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Nachhaltigkeit in der Ernährungsberatung: Vom Randthema zur Kernkompetenz
11.03.2026 Nachhaltigkeit prägt heute viele Beratungsgespräche in der Ernährungsberatung. Klient*innen erwarten fundierte Antworten, während Fachpersonen oft ohne systematische Ausbildung im Spannungsfeld zwischen Therapie, individuellen Bedürfnissen und planetaren Grenzen stehen. Wie können Fachpersonen mit dieser Komplexität umgehen?
Das Wichtigste in Kürze
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Nachhaltigkeit ist in der Ernährungsberatung eine Kernkompetenz geworden.
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Menschliche Gesundheit und Umwelt sind untrennbar miteinander verbunden.
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Ernährungsfachpersonen benötigen Systemdenken und personzentrierte Beratung, um individuelle Bedürfnisse mit nachhaltiger Entwicklung in Einklang zu bringen.
Nachhaltige Ernährung war lange kein Thema in der ernährungstherapeutischen Praxis – heute begegnet sie Fachpersonen jedoch häufig. Typisch ist etwa die Beratung einer Klientin mit gastrointestinalen Beschwerden, die aus ökologischen Gründen weniger Fleisch konsumieren möchte. Gleichzeitig erfordert die Therapie zeitweise eine Reduktion bestimmter pflanzlicher Lebensmittel. Die Frage, wie sich medizinische Notwendigkeiten und umweltschonende Ernährung vereinbaren lassen, bleibt dabei oft unbeantwortet. Solche Situationen verdeutlichen: Klient*innen bringen ein hohes Informationsniveau und klare Erwartungen mit. Viele Ernährungsfachpersonen sehen sich gleichzeitig mit Unsicherheit konfrontiert, da ihnen eine systematische Ausbildung zu nachhaltiger Ernährung fehlt. Fragen zur Umweltwirkung einzelner Lebensmittel können überfordern und stellen Ernährungsberater*innen vor fachliche Herausforderungen. Wer die Umweltwirkungen der Ernährung in der Beratung jedoch mitdenkt, stärkt nicht nur die fachliche Qualität, sondern auch die eigene Glaubwürdigkeit.
Warum Nachhaltigkeit heute zur Ernährungsberatung gehört
Mit der Etablierung des Konzepts «Planetary Health» im Jahr 2017 wurde deutlich, dass menschliche Gesundheit untrennbar mit der Gesundheit der Umwelt verbunden ist. Der Mensch ist kein isoliertes Individuum, sondern Teil eines komplexen ökologischen, sozialen und ökonomischen Systems. Umweltzerstörung wirkt langfristig auf die menschliche Gesundheit zurück. Damit entsteht eine Parallele zum ärztlichen Grundsatz «first, do no harm», der sinngemäss für alle Gesundheitsberufe gilt. Wer ausschliesslich das Individuum betrachtet und systemische Auswirkungen ignoriert, handelt potenziell kontraproduktiv. Der wissenschaftliche Konsens ist eindeutig, dennoch besteht bei der systematischen Schulung zu nachhaltiger Ernährung weiterhin erhebliches Ausbaupotenzial.
Die Herausforderung: Nachhaltigkeit ist komplex
Nachhaltigkeit umfasst weit mehr als ökologische Aspekte. Neben gesundheitlichen spielen soziale, ökonomische, kulturelle und ethische Dimensionen eine zentrale Rolle. Nachhaltige Ernährung ist kein fixer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, in dem Zielkonflikte ausgehandelt werden müssen. Für Ernährungsfachpersonen bedeutet dies, Empfehlungen sorgfältig zu reflektieren und an individuelle Kontexte anzupassen. Gerade weil nachhaltige Ernährung vielseitig ist, braucht es differenzierte und gut begründete Orientierung. Professionelle Ernährungsberatung bietet hier einen echten Mehrwert: Sie unterstützt Menschen dabei, verlässliche, evidenzbasierte Informationen zu erhalten und diese in ihrem Alltag sinnvoll umzusetzen (siehe Box).
Was ist wirklich nachhaltig? Fachliche Antworten auf gängige Aussagen
«Fleisch ist unnachhaltig.»
Im Rahmen eines starken Nachhaltigkeitsverständnisses kann Fleisch Teil einer Ernährung innerhalb der planetaren Grenzen sein, sofern sich der Konsum an nationalen Empfehlungen orientiert (≤ 360 g/Woche). Nachhaltige Ernährung berücksichtigt neben ökologischen Aspekten auch den Schutz und die Förderung der menschlichen Gesundheit. Die ernährungsphysiologische Bedeutung von Fleisch ist daher im Kontext der individuellen Klient*innensituation zu bewerten.
«Geflügelfleisch ist nachhaltig.»
Poulet gilt gesundheitlich als unbedenklich. Gleichzeitig braucht es für die Geflügelhaltung viel eiweissreiches Pflanzenfutter. Diese Ressourcen könnten auch direkt der menschlichen Ernährung dienen. Zwar ist die Ökoeffizienz pro Kilogramm Pouletfleisch günstiger als beim Rind, unter Berücksichtigung der Flächen- und Nahrungsmittelkonkurrenz zum Menschen hat hingegen Rindfleisch aus graslandbasierter Haltung wesentliche ökologische Vorteile. Zudem ist der Import von Pouletfleisch aus Ländern wie Brasilien aus sozialen Aspekten kritisch. Tierethische Fragen stellen sich bei der Pouletmast in besonderem Mass.
«Soja ist schlecht für die Umwelt.»
Die Nachfrage nach Soja hat sich in den letzten 40 Jahren weltweit verfünffacht – aufgrund der Fleischproduktion. Etwa 77 % des weltweit produzierten Sojas wird als Tierfutter verwendet, nur rund 7 % direkt für die menschliche Ernährung. Der direkte Verzehr von Soja und Sojaprodukten stellt daher kein Umweltproblem dar und ist mit den planetaren Grenzen vereinbar.
Tipp für weitere Informationen rund um Fragen und Antworten zum Konsum und zur Produktion von Fleisch mit Fokus auf Umwelt und Gesundheit: https://www.healthy3.ch/fragen-und-antworten-zum-konsum-und-zur-produktion-von-fleisch/
Handlungsspielräume für Ernährungsfachpersonen
Standardisierte Lösungen gibt es nicht bei der Ernährungsberatung zu nachhaltigen Ernährungsweisen. Medizinische Realität, persönliche Bedürfnisse und Aspekte nachhaltiger Entwicklung müssen gemeinsam betrachtet werden. Dafür sind zwei Kompetenzen zentral: Systemdenken, um Wechselwirkungen zwischen Ernährung, Umwelt und Gesundheit zu verstehen, sowie eine personzentrierte Beratung, die den Alltag der Klient*innen berücksichtigt. Die 2024 neu veröffentlichten Schweizer Ernährungsempfehlungen bieten hierfür eine wichtige Grundlage, da sie gesundheitliche und ökologische Aspekte verbinden. Ihre Anwendung verlangt jedoch kritischer Einordnung und Anpassung an den jeweiligen Beratungskontext.
Nachhaltige Ernährung an der BFH: Impulse für Lehre und Praxis
Nachhaltige Ernährung an der BFH: Impulse für Lehre und Praxis
Um nachhaltige Ernährung systematisch in Ausbildung, Forschung und Praxis zu verankern, hat der Fachbereich Ernährung und Diätetik der Berner Fachhochschule (BFH) nachhaltige Ernährung als strategischen Schwerpunkt definiert. Ziel ist es, Fachpersonen auf die zunehmende Komplexität ernährungsbezogener Fragestellungen vorzubereiten.
Zentrale Aktivitäten sind unter anderem:
Arbeitsgruppe Diets for Planetary Health:
- Begleitung und Umsetzung von Projekten im BSc Ernährung und Diätetik zur Integration von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) sowie von Aus- und Weiterbildungsinhalten zu nachhaltiger Ernährung.
Curriculare Verankerung:
- Integration und Evaluation von Lehrinhalten zu nachhaltiger Entwicklung, nachhaltiger Ernährung und Systemdenken entlang des Bachelorcurriculums EuD.
Sichtbarkeit von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE):
- Förderung nachhaltigkeitsbezogener Inhalte durch die Projekte 2 Slides 4 Future und das Folgeprojekt 2 Minutes 4 Future.
Fachliche Positionierung:
- Erarbeitung des Positionspapiers zur Rolle der Ernährungsberatung in nachhaltigen Ernährungssystemen in der Schweiz im Auftrag des Schweizerischen Verbands der Ernährungsberater/innen (SVDE).
Forschungsprojekte:
Was ist Planetary Health?
Professionsentwicklung im Gesundheitswesen
Professionsentwicklung ist zentral für die Qualität, Attraktivität und Zukunftsfähigkeit der Gesundheitsversorgung. Sie zeigt sich im beruflichen Alltag, wenn Fachpersonen ihr Handeln reflektieren, neues Wissen umsetzen und ihre Rollen weiterentwickeln. Gleichzeitig betrifft sie die Professionen als Ganzes: die Klärung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die Entwicklung von Standards und die Stärkung professioneller Identität. Dabei stellt sich die Frage, wie individuelles Lernen und kollektive Entwicklungen zusammenspielen. Wir geben Einblick in Forschungsprojekte, Weiterbildungsangebote und Praxisbeispiele und zeigen, wie Professionsentwicklung im Gesundheitswesen konkret gelebt und weitergedacht wird.