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«Mehr als eine Adresse» – Angebote für junge Menschen partizipativ entwickeln

16.02.2026 Um junge Menschen zu unterstützen, sind niederschwellige Anlaufstellen nötig, die auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind. Der Bereich Soziokultur der Stadt Bern hat deshalb die BFH beauftragt, den Bedarf für ein passendes Angebot zu identifizieren. Emanuela Chiapparini hat die Projektleitenden Scarlett Niklaus und Stella Vogt zu ihren Erfahrungen mit dem Projekt befragt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Projekt Gleis ¾ will ein Informations‑ und Beratungsangebot für junge Menschen in Bern partizipativ entwickeln.

  • BFH zeigt konkreten Unterstützungsbedarf sowie Lücken im bisherigen Angebot auf und unterstützt den partizipativen Ansatz fachlich.

  • Ziel: ein langfristig verankertes, breit abgestütztes Angebot, das kontinuierlich von Jugendlichen mitgestaltet und weiterentwickelt wird.

Gleis ¾ – Das klingt nach mehr als einem Verwaltungsprojekt. Was steckt hinter diesem Namen?

Scarlett Niklaus: Der Name Gleis ¾ ist ein vorläufiger Arbeitstitel. Er ist inspiriert vom aktuellen Bahnhofsumbau, da eine Glaswand zwischen unserem Standort und dem Gleis 1 entstehen wird. Zum Inhalt des Projekts: Jugendliche und junge Erwachsene machen zahlreiche physische, psychische und soziale Entwicklungen durch, die auch Spannungsfelder mit sich bringen. Besorgniserregend ist, dass verschiedene Studien eine Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens bei Jugendlichen bestätigen. Deshalb möchten wir mit dem Vorprojekt prüfen, ob ein partizipativ entwickeltes zentrales Informations- und Beratungsangebot Angebotslücken füllen kann. Alle jungen Menschen, die das Angebot aufsuchen, sollen beim Verlassen der Infostelle mehr in der Hand, im Kopf oder im Herzen haben als eine Adresse.

Jugendliche und junge Erwachsene zwischen zwölf und 25 Jahren sind eine sehr heterogene Gruppe. Warum haben Sie diese Altersspanne in den Mittelpunkt gestellt?

Stella Vogt: Die Entscheidung für diese breite Altersspanne ermöglicht es, den heterogenen und zeitlich versetzten Entwicklungsprozessen Rechnung zu tragen. Klar, die verschiedenen Altersgruppen haben unterschiedliche Bedürfnisse und deshalb war es ein Ziel der Vorstudie herauszufinden, wo sich diese voneinander unterscheiden. In der Pilotphase werden wir nun prüfen, ob und wie ein Angebot für eine so breite Altersspanne zielführend umgesetzt werden kann.

Unsere Interviewpartnerinnen

Scarlett Niklaus ist seit Juli Leiterin der Abteilung Familie & Quartier der Stadt Bern. Den Forschungsauftrag an die BFH erteilte sie 2025 als Leiterin des Bereichs Soziokultur und stellvertretende Abteilungsleiterin von Familie & Quartier.

Stella Vogt ist Mitarbeiterin in Ausbildung im Bereich Soziokultur und studiert im Bachelor in Sozialer Arbeit an der BFH.

Was waren bisher die wichtigsten Erkenntnisse?

Vogt: Für mich war für die weitere Projektplanung sehr wichtig zu erfahren, welche Themen sowie persönlichen Herausforderungen die verschiedenen Altersgruppen beschäftigen und wie sie zurzeit schon Unterstützung suchen. Scarlett Niklaus: Ergänzend möchte ich die Bedeutung des digitalen Raums im Zusammenspiel mit den gewünschten realen Begegnungen für die jungen Menschen erwähnen, den ich spannend fand. Weiterhin fand ich doch sehr auffällig, wie konstant einige Bedürfnisse trotz der rasanten Veränderungen in der Welt bleiben.

72 Prozent der Befragten hatten schon mindestens einmal Unterstützungsbedarf, und fast zwei Drittel haben diese Unterstützung nicht vollständig gefunden. Hat Sie dieses Ergebnis überrascht?

Vogt: Das Ergebnis ist nur teilweise überraschend, wobei offenbleibt, was «voll-ständig» aus Sicht der Befragten bedeutet. In den vertiefenden Workshops wurde deutlich, dass junge Menschen häufig nicht nur ein einzelnes Anliegen haben, sondern mehrere teilweise miteinander verknüpfte Themen gleichzeitig bewältigen müssen. In diesem Zusammenhang wurde mehrfach rückgemeldet, dass ihnen eine Stelle oftmals keine umfassenden Antworten geben kann. In dem Fall werden sie an verschiedene Stellen weiterverwiesen und manchmal können ihre Anliegen nicht abschliessend geklärt werden. Diesen Prozess haben einige der Befragten als ermüdend beschrieben. Zudem zeigte sich in den Workshops, dass Fachpersonen nicht immer ausreichend Zeit für die Fallbearbeitung haben, weshalb wichtige Aspekte der jungen Menschen unberücksichtigt blieben.

Für uns heisst ernst gemeinte Partizipation, dass echte Mitgestaltung und Mitbestimmung möglich sind.

  • Stella Vogt Mitarbeiterin im Bereich Soziokultur der Stadt Bern

Besonders auffällig war, dass der Zugang zu Unterstützung mit zunehmendem Alter schwieriger wird, gerade für junge Erwachsene ab 18 Jahren. Wie erklären Sie sich diese Lücke?

Vogt: Unsere Befragungen zeigen, dass Jugendliche, die noch die obligatorische Schule besuchen, besser ins Unterstützungsnetz eingebunden sind, zum Beispiel über Lehrpersonen, Schulsozialarbeit, Familie, Freund*innen und die offene Jugendarbeit. Dies trifft punktuell auch auf 15-17jährige aufgrund der weiterführenden Schulen und Lehrbetriebe zu. Junge Erwachsene verlassen dann aber zunehmend diese Strukturen und sehen sich gleichzeitig mit neuen Herausforderungen konfrontiert. In unseren vertiefenden Workshops wurden hier vor allem Themen wie Steuern, Versicherungen, Wohnen oder finanzielle Selbstständigkeit genannt. Es zeigte sich gerade in diesen Themenfeldern ein geringes Wissen über bestehende Unterstützungsangebote.

Partizipation war ein zentrales Prinzip. Wie haben Sie diesen Prozess gestaltet?

Vogt: Für uns heisst ernst gemeinte Partizipation, dass echte Mitgestaltung und Mitbestimmung möglich sind. Uns war besonders wichtig, dass Partizipation von Anfang an verankert und langfristig gesichert wird. «Von Anfang an» heisst: In der gesamten Vorstudie wurden die Jugendlichen und junge Erwachsene nicht nur als Expert*innen ihrer Lebenswelt befragt, sondern auch in der Ausarbeitung laufend einbezogen. Sie wirkten zum Beispiel bei der Ausarbeitung der Fragen mit, spiegelten deren Verständlichkeit und testeten die Umfrage. Dadurch konnten wir sicherstellen, dass die Erhebung unsere Zielgruppen erreicht. «Langfristig» heisst: wir bauen mit einer Chatgruppe eine «Community» auf, über die die jungen Menschenkontinuierlich informiert werden und sich aktiv ein-bringen können. Dabei ist besonders wichtig, dass ihre Rückmeldungen tatsächlich Wirkung entfalten und dass das Projekt Gleis ¾ darauf aufbaut.

Portrait von Stella Vogt, Mitarbeiterin des Bereichs Soziokultur der Stadt Bern
Stella Vogt, Mitarbeiterin des Bereichs Soziokultur der Stadt Bern

Sie haben sich bewusst für eine wissenschaftliche Begleitung durch die BFH entschieden, anstatt die Daten intern auszuwerten?

Niklaus: Dafür gibt es mehrere Gründe. Ich bin überzeugt vom Mehrwert einer interdisziplinären Zusammenarbeit. Ein Projekt wird immer besser, wenn die verschiedenen Beteiligten ihre Perspektiven einbringen können. Wir waren zum einen froh, dass die BFH eine weitere Perspektive einbrachte. Auch haben wir es sehr geschätzt, konnten wir die BFH für die Konzeption und Auswertung der Befragung gewinnen. Die Qualität der Ergebnisse ist deshalb grösser. Zugleich stärkt die wissenschaftliche Begleitung die Legitimität des Projekts.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit unserem Forschungsteam erlebt?

Vogt: Ich habe die Zusammenarbeit als sehr gewinnbringend erlebt. Besonders für mich als Bachelor-Studentin der Sozialen Arbeit war es äusserst bereichernd, das Zusammenspiel zwischen wissenschaftlicher Forschung und praktischer Projektarbeit so unmittelbar mitzuerleben. Zwei prägende Aha-Momente sind mir dabei besonders in Erinnerung geblieben. Der erste ergab sich im Ausarbeitungsprozess der Fragestellungen, als das Forschungsteam uns mehrere blinde Flecken aufzeigte, insbesondere hinsichtlich der Auswertbarkeit. Es zeigte, wie wichtig Formulierungen sind, um eine saubere Evaluation zu ermöglichen. Ein weiterer zentraler Moment entstand im Auswertungsprozess, bei der Auswahl und Interpretation möglicher Korrelationen. Insbesondere hinsichtlich der Frage, welche analytischen Verbindungen methodisch sinnvoll sind.
 

Niklaus: Besonders hervorzuheben ist zudem, wie unkompliziert und angenehm der gesamte Prozess verlief. Die Anzahl und Art unserer Austauschgefässe waren gut gewählt, die Kommunikation stets klar, verlässlich und zeitnah. Diese Kombination hat die Zusammenarbeit besonders wirkungsvoll gemacht.

kurze, prägnante Zusammenfassung, was auf dem Bild zu sehen ist und das Linkziel, falls Bild verlinkt ist.
Scarlett Niklaus, Leiterin Familie & Quartier und des Bereichs Soziokultur der Stadt Bern

Was ist Ihre Vision: Wie soll Gleis ¾ in drei Jahren aussehen und welche Jugendlichen soll es vor allem erreichen?

Niklaus: In drei Jahren ist das Angebot breit abgestützt, finanziert und wird genutzt sowie laufend partizipativ weiterentwickelt. Wichtig ist, dass nicht unsere Vision im Zentrum steht, sondern jene der Zielgruppe. Unsere Rolle besteht darin, ergebnisoffen zu sein und den Prozess so zu gestalten, dass die Perspektiven und Bedürfnisse der Ziel-gruppe kontinuierlich einfliessen können.

Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich für die nächste Phase des Projektes?

Niklaus: Dass wir es wirklich schaffen, sowohl die Perspektive der Nutzenden als auch die fachliche Perspektive bei einer möglichen Umsetzung einzubeziehen. Deshalb hoffe ich auch, dafür die Partnerschaft zur BFH und den anderen Organisationen weiter pflegen zu können.

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