STRAIN – Work-related stress among health professionals in Switzerland

STRAIN ist eine nationale Interventionsstudie im Gesundheitswesen. Ziel ist es, Stressoren am Arbeitsplatz sowie deren Auswirkungen auf die Gesundheit und Zufriedenheit bei Schweizer Gesundheitsfachpersonen zu erfassen und mittels Intervention langfristig zu reduzieren. Das STRAIN-Projekt ist zudem Teil des Competence Network Health Workforce.

Steckbrief

Die STRAIN-Studie kurz erklärt

Einleitung

Der Mangel an gut ausgebildeten Fachpersonen ist nicht nur für Gesundheitsorganisationen eine zunehmende Herausforderung, sondern wirft auch Fragen zur künftigen Versorgungsqualität im Schweizer Gesundheitswesen auf. Arbeitsbedingter Stress, schlechte Arbeitsbedingungen und Unzufriedenheit mit der Entlohnung spielen dabei eine wichtige Rolle und stehen im Zusammenhang mit einer höheren Absicht von Gesundheitsfachpersonen, ihren Beruf frühzeitig zu verlassen. Um den Bedarf an Gesundheitsfachpersonen decken zu können, sind daher gute Rahmenbedingungen bei der Arbeit im Gesundheitswesen zentral. Das nationale Projekt «Work-related Stress Among Health Professionals in Switzerland», kurz STRAIN, setzt genau dort an.  Das Projekt will Stressquellen, Stressreaktion und daraus entstehende Langzeitfolgen im Arbeitsalltag von Gesundheitsfachpersonen in der Schweiz erfassen und mittels Intervention langfristig reduzieren.

Projektaufbau

Die Studie wird seit dem Jahr 2017 bis Ende Juni 2021 in allen Sprachregionen der Schweiz durchgeführt. Das 15-köpfige STRAIN-Projektteam setzt sich interprofessionell aus Mitarbeitenden dreier Hochschulen zusammen; der Berner Fachhochschule BFH, der HES-SO Fachhochschule Westschweiz und der Fachhochschule Südschweiz SUPSI. Eingeschlossen sind dabei alle Pflege- und Betreuungsberufe, Ärztinnen und Ärzte, medizinisch-technische sowie medizinisch-therapeutische Berufe. Schweizweit sind über 160 Organisationen aus der Deutschschweiz, der französischsprachigen Schweiz und dem Tessin an der STRAIN-Studie beteiligt. Die teilnehmenden Organisationen wurden randomisiert aus allen schweizweit erfassten Organisationen ausgewählt und beinhalten 26 Akutspitäler und Rehabilitationskliniken, 12 Psychiatrien, 86 Alters- und Pflegeheime sowie 41 Spitex Organisationen. Die STRAIN-Studie ist zudem Teil des nationalen Forschungsprojekts «Strategie gegen den Fachkräftemangel in den Gesundheitsberufen», welches vom Competence Network Health Workforce (CNHW) in Kooperation mit fünf Schweizer Hochschulen der Gesundheit unter der Leitung der Berner Fachhochschule (BFH) durchgeführt wird. Finanziell wird das CNHW durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) und durch die Kooperation der Hochschulen Gesundheit getragen.

BFH-Gesundheit Forschungsprojekt STRAIN - Grafik Projektaufbau Bild vergrössern

Die STRAIN-Studie ist eine der grössten Schweizer Interventionsstudie (cluster RCT) in den Gesundheitsberufen und umfasst drei Messzeitpunkte. Die STRAIN-Basiserhebung diente für die Erstellung der Intervention sowie die Zuteilung der Organisationen in die drei Gruppen (Interventionsgruppe, Kontrollgruppe, Gruppe ohne Intervention). Die in der Basismessung erhobenen Daten wurden dabei pro Organisation ausgewertet. Diejenigen Organisationen mit dem höchsten Optimierungspotential wurden danach zufällig in zwei Gruppen (Interventions- und Kontrollgruppe) eingeteilt. Anschliessend erfolgte die erste Messung (vor der Intervention) und die zweite Messung (nach der Intervention).

STRAIN-Intervention – Entwicklung + Durchführung

Die STRAIN-Intervention fokussiert auf Stressoren am Arbeitsplatz, welche die Gesundheit und Zufriedenheit der Mitarbeitenden stark beeinflussen. Da Führungspersonen eine zentrale Rolle haben, wenn es um die Rahmenbedingungen und Anforderungen am Arbeitsplatz geht, sind sie die Zielgruppe für die STRAIN-Intervention. Eingeladen waren alle Führungspersonen der Interventionsgruppe aus den Berufen Pflege und Betreuung, Hebammen, medizinisch-technisch-therapeutische Berufe und dem ärztlichen Dienst. Zur Entwicklung der STRAIN-Empfehlungen wurden verschiedene Datenquellen verwendet.

Resultate aus der STRAIN-Basismessung

Aus dem Datensatz der STRAIN-Basiserhebung mit insgesamt 8'112 teilnehmenden Gesundheitsfachpersonen wurden mehrere Regressionsmodelle für einzelne Gesundheitsberufe und Arbeitsbereiche berechnet. Ziel dabei war es, Themen zu identifizieren, bei welchen Führungspersonen mit gezielten Massnahmen das grösste Potential auf eine Reduktion der Arbeitsbelastung haben. Bei der Identifikation relevanter Handlungsfelder wurde daher nicht nur auf das Ausmass eines Stressors fokussiert, sondern insbesondere auch auf dessen tatsächlichen Einfluss auf die Gesundheit und Zufriedenheit der Mitarbeitenden.

Empfehlungen von betroffenen Gesundheitsfachpersonen

Im Jahr 2018 fanden zudem 25 qualitative Fokusgruppeninterviews mit insgesamt 128 Teilnehmenden verschiedener Berufsgruppen (Pflege, MTTB, ärztlicher Dienst) in verschiedenen Gesundheitsorganisationen und Sprachregionen statt. Dabei wurden die Gesundheitsfachpersonen direkt gefragt, welche Massnahmen aus ihrer Sicht sinnvoll sein könnten, um die Belastung an ihrem Arbeitsplatz erfolgreich reduzieren zu können. Die reichhaltigen Resultate aus diesen Interviews flossen direkt als mögliche Empfehlungen in das STRAIN-Interventionsprogramm mit ein.

Literatur

Von 2017-2019 wurde eine umfassende und systematische Literaturrecherche durchgeführt. Ziel dabei war es, internationale und nationale Studien (Interventionsstudien, Reviews, Metaanalysen) und Guidelines zu identifizieren, welche sich mit erfolgreich durchgeführten Interventionen zur Reduktion der Arbeitsbelastung beschäftigen. Es konnten 1’400 Studien/Guidelines identifiziert und analysiert werden. Die aus der Analyse gewonnenen Erkenntnisse über die Umsetzung von erfolgreichen Massnahmen zur Reduktion der Arbeitsbelastung und zur Steigerung der Arbeitgeberattraktivität, flossen direkt als mögliche Empfehlungen in das STRAIN-Interventionsprogramm mit ein.

Die Entwicklung des Interventionsprogramms erfolgte anhand des «Intervention Mapping» Ansatzes (Bartholomew Eldredge et al., 2016). Für die STRAIN-Intervention wurden folgende sieben Handlungsfelder ausgearbeitet:

STRAIN - Interventions Mapping Bild vergrössern

Die Intervention für Führungspersonen beinhaltete zwei Präsenz-Schulungstage sowie ein anschliessendes Führungscoaching am Arbeitsplatz. Nebst Präsentationen zu den aktuellen Forschungsresultaten und Massnahmen zur Senkung der Arbeitsbelastung, beinhalteten die Präsenz-Schulungen viele interaktive Teile, um den interprofessionellen sowie organisationsübergreifenden Austausch zwischen den Führungspersonen zu fördern.

STRAIN-Empfehlungen für Führungspersonen

Die STRAIN-Empfehlungen thematisieren wichtige Handlungsfelder, um relevante Stressoren zu reduzieren sowie die Gesundheit und Zufriedenheit der Gesundheitsfachpersonen nachhaltig zu fördern. Ziel der STRAIN-Empfehlungen ist es, Führungspersonen im Gesundheitswesen evidenzbasierte Handlungsmöglichkeiten und Strategien für den Arbeitsalltag zur Verfügung zu stellen. Die STRAIN-Empfehlungen zielen dabei grösstenteils auf Veränderungen auf organisationaler Ebene ab. Für eine grösstmögliche positive Veränderung sind Führungspersonen in allen Führungsebenen (oberes, mittleres und unteres Management) bei der Umsetzung zentral. Dabei beeinflussen unterschiedliche Anforderungen an die einzelnen Gesundheitsberufe, spezifische Arbeitsabläufe, Organisations- und Führungsstrukturen und die jeweilige Unternehmenskultur die Wahl der geeigneten Massnahmen.

STRAIN-Ergebnisse

Die SARS-CoV-2-Pandemie und die damit einhergehende Belastung im Gesundheitswesen hat die Umsetzung der Interventionsphase sowie die letzte Datenerhebung im Jahr 2020 stark beeinträchtigt. Obwohl sich nicht alle teilnehmenden Organisationen an der dritten Messung beteiligen konnten, ergab sich aus der STRAIN-Studie ein Datensatz mit insgesamt 19'340 Gesundheitsfachpersonen aus allen Sprachregionen der Schweiz. Den grössten Anteil über die drei Messzeitpunkte machen die Pflegeberufe mit über 70 % aus, insbesondere Pflegende mit einem Abschluss auf Tertiärstufe (63 %). Weitere 9 % der Teilnehmenden stammen aus den medizinisch-therapeutischen Berufen und 7 % sind Ärztinnen und Ärzte.

STRAIN Studienresultate Bild vergrössern

Die Studienresultate zeigen je nach Berufsgruppe unterschiedliche Stressoren und Auswirkungen auf den Arbeitsalltag:

  • Pflegende und Hebammen sind im Vergleich zu anderen Berufsgruppen höheren emotionalen und körperlichen Anforderungen ausgesetzt und es bieten sich ihnen weniger Entwicklungsmöglichkeiten. Die beiden Berufsgruppen weisen die tiefste Arbeitszufriedenheit auf und denken am häufigsten über einen Berufsausstieg nach.
  • Die Ärzt*innen sind im Vergleich am meisten von einer hohen Arbeitslast im Arbeitsalltag betroffen. Auch die fehlende Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben sowie Stresssymptome sind bei dieser Berufsgruppe im Vergleich am stärksten ausgeprägt.
  • Bei den medizinisch-technischen Berufen stehen herausfordernde Arbeitsumgebungsfaktoren, fehlende Entwicklungsmöglichkeiten, wenig Mitsprache bei der Arbeit sowie die Angst vor dem Verlust der Arbeitsstelle im Zentrum.
  • Bei medizinisch-therapeutischen Berufen hingegen ist der eigene Entscheidungsspielraum für Pausen und Ferien im Vergleich am kleinsten. Auch die sozialen Beziehungen bei der Arbeit und die Bedeutung der Arbeit werden von diesen Berufen als geringer eingeschätzt. Zudem scheinen diese Fachpersonen häufiger mit einer fehlenden Rollenklarheit bei der Arbeit konfrontiert zu sein als andere Gesundheitsberufe (Peter et al., 2020).
STRAIN-Resultate Berufsgruppen Bild vergrössern

Alle STRAIN-Resultate zu den einzelnen Berufsgruppen sowie Bereichen im Gesundheitswesen können Sie direkt hier herunterladen:

Relevante STRAIN-Publikationen

(wird laufend aktualisiert)

Journals

Relevante Blogbeiträge

So geht es weiter – STRAIN 2.0

Das STRAIN-Projekt geht in die nächste Runde und heisst neu STRAIN 2.0. Das Folgeprojekt STRAIN 2.0 bietet nun allen interessierten Organisationen die Möglichkeit, jährlich die Stressoren am Arbeitsplatz sowie daraus resultierende Langzeitfolgen bei allen Gesundheitsberufen jährlich zu erfassen. Weitere Informationen dazu finden Sie in unserem Flyer.