• Blogbeitrag

Erfahrungswissen: Eine Expedition im Wortraum

01.07.2026 Aus Erfahrungswissen heraus gemeinsam Begriffe bilden. Gemeinsam verständigten sich Armutsbetroffene, Forschende und Personen aus der Zivilgesellschaft über begriffliche Zusammenhänge zu Armut. Die daraus entstandene «Begriffs-Bildung» entspringt einer gesellschaftlichen Realität, die nun in Forschung und Öffentlichkeit getragen werden soll.

Symbolbild

Armutserfahrung wird in der Schweiz häufig nicht als gesellschaftliche Realität anerkannt. Dies führt dazu, dass das Erfahrungswissen der Armut bei der Bildung sozialpolitisch relevanter Begriffe aussen vor bleibt. Gemeinsames Handeln setzt jedoch Verständigung und eine gemeinsame Begrifflichkeit voraus. Um diese Verständigung zu fördern, bildete sich im Rahmen des Projekts «Erfahrung schafft Wissen» das Wortraum-Kollektiv aus Personen mit Erfahrungswissen, Forschenden und Engagierte von ATD Vierte Welt – die als NGO die Armut zusammen mit den Menschen, welche diese erleben, überwinden möchte.

«Begriffs-Bildung» als inklusiven Prozess

Begriffe haben eine gesellschaftliche und politische Relevanz, die auch für die Wissenschaft von Bedeutung ist. Es braucht einen kollektiven Prozess, damit Begriffe einer gesellschaftlichen Realität entsprechen. In diesem Prozess ist das Denken aus der Erfahrung heraus zwingend notwendig «Aus» der Erfahrung «heraus» heisst: auf real gemachte Erfahrungen bezogen, aber nicht auf die individuelle Ebene reduziert und zurückgebunden. Begriffs-Bildung zielt nicht zuletzt auf die Bildung einer Gesellschaft und ist somit «inklusiv» zu verstehen. Mehrere Einzel-Erfahrungen werden zusammen reflektiert und in gesellschaftliche Zusammenhänge gesetzt.

Im Verständigungsprozess wurden in gemeinsamer Betrachtung und Analyse das Erfahrungswissen von Einzelnen «auf den Begriff» gebracht. Zwei Voraussetzungen dieses sozial-integrativen Prozesses sind besonders zu betonen: Es muss dafür ein Ort bestehen, an dem eine respekt- und vertrauensorientierte Begegnung möglich ist; und es müssen Bedingungen zur Artikulation, Rezeption und Reflexion von Erfahrungen geschaffen werden.

«Ein freier Raum, in dem keine Verurteilung stattfindet.»

  • Aussage während der kollektiven Prozessreflexion

Mit geteilten Erfahrungen zum gemeinsamen Handeln

In den gemeinsamen Gesprächen kristallisierten sich zwei Schwerpunkte heraus: «Arbeit» und «Ringen um Sprache». Diese Kontexte wurden im Verlauf des Prozesses zu Referenzpunkten, an denen sich die begriffliche Arbeit orientierte. Zu ihnen wurden zwei Arbeitspapiere entwickelt, auf deren Grundlage das Kollektiv weiterarbeiten kann.

«Arbeit» | Abstract

Aus dem Erfahrungswissen heraus wird «Arbeit» als vielschichtig und widersprüchlich verstanden. Arbeit umfasst nicht nur bezahlte Erwerbstätigkeit, sondern auch unbezahlte Sorge-, Haushalts- sowie Bewältigungsarbeit (die selbst vielfältig ist - Alltag, Gesundheit, Administration, Pflichttermine, Formulare für Ämter, …). Zugleich wird deutlich, dass Arbeit häufig nicht als frei gewählt erlebt wird; sie kann wie ein Würgegriff sein. Sie erfolgt unter Bedingungen von ökonomischem Druck, sozialer Erwartung oder fehlenden Alternativen und ist sehr oft mit unverhältnismässiger Bürokratie verbunden.

Zentral ist die erweiterte Perspektive, in der «Zwangsarbeit» mitbegriffen wird. Diese erscheint nicht nur als Ausnahme, sondern als gesellschaftlich fest verankertes Phänomen, wobei die Einschränkungen von Freiwilligkeit teilweise verschieden und unterschiedlich stark erfahren werden. Arbeit wird auch «im Schatten» geleistet, nicht oder schlecht entgolten. «Zweiter Arbeitsmarkt», «Beschäftigungsprogramme», «Arbeitsbemühung» sind hier Stichworte. Sichtbar wird, wie Arbeit unter strukturellem Druck, Abhängigkeit und Armut stattfindet.

Darüber hinaus wird zwischen sinnstiftender und schädlicher Arbeit unterschieden. Während sinnstiftende Arbeit als erfüllend und gesellschaftlich nützlich gilt, wird schädliche Arbeit als körperlich, sozial oder moralisch belastend beschrieben. «Freiwilligenarbeit» erscheint als Gegenmodell zur erzwungenen Lohnarbeit, bleibt jedoch häufig unzureichend und unterschiedlich anerkannt. Damit Arbeit freiwillig sein kann, müssen Ressourcen vorhanden und zugänglich sein.

Die Analyse führt zu einer Neubewertung gesellschaftlich notwendiger, oft unsichtbarer Tätigkeiten. Zur Diskussion hinsichtlich einer Würdigung der tagtäglich erbrachten Arbeit von Menschen, denen ein existenzsicherndes Einkommen fehlt, wird für die notwendigen zusätzlichen Leistungen der Begriff Ergänzungs-Leistung vorgeschlagen: solidarische Leistungen des Gemeinwesens ergänzend zu den bereits bestehenden eigenen Leistungen.

Arbeit wird in doppelter Begriffsbestimmung formuliert: Eine IST-Definition beschreibt Arbeit als gegenwärtig häufig fremdbestimmt und schädlich, nicht wertgeschätzt und entwertend, während die SOLL-Definition ein normatives Verständnis von Arbeit als sinnhaft, anerkannt und selbstbestimmt entwirft.

«Ringen um Sprache» | Abstract

Sprache wird als zentrales Medium der Auseinandersetzung mit Erfahrung, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Teilhabe erlebt. Dabei wird deutlich, dass Sprache nicht nur ein Mittel der Verständigung ist, sondern selbst Gegenstand eines konflikthaften Prozesses: eines mehrfachen Ringens um Begriffe, Bedeutungen und die Anerkennung eigener Erfahrungen.

Sprache erweist sich als ambivalent. Einerseits ermöglicht sie Zugang – zur eigenen Erfahrung, zu anderen Menschen und zur gesellschaftlichen Mitgestaltung. Im Aussprechen und Teilen von Erinnerungen werden Erfahrungen greifbar und vermittelbar. Andererseits kann Sprache auch ausschliessen und Gewalt ausüben. Sprachlosigkeit wird dabei nicht als Fehlen von Sprache verstanden, sondern als Ausdruck von Unterdrückung, Nicht-Gehört-Werden und erzwungener Anpassung.

Besonders in institutionellen Kontexten zeigt sich Sprache als Machtinstrument, etwa durch unverständliche Fachsprache, fehlende Transparenz, herablassende Behandlung oder in administrativen Strukturen mit ermüdend repetitiven Anweisungen. Dies erschwert die Verständigung. Unter diesen Bedingungen werden Missverständnisse nicht erkannt. Harmlos gesagt, reden Menschen aneinander vorbei. Angesichts von Machtverhältnissen und Ungleichheit macht Sprache so ohnmächtig; Ohnmacht kann dabei auch von Personen auf der institutionellen Seite erlebt werden.

Die Auseinandersetzung verdeutlicht zudem, dass im Erinnern und Sprechen über Gewalterfahrungen selbst schmerzhafter Prozess liegt. Sprache lässt Erfahrungen erneut lebendig werden und ist damit sowohl Mittel der Verarbeitung als auch potenzieller Belastung und (Re-) Traumatisierung. Zugleich werden in Kippmomenten emanzipatorische Potenziale sichtbar: in der kritischen Reflexion von Zuschreibungen, im Widerstand gegen entwertende Begriffe, manchmal im Schweigen, sowie in der Suche nach gemeinsamer Verständigung. Entscheidend für Verständigung sind die wechselseitige Bereitschaft zum Zuhören, das Nachfragen und genügend Zeit.

Insgesamt zeigt sich Sprache als ein Feld gesellschaftlicher Aushandlung, in dem sich Machtverhältnisse widerspiegeln, aber auch Möglichkeiten für Selbstermächtigung, Anerkennung, Selbstbestimmung und Veränderung eröffnen.

Die Auseinandersetzung brachte einiges hervor, war lebhaft, humorvoll, nachdenklich und auch schwer. Über eigene Erfahrungen zu sprechen, Erlebnisse anderer Teilnehmenden zu hören, darüber zu reflektieren, weckte auch schmerzhafte Erinnerungen. Mit der Erfahrung sind auch Gefühle eng verbunden, die sich im Gespräch nicht abschütteln lassen.

«Das ist gefühlsmässig. Weil das ewige Niederklopfen … und dann lese ich es wieder. Dann fühlst du dich in dem Moment gleich wieder niedergeklopft. Und dann musst du zuerst wieder aus einem langen Loch rauskrabbeln. Und dann kannst du oben wieder rumkriechen. Und das ist ein Prozess; dann musst du wieder aufstehen und laufen. Das ist ein Megaprozess.»

  • Aussage in einem der Gruppengespräche

Diese Erfahrungen geben Anlass zum kollektiven Denken und bilden auch Motive für gemeinsames Handeln. Der Prozess der Begriffs-Bildung wirkte bestärkend und durch die Anerkennung des Leids in freiwilliger gemeinsamer Auseinandersetzung kann die Aussicht auf eine Entwicklung erlangt werden. Dies muss aber auf der gesellschaftlichen Ebene geschehen. Das Wortraum-Kollektiv hat in kleinem Rahmen Schritte in diese Richtung unternommen. Wichtig war, dass in Kooperation mit ATD Basel der Ort und die Bedingungen dafür da waren und auch die Aussicht darauf besteht, dass es weitergeht.

Reflexion aus dem Forschungskontext heraus

Aus institutionell forschender Perspektive stellte sich die Aufgabe, die Ergebnisse von Austausch und gemeinsamer Reflexion über die Treffen hinweg in kontinuierlicher Auseinandersetzung zu halten. Aus den Transkripten des Verständigungsprozesses wurden thematische und analytische Zusammenhänge herausgearbeitet. Auf diese Weise entstanden Begriffe, die aufeinander aufbauen. Diese analytischen Überlegungen beziehen sich – da sie im Prozess der Begriffs-Bildung entstanden sind – stets auf das Erfahrungswissen der Gesprächsteilnehmenden.

In diesem Beitrag wurde von kollektiver wissenschaftlicher Erfahrung berichtet. Solche scheint uns notwendig, um Vergangenes und Gegenwärtiges aufgrund von Erfahrungswissen in Zusammenhang und so auf den Begriff zu bringen. Die gesellschaftliche Relevanz bestärkt seitens des Wortraum-Kollektivs die Motivation, die Texte kollektiv weiterzubearbeiten und in verschiedenen Formen in die Öffentlichkeit zu tragen.

Projekt + Prozess

Menschen mit und ohne Armutserfahrung gelangen durch die gemeinsame Reflexion von Erfahrungen und dem darin gründenden Wissen zu einer Verständigung über die Bedeutung von Begriffen. So lautete das Ziel von «Erfahrung schafft Wissen – Impulsprojekt für Prozesse inklusiver Wissensbildung zur Sozialpolitik», das von der Christoph Merian Stiftung unterstützt wurde.

Eine Koordinationsgruppe aus zwei Forschenden der BFH und zwei bei ATD Vierte Welt engagierten Personen luden dabei zu offenen Treffen ein. An ihnen nahmen zwischen acht und zehn Personen mit Erfahrungswissen zu Armut sowie zwei weitere Personen teil. Daraus bildete sich über vier Treffen hinweg das «Wortraum-Kollektiv». Diese Gruppe arbeitete in einem dialogischen Prozess aus ihrem Erfahrungswissen heraus an Begrifflichkeiten. Für den Prozess und die Treffen konnte auf bestehendes Wissen und Praxis sowie niederschwellige Räumlichkeiten der ATD Vierte Welt zurückgegriffen werden.

Themen und Begriffe wurden dabei nicht vorgegeben, sondern entwickelten sich aus der gemeinsamen Reflexion heraus. Die Treffen verbanden den Austausch im Plenum mit Arbeit in thematischen Untergruppen, sodass persönliche Erfahrungen, gemeinsame Deutungen und unterschiedliche Perspektiven schrittweise miteinander verknüpft wurden. Notizen und Tonaufnahmen des Plenums wurden dabei zusammen mit der Koordinationsgruppe aufbereitet und wieder in die Untergruppen eingebracht, wo diese Inputs weiterverarbeitet wurden. So blieb die Strukturierung stets an den Gruppenaustausch geknüpft.

Parallel dazu reflektierten die Teilnehmenden den Prozess regelmässig und arbeiteten Punkte heraus, die für das Gelingen eines kollektiven Prozesses notwendig sind. Daraus entstand ein Logbuch, das anderen Kollektiven dienen soll, ähnliche Projekte zur Begriffsbildung zu initiieren und durchzuführen.

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