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Die Warum‑Frage: richtungsweisend für die digitale Zukunft
13.03.2026 Im Gespräch mit unserer Partnerin Bearing Point beleuchten wir mit Laurent Rohmer den Stellenwert von Free Open Source Software (FOSS) und kommen auf die Bedeutung des EMBAG für die Unternehmen zu sprechen.
Das Wichtigste in Kürze
- Seit drei Jahren ist Bearing Point Partnerin des Instituts Public Sector Transformation (IPST).
- Bearing Point ist eine unabhängige Management-Beratung mit über 15 Jahren Erfahrung in allen Aspekten der Transformation des Unternehmens im Zusammenhang mit neuen Technologien, insbesondere im Bereich OSS-Management.
- Im Gespräch gibt Laurent Rohmer Einblick in seine tägliche Arbeit und kommt dabei auch auf die Open Source Studie Schweiz, sein Verständnis von digitaler Nachhaltigkeit sowie auf die Bedeutung des EMBAG zu sprechen.
Laurent, Bearing Point wurde in der Open Source Studie Schweiz von 2024 porträtiert als ein Unternehmen, welches seine Kunden zum nachhaltigen Erfolg im FOSS-Umfeld führt. Was verstehst du persönlich unter dem Trendbegriff «Nachhaltigkeit» in diesem Kontext?
Laurent: Für mich hat digitale Nachhaltigkeit im Open‑Source‑Umfeld drei Dimensionen: Erstens ökonomisch im Sinne von Wiederverwendung statt Neuentwicklung. Die Open‑Source‑Studie 2024 zeigt: 96 % der befragten Organisationen in der Schweiz setzen OSS ein, und 49 % sind Vielnutzer in 15+ Bereichen – ein klarer Hinweis auf Skaleneffekte und sinkende Gesamtbetriebskosten.
Die zweite Dimension ist die Institutionelle: Offenheit schafft Transparenz, Kompetenzaufbau und Kooperation. Zu den Top‑Einsatzgründen gehören offene Standards/Interoperabilität, die breite Verfügbarkeit von Komponenten/Tools und Wissensaustausch in Communities. Das ist deckungsgleich mit dem IPST‑Leitbild «offen, innovativ, nachhaltig».
Und was wäre die dritte Dimension?
Laurent: Das ist die Technische: Offenheit erhöht Interoperabilität und Langlebigkeit von Lösungen. Das EMBAG unterstreicht dies mit verbindlichen offenen Standards (Art. 12) und elektronischen Schnittstellen (Art. 13), die föderal skalierbar sind.
Das EMBAG
Das 2024 in Kraft getretene «Bundesgesetz über den Einsatz elektronischer Mittel zur Erfüllung von Behördenaufgaben» (EMBAG) schreibt vor, dass Bundesstellen künftig selbst- oder durch Externe entwickelte Software unter einer Open-Source-Lizenz veröffentlichen müssen. So soll – insbesondere bei staatlich finanzierter Software-Entwicklung – das hohe Sparpotenzial von Open Source Software ausgeschöpft werden.
News Admin zum Embag (mit weiterführendem Link zum EMBAG-PDF)
Welche Bedeutung hat die Open Source Studie Schweiz für euch? Gibt es darin Erkenntnisse, die dich überrascht haben oder von denen du für deine Arbeit profitierst?
Laurent: Für unsere tägliche Arbeit hat die Studie ganz konkreten Nutzen: Wir können Schweizer Kunden mit belastbaren Zahlen die Relevanz von Open‑Source‑Projekten aufzeigen, Business‑Cases untermauern und Beschaffungsentscheide versachlichen.
Was mich besonders überzeugt und teils auch überrascht hat: Mehr als ein Drittel der Organisationen veröffentlicht bereits eigene Open‑Source‑Software (36 %), weitere 29 % planen konkret eine Veröffentlichung. Der Trend zur aktiven Freigabe nimmt spürbar zu. Cloud‑native ist im Mainstream angekommen: Kubernetes wird bereits von 70 % eingesetzt – ein klares Signal für moderne, skalierbare Betriebsmodelle – auch im öffentlichen Sektor.
Für uns bedeutet das: Wir können mit der Studie «Warum‑Entscheidungen» bei Kunden belegen.
Kannst du uns ein Beispiel dafür geben?
Laurent: Das wären beispielsweise Kosteneinsparungen durch wegfallende Lizenzpreise, Sicherheit durch schnelle Updates, offene Schnittstellen, Community‑gestützte Qualität. Eine Mutualisierung der Kosten für Support‑, Sicherheits‑ und Integrationsleistungen kann umgesetzt werden, sofern dies wirtschaftlich sinnvoll ist.
Wir können mit der Studie «Warum‑Entscheidungen» bei Kunden belegen.
Laurent, du hast vorhin das Bundesgesetz über den Einsatz elektronischer Mittel zur Erfüllung von Behördenaufgaben, kurz EMBAG, angesprochen. Inwiefern hilft das EMBAG den Organisationen? Und wie können wir die Organisationen dabei unterstützen, das Beste daraus zu machen?
Laurent: EMBAG macht «Open by default» zum Prinzip der Bundesverwaltung – und liefert dafür klare Leitplanken:
Art. 9 verpflichtet Bundesbehörden, selbst entwickelten oder beauftragten Code als Open Source zu veröffentlichen (Ausnahmen bei Drittrechten/Sicherheitsgründen).
Art. 10 macht Verwaltungsdaten als Open Government Data zugänglich – unentgeltlich, zeitnah, maschinenlesbar und in offenen Formaten.
Art. 12/13 setzen auf offene Standards und elektronische Schnittstellen.
Was bringt das den Organisationen konkret?
Laurent: Es bringt ihnen Effizienzgewinn durch Wiederverwendung statt Neuentwicklung, interoperable Lösungen über Amts‑ und Föderationsgrenzen hinweg sowie Qualitätsgewinne durch Transparenz und Community‑Review.
Warum ist das ein dauerhafter Trend – über die Schweiz hinaus?
Europäische Evidenz zeigt: Open Source erzeugt substanzielle makroökonomische Effekte. Eine EU‑Analyse beziffert den Impact: +10 % mehr OSS‑Beiträge pro Jahr würden **+0,4–0,6 % BIP** und **> 600** zusätzliche ICT‑Startups bringen. Dieses Gesetz treibt Innovationen voran.
Souveränität heisst: gestalten statt verwaltet werden.
Wie unterstützt ihr die Unternehmen konkret?
Laurent: Um das Maximum herauszuholen, unterstützen wir die Unternehmen wie folgt: Als erstes FOSS‑Governance aufsetzen. Das beinhaltet klare Policies, Rollen (Owner/Maintainer), Freigabeprozesse, Community‑Guidelines – Veröffentlichung und Re‑Use werden zur Routine.
Zweitens Compliance & Security professionalisieren: Software Bill Of Material‑Pflege, Lizenzprüfung, definierte Security‑Fix‑Pfade; wo sinnvoll kostendeckende Managed Services für Integration/Support.
Als Drittes auch Beschaffung «open‑by‑design». Das bedeutet offene Standards/Schnittstellen sowie Lizenz‑ & Community‑Gesundheit als Kriterien.
Bearing Point
BearingPoint ist seit 1997 eine europäische Management‑ und Technologieberatung mit Büros in Zürich und Genf. Mit über 6.000 Mitarbeitenden unterstützt das Unternehmen Kunden weltweit bei digitaler Transformationsberatung, sowie mit kompletten Lösungen inklusive Software– pragmatisch, umsetzungsstark und mit tiefem Branchenwissen.
Management and Technology Consultancy | BearingPoint Switzerland
Zum Schluss noch eine leicht politisch angehauchte Frage: Welche Weichen müssen deiner Meinung nach heute gestellt werden, um den digitalen Raum langfristig vertrauenswürdig zu machen?
FOSS ist eine Haltung – mit handfesten Vorteilen. Gleichzeitig werden wir proprietäre Software weiterhin brauchen. Das Beste entsteht, wenn wir beides «best of breed» kombinieren. Souveränität heisst: gestalten statt verwaltet werden.
Damit diese Mischung vertrauenswürdig und zukunftsfähig bleibt, beantworte ich bei jeder Entscheidung die Warum‑Frage – also warum Open Source oder warum proprietär – entlang eines klaren Rahmens:
- Interoperabilität & offene Standards: wo Austausch, Skalierung und Föderalität zählen, sprechen die Fakten für Offenheit
- Sicherheit & Transparenz : Offener Code erlaubt Audits und schnelle Fixes; die Schweizer Studie nennt «schnelle Updates» und «Community‑Wissen» als zentrale Vorteile. Proprietäre Angebote punkten mit Garantien und SLAs – beides hat seinen Platz.
- Kosten: OSS reduziert Lizenzkosten und ermöglicht Wiederverwendung; proprietär kann mit vorkonfigurierten Komplettpaketen Zeit sparen. Entscheidend ist die Gesamtbetrachtung über den Lebenszyklus (TCO).
- Souveränität & Lock‑in: OSS senkt Abhängigkeiten und treibt Innovationen voran.
- Governance & Support: EMBAG erlaubt kostendeckende Zusatzleistungen für Integration, Security & Support – damit Qualität und Betrieb gesichert sind.
Was möchtest du uns und unserer Leserschaft mitgeben?
Die Warum‑Frage ist eine der wichtigsten für unsere digitale Zukunft – sie entscheidet, wo Offenheit, Souveränität und Effizienz den grössten, vertrauenswürdigen Nutzen stiften.
Vielen Dank für das Gespräch!
Laurent Rohmer ist Senior Manager bei BearingPoint in Zürich und berät Organisationen bei Datenstrategie, Analytics und KI‑Einsatz – mit Schwerpunkt auf skalierbaren Plattformen, Governance und digitaler Souveränität.