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Partizipation professionell und wirksam verankern
01.05.2026 Wie gelingt Zusammenarbeit auf Augenhöhe? Der neue CAS Expert*in Partizipation in der Gesundheitsversorgung vermittelt anwendungsorientiertes Know-how und Instrumente für eine wirksame und nachhaltige Umsetzung.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Einbezug von Patient*innen und Angehörigen ist ein zentrales Qualitätsmerkmal zeitgemässer Gesundheitsversorgung.
- Wenn Fachpersonen, Patient*innen und Angehörige gemeinsam Entscheidungen treffen, entsteht eine Versorgung, die nicht nur besser an individuellen Bedürfnissen ausgerichtet ist, sondern auch fachlich sicherer, kulturell sensitiver und ethisch reflektierter wird.
- Im CAS lernen Schlüsselpersonen aus dem Versorgungssystem, Patient*innenvertreter*innen und Angehörigenvertreter*innen, wie Partizipation wirksam in der Versorgung verankert wird.
Heidi Kaspar und Karin van Holten, welchen Beitrag kann eine partizipative Gesundheitsversorgung zu einer nachhaltigen Entwicklung im Gesundheitswesen leisten?
«Participation in health care is currently the zeitgeist/spirit of our times» (Palmer, 2020). Die Überzeugung, dass die Beteiligung von Patient*innen und Angehörigen in Praxis, Forschung und Gesundheitspolitik notwendig und gewinnbringend ist, setzt sich nun auch in der Schweiz so langsam durch. Im angelsächsischen und skandinavischen Raum existieren seit Jahrzehnten Strukturen, Gremien und Policies zur Stärkung der Partizipation. Deutlicher Ausdruck der erstarkenden partizipativen Bewegung sind beispielsweise die Aufträge der Eidgenössischen Qualitätskommission EQK und die Gründung des Swiss PPIE Networks, bei der das Departement Gesundheit der BFH institutionelles Gründungsmitglied ist.
Ein stärkerer Einbezug in Form von wirksamer Mitsprache von Patient*innen erhöht die Patient*innensicherheit und -zufriedenheit, die Selbst-Wirksamkeit, die Qualität der Versorgung und die Lebensqualität von Patient*innen (Fredriksson et al., 2025) sowie die Arbeitskultur unter Mitarbeitenden und in Institutionen (Bombard et al., 2018). Das steigert nicht nur die Zufriedenheit von Patient*innen und Fachpersonen, sondern verbessert auch die Ergebnisse, z. B. im Umgang mit chronischen Erkrankungen oder komplexen Versorgungsverläufen (Gruppe Expert*innen durch Erfahrung der BFH, 2026). Die Versorgung kann dadurch auch besser der wachsenden Komplexität begegnen. Langfristig kann ein solcher multiperspektivischer und co-produktiver Ansatz dazu beitragen, ein Gesundheitswesen zu entwickeln, das lernfähiger, gerechter und nachhaltiger ist.
Was bedeutet Partizipation?
Partizipative Gesundheitsversorgung bedeutet, dass Menschen mit eigener Krankheits- oder Versorgungserfahrung nicht nur als Patient*innen und Leistungsempfänger*innen adressiert werden, sondern als wissende Partner*innen auf Augenhöhe, als Teil des Versorgungsteams.. Patient*innen und Angehörige bringen wichtiges komplementäres Wissen ein, über das nur sie verfügen. Sie sind deshalb konsequent als Mitgestaldende der Versorgung zu behandeln.
Wirksame Partizipation entfaltet sich nur, wenn sie auf allen Ebenen verankert wird: in der konkreten Versorgung, in den Strukturen von Organisationen und im gesundheitspolitischen Umfeld.
Die Studie «Does Healthcare Deliver?» der OECD zeigt: Es gibt hierzulande überraschend wenig Vertrauen in das Versorgungssystem und in die Selbstwirksamkeit. Eine partizipative Gesundheitsversorgung trägt wesentlich dazu bei, die Qualität der Versorgung, die Arbeitszufriedenheit sowie die Nachhaltigkeit des Systems zu stärken. Wenn unterschiedlichen Wissensbestände – von Fachpersonen, Patient*innen, Angehörigen und Communities – systematisch zusammenkommen, entstehen Produkte, Dienstleistungen und Massnahmen, die näher an den tatsächlichen Bedürfnissen der Betroffenen sind. Das erhöht die Qualität, Relevanz, Akzeptanz und Wirksamkeit von Versorgungsangeboten.
Langfristig kann ein solcher multiperspektivischer und co-produktiver Ansatz dazu beitragen, ein Gesundheitswesen zu entwickeln, das lernfähiger, gerechter und nachhaltiger ist.
Was motivierte euch, dieses CAS zu initiieren?
Noch ist Partizipation kein fester Bestandteil der Ausbildung. Es fehlt an Know-how, Methoden und Strategien für die wirksame Umsetzung. In vielen Bereichen des Gesundheitswesens wächst das Interesse an Partizipation. Zugleich erleben wir, dass oft unklar bleibt, wie eine echte Zusammenarbeit zwischen Fachpersonen, Patient*innen und Angehörigen konkret gestaltet werden kann. Häufig wird Partizipation zudem nur punktuell umgesetzt und auf einzelne Projekte, engagierte Personen oder symbolische Beteiligung reduziert. Partizipation entfaltet insbesondere dann Wirkung, wenn sie nicht nur in der direkten Versorgung, sondern auch in Organisationen und auf gesundheitspolitischer Ebene mitgedacht wird.
Gleichzeitig wächst der Bedarf an Menschen, die Partizipation wirklich professionell, reflektiert, systematisch und strukturiert ermöglichen können. Unsere Motivation war daher doppelt:
- Wir wollen jene Schlüsselpersonen stärken, die in ihren Organisationen Partizipation vorantreiben möchten – unabhängig davon, ob sie aus der Pflege, der Therapie, der Medizin, der Sozialen Arbeit, dem Qualitätsmanagement, der Führung, Interessensorganisationen oder der Bildung kommen.
- Wir wollen den pluriperspektivischen Ansatz fördern, also gemeinsame Lernräume schaffen, in denen Fachpersonen, Patient*innen und Angehörige miteinander und voneinander lernen. Nicht übereinander, nicht nebeneinander – sondern als gleichwertige Wissensträger*innen.
Mit dem CAS möchten wir Menschen befähigen, Partizipation professionell und wirksam in der Gesundheitsversorgung zu verankern – mit substanzieller Wirkung auf Qualität und Zusammenarbeit. Es geht um die Entwicklung einer grundlegenden partizipativen Haltung als integraler Teil der Versorgung, letztlich auch um Kulturwandel. Dazu gehört, unterschiedliche Wissensformen als gleichwertig anzuerkennen und bestehende Machtasymmetrien bewusst zu reflektieren. Teilnehmende sollen Partizipation als kontinuierliche Transformation verstehen und nicht als Methode oder Checkliste, die man abhaken kann.
Teilnehmende sollen Partizipation als kontinuierliche Transformation verstehen.
Für wen eignet sich diese Weiterbildung?
Das CAS richtet sich an Personen, die an der strategischen und praktischen Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung beteiligt sind und diese mit innovativen Ansätzen voranbringen möchten. Dazu gehören Fachpersonen aus Gesundheits- und Sozialberufen, aus Versorgungsentwicklung, Gesundheitsförderung oder Public Health ebenso wie Patient*innenvertreter*innen, Patient Experts und engagierte Angehörige, die ihre Erfahrungs- und Perspektivkompetenz in Entwicklungsprozesse im Gesundheitswesen einbringen und wirksam machen möchten.
Die Weiterbildung lebt davon, dass unterschiedliche Wissensformen zusammenkommen: professionelles Wissen, Erfahrungswissen und organisatorisches Wissen. Wichtig ist deshalb vor allem die Bereitschaft, über die eigene Rolle hinauszudenken und gemeinsam an neuen Formen der Zusammenarbeit zu arbeiten.
Die Weiterbildung lebt davon, dass unterschiedliche Wissensformen zusammenkommen: professionelles Wissen, Erfahrungswissen und organisatorisches Wissen.
Welches Ziel stand bei der Ausgestaltung des CAS für euch im Mittelpunkt?
Wir möchten einen Lernraum schaffen, in dem Teilnehmende mit unterschiedlichen Perspektiven tatsächlich zusammenarbeiten können.
Das CAS verbindet deshalb theoretische Grundlagen zu Partizipation mit praktischen Methoden und bietet viel Raum für Austausch und gemeinsame Reflexion. Ein wichtiger Bestandteil ist auch die Arbeit an konkreten Fragestellungen aus der eigenen Praxis oder aus Projekten der Teilnehmenden.
So können die Teilnehmenden nicht nur neue Konzepte kennenlernen, sondern direkt erproben, wie sich partizipative Prozesse in unterschiedlichen Kontexten umsetzen lassen. Dazu lernen sie Methoden und Instrumente kennen, wie sie Hürden identifizieren und co-kreativ Lösungen entwickeln können.
Was möchtet ihr mit dem CAS langfristig bei den Teilnehmenden bewirken?
Wir hoffen, dass die Teilnehmenden nach dem CAS zu wichtigen Impulsgeber*innen für eine partizipative Praxis im Gesundheitswesen werden.
Literatur
Professionsentwicklung im Gesundheitswesen
Professionsentwicklung ist zentral für die Qualität, Attraktivität und Zukunftsfähigkeit der Gesundheitsversorgung. Sie zeigt sich im beruflichen Alltag, wenn Fachpersonen ihr Handeln reflektieren, neues Wissen umsetzen und ihre Rollen weiterentwickeln. Gleichzeitig betrifft sie die Professionen als Ganzes: die Klärung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die Entwicklung von Standards und die Stärkung professioneller Identität. Dabei stellt sich die Frage, wie individuelles Lernen und kollektive Entwicklungen zusammenspielen. Wir geben Einblick in Forschungsprojekte, Weiterbildungsangebote und Praxisbeispiele und zeigen, wie Professionsentwicklung im Gesundheitswesen konkret gelebt und weitergedacht wird.