Gesund essen braucht System

24.04.2026 Was kann man proaktiv für ein gesundes Ernährungssystem tun? Diese Frage widmete sich der Abschluss der Eventreihe «Gesund essen – ganzheitlich gedacht» von BFH-HAFL und Departement Gesundheit BFH. 

Klimawandel, Tierseuchen, Irankrieg, Salmonellen im Quark, steigende Adipositas: Eine Folie mit Schlagworten und Bildern zeigte, wie komplex unser Ernährungssystem ist – und wie schwierig es ist, dieses gesünder zu gestalten. «Früher musste vor allem der Acker gesund sein, heute sind viele Akteure und Akteurinnen involviert – von der Produktion über Verarbeitung und Handel bis zum Konsum», sagte Prof. Ursula Kretzschmar, Leiterin des Fachbereichs Food Science & Management an der BFH-HAFL, zur Eröffnung.

Acht Handlungsfelder hat eine Studie im Fachjournal Science für ein gesünderes und faireres Ernährungssystem identifiziert, wie Hansjürg Jäger, Dozent Agrarpolitik und -märkte an der BFH-HAFL, zum Auftakt erläuterte: darunter Lebensmittelhilfe, Ernährungsmedizin und -bildung sowie Beschaffungspolitik und Regulierung. Auf dem Podium wurden die Bereiche Entwicklung, Innovationen sowie Rahmenbedingungen vertieft diskutiert.

Komplexes Ernährungssystem: Acht Handlungsfelder definieren Yi Yang et al. in einer Studie in Science.
Acht Handlungsfelder definieren Yi Yang et al. in einer Studie in Science.

Gefragt: Innovationen

Wie können Land- und Ernährungswirtschaft innovativer werden und zu gesünderen Lebensmitteln beitragen? fragte Hansjürg Jäger ins Podium. In der Landwirtschaft sieht Stefan Vogel, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der BFH-HAFL, Potenzial bei Nährstoffen und Pflanzenschutzmitteln: «Für gesunde Lebensmittel müssen diese wegen möglicher Rückstände reduziert werden.» Dies könne durch technische Innovationen wie punktuelle Ausbringung von Schutzmitteln oder auch durch robuste, resiliente Sorten erreicht werden. Die Krux: Viele dieser Sorten sind noch jung, erfüllen nicht alle Ansprüche bei Konsum – und finden weniger Absatz.
 

Auf dem Podium: Hansjürg Jäger, Dozent Agrarpolitik und -märkte an der BFH-HAFL (Moderation). Dr. Michael Beer, Stellvertretender Direktor, BLV; Dr. Katharina Breme, Leitung Innovation und Digitale Transformation, Elsa Group; Stefan Vogel, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, BFH-HAFL
Auf dem Podium: Hansjürg Jäger, Dozent Agrarpolitik und -märkte an der BFH-HAFL (Moderation). Dr. Michael Beer, stv. Direktor, BLV; Dr. Katharina Breme, ehem. Leitung Innovation und Digitale Transformation, Elsa Group; Stefan Vogel, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, BFH-HAFL (Foto: Sven Grossrieder)


Dass ein Produkt schmeckt, ist aber oberstes Gebot, wie Dr. Katharina Breme betonte. Für die ehemalige Leiterin Innovation und Digitale Transformation von Elsa Group sind Innovationen in der Lebensmittelindustrie zentral, um neue gesunde Produkte zu lancieren und bestehende zu verbessern, etwa durch weniger Zucker oder Salz. «Entscheidend sind Sensorik und Preis – beides muss für die Konsumentinnen und Konsumenten stimmen.» 

Und was leistet die Politik zu innovativen Ansätzen? Michael Beer, stellvertretender Direktor, Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV, gab sich wenig hoffnungsvoll: «Unser Hebel ist mit dem Parlament als Auftraggeberin eingeschränkt.» Es gebe nur wenig Bereitschaft im politischen Umfeld, gross zu denken, wie es für eine Transformation des Systems nötig wäre; Impulse für Veränderungen könnten aber sicher aus der Industrie kommen.

Früher musste vor allem der Acker gesund sein, heute sind viele Akteure und Akteurinnen involviert – von der Produktion über Verarbeitung und Handel bis zum Konsum.

  • Prof. Ursula Kretzschmar Leiterin des Fachbereichs Food Science & Management

Welchen Rahmen braucht es …

Gesundheit und gesundes Essen ist Sache des Einzelnen – aber gemäss Beer funktioniert die Selbstregulierung nur bedingt. Gefragt waren demnach Ideen für bessere Rahmenbedingungen, die gesündere Ernährung fördern: Gemäss Stefan Vogel sollen Landwirte und Landwirtinnen sowie der Handel gut sensibilisieren – dass eine robuste Kartoffel anders schmeckt, aber dafür ökologischer angebaut und gesünder sei. Katharina Breme ging noch weiter: «Um die richtigen Entscheidungen zu fällen, braucht es Bildung, die schon in der Schule beginnen sollte.» Michael Beer vom BLV hob nochmals den Preis hervor, «über den man diskutieren muss, wenn man ein System verändern will».

… und wer übernimmt die Risiken?

Schliesslich stand auch das Risiko im Raum. Externe Risiken wie Hochwasser, Hagel und Sturm nehmen wegen des Klimawandels zu – mit grossem Impact auf den Ackerbau. Prävention, Informationssysteme und Versicherungen können die Risiken und finanzielle Folgen begrenzen, wie Stefanie Rouiller von der Schweizerischen Mobiliar in ihrem Inputreferat ausführte.
 

Stefanie Rouiller, Produktmanagerin PM KMU, Schweizerische Mobiliar Versicherungsgesellschaft AG hielt ein Inputreferat zu «Versicherbarkeit, Entwicklungen und Tendenzen bei Ernteausfällen»
Stefanie Rouiller, Produktmanagerin PM KMU von der Mobiliar, hielt ein Inputreferat zu «Versicherbarkeit, Entwicklungen und Tendenzen bei Ernteausfällen». (Foto: Sven Grossrieder)


Aber welche Risiken geht man selbst ein, um das Ernährungssystem gesünder zu machen? Landwirte und Landwirtinnen müssen in teure Technologien oder resiliente Sorten investieren, die Industrie neue Produkte entwickeln. Doch: Ob sich etwa robustere Kartoffeln oder ein zuckerreduziertes Joghurt am Markt durchsetzen, ist offen. Nicht jede Innovation sei auch automatisch gesünder, wie Michael Beer mit Blick auf prozessiertes «Laborfleisch» ausführte. Die Transformation bleibt komplex. Klar ist, wie Ursula Kretzschmar von der BFH-HAFL zusammenfasste: «Es braucht dazu alle Akteure und Akteurinnen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.»

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