qualität und Quantität) zu ermöglichen. (Quelle: The role of business models for sustainable consumption: A pattern approach, F. Lüdeke-Freund, T. Froese, S. Schaltegger, 2019)

Forscherinnen im Interview

Im Interview mit Dr. Evelyn Markoni, Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Nachhaltigen Konsum und Unternehmensethik, und Dr. Franziska Götze, Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Konsumentenverhalten, erfahren Sie mehr zu den Zielen des Projekts und zu den Tücken der gewählten Forschungsmethoden.

«Reallabor» und «co-kreative Forschung»: das klingt ein wenig nach Sozialexperiment mit ungewissem Ausgang. Vergleiche mit Big Brother oder die Simulationsversuche der NASA für zukünftige Marsmissionen drängen sich auf.

Franziska Götze: Ja, das mit dem ungewissen Ausgang ist so. Das ist aber gerade das Spannende an diesem Projekt und unserer Methode – der Partizipativen Aktionsforschung – die wir hier anwenden. Das heisst, dass wir Forschenden nicht schon von Anfang an wissen, was wir ganz genau im Projekt machen werden.

Evelyn Markoni: Vielmehr, und das sehen wir als grossen Vorteil der Methode und des Reallabors, entwickeln wir gemeinsam mit den zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohnern des Weberguts Zollikofen Fragestellungen, die sowohl praktisch relevant als auch aus Sicht der Forschung spannend sind. Mit dem Reallabor simulieren wir in der Tat ein reales mögliches Szenario eines nachhaltigen Lebens im kleinen Rahmen. Dieses umfasst das gemeinsame Wohnen, Leben und Arbeiten im Urbanen Dorf Webergut Zollikofen.

Dr. Franziska Götze, Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Konsumentenverhalten Bild vergrössern
«Wir glauben, dass so ein wesentlicher Beitrag für zukunftsfähige und resiliente Städte geleistet werden kann.» Dr. Franziska Götze, Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Konsumentenverhalten. (Bild: Alexander Favarger, Packschuss)

Ein weiteres Ziel Ihres Projektes ist die «ko-kreative Erforschung» der Bedürfnisse und Herausforderungen der zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohnern des Weberguts in Bezug auf ein gutes nachhaltiges Leben. Wie gehen Sie vor? Was bedeutet das konkret?

Franziska Götze: Genau! Mit den Dorfpionierinnen und Dorfpionieren, einer kleinen Kerngruppe der zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohnern, sollen Bedürfnisse des Zusammenwohnens, -lebens und -arbeitens, aber auch Herausforderungen identifiziert werden. Unser gemeinsamer Forschungsprozess beginnt dabei schon vor dem Einzug ins Webergut. In einem ersten Schritt reflektieren sie ihren aktuellen Alltag: Was läuft gut? Was möchten sie verändern, womit sind sie unzufrieden? So wollen wir bereits vor dem Einzug ins Urbane Dorf gemeinsame Nenner finden und potenzielle Schwierigkeiten im Zusammenleben möglichst frühzeitig identifizieren. 

Dr. Evelyn Markoni, Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Nachhaltigen Konsum und Unternehmensethik Bild vergrössern
«Mit dem Reallabor simulieren wir in der Tat ein reales mögliches Szenario eines nachhaltigen Lebens im kleinen Rahmen.» Dr. Evelyn Markoni, Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Nachhaltigen Konsum und Unternehmensethik. (Bild: Alexander Favarger, Packschuss)

Besteht bei dieser Forschungsmethode nicht die Gefahr, dass als Wissenschaftlerin oder als Wissenschaftler selbst Teil des Projekts Webergut zu werden? Wo sind die Grenzen?

Evelyn Markoni: Das ist eben auch so gewünscht bei der Partizipativen Aktionsforschung, dass wir Wissenschaftlerinnen selbst aktiver Teil des Projekts werden. Das heisst, wir nehmen eine Art Doppelrolle ein. Dies birgt aber auch Gefahren: Beispielsweise verfolgen Forschende und Beforschte nicht unbedingt die gleichen Ziele oder haben unterschiedliche Erwartungen an das Projekt. Dies kann zu Konflikten zwischen den Parteien führen, weshalb ein aktives Konfliktmanagement und die Klärung von Rollen und Erwartungen von Anfang an sehr wichtig ist. Auch sollte der Prozess moderiert werden. Ein grosser Vorteil bei dieser Forschungsmethode ist, dass die Beforschten selbst eine aktive Rolle im Forschungsprozess einnehmen und dadurch diesen ko-kreativ mitgestalten.

Interdisziplinarität ist ein weiteres Merkmal des Projekts. Wie sieht der Beitrag der AHB mit Elke Reitmayer und Boris Szélpal aus? 

Franziska Götze: Das gute und nachhaltige Leben innerhalb eines Konsumkorridors soll sich nicht nur auf den Lebensmittelkonsum beziehen, sondern auch auf das Wohnen. Auch hier stellen sich Fragen wie: Wie möchte ich leben? Was braucht es, um gut und nachhaltig zu wohnen? Das geht viel weiter als die blosse Grösse einer Wohnung. Beispielsweise stellen sich Fragen nach Gemeinschaftsflächen und Begegnungsräumen. Und welche Flächen sollen privat, welche der Öffentlichkeit zugänglich sein? Auch hier werden wir gemeinsam mit den zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohnern nachhaltigkeitsorientierte Konzepte entwickeln, die ihren Bedürfnissen entsprechen. 

Was sind die Ziele des Projekts? Wer profitiert davon? Und können wir in Zukunft mehr Forschungsprojekte in dieser Richtung erwarten?

Evelyn Markoni: Das Ziel unseres Projekts ist es, ein Wohn- und Ernährungskonzept gemeinsam mit den zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohnern des Weberguts Zollikofen zu erarbeiten, welches dann auch einer breiten Bevölkerung ein gutes und nachhaltiges Leben ermöglichen soll. So soll beispielsweise allen der Zugang zu einer gesunden und nachhaltigen Ernährung ermöglicht werden. Auch unterschiedlichen Wohnbedürfnissen soll mithilfe unseres Konzepts besser begegnet werden, als dies heute der Fall ist. Nicht zuletzt soll das Konzept soll auch anderen innovativen Wohnprojekten als Inspiration dienen.

Franziska Götze: Unsere Ernährung und unser Wohnen machen einen wesentlichen Teil unseres ökologischen Fussabdrucks aus, weshalb wir es als wegweisend für die Zukunft erachten, diese Themen gekoppelt anzugehen und nachhaltige Konzepte zu erarbeiten, die beide Dimensionen einschliessen. Wir glauben, dass so ein wesentlicher Beitrag für zukunftsfähige und resiliente Städte geleistet werden kann. 

BFH Call for Proposals

Urban Future Lab ist eines von zehn Forschungsprojekten, welche im Frühjahr 2021 im Rahmen eines BFH-internen «Call for Proposals» für departementsübergreifende Forschungsprojekte zum Thema «Soziale Innovation für Nachhaltigkeit» zur Förderung ausgewählt wurden. Zudem wird es vom Bundesamt für Raumentwicklung ARE unterstützt.

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Fachgebiet: Lebensmittelwissenschaften, Architektur
Rubrik: Forschung