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Estland trifft die Schweiz: Ein Dialog mit Tiefenwirkung
10.09.2025 Internationale Kooperationen eröffnen nicht nur neue Perspektiven, sondern rücken auch die eigenen Rahmenbedingungen in ein neues Licht. Dies zeigt ein von der Berner Fachhochschule BFH begleitetes Projekt zwischen Estland und der Schweiz im Bereich der Sozialen Arbeit.
Wie kann die soziale Teilhabe aller in Estland lebenden Menschen gestärkt werden? Dieser Frage geht das im letzten Jahr gestartete «Supporting Social Inclusion Programme» (SSIP) nach, bei welchem das Institut Soziale und kulturelle Vielfalt als «One-Stop-Shop» für den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis aus beiden Ländern fungiert. Das vier Jahre dauernde Vorhaben ist Teil des zweiten Schweizer Beitrags an die erweiterte Europäische Union.Im ersten Jahr wurden mehrere Online-Workshops und eine Studienreise nach Bern durchgeführt. Die Reise in die Schweiz bot estnischen Fachpersonen und politischen Entscheidungsträger*innen Einblicke in die hiesige Soziale Arbeit. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Aus- und Weiterbildung von Sozialarbeiter*innen sowie dem Handlungsfeld Kindesschutz, das in Estland gerade neu organisiert wird.
Die Schweiz gewinnt Kontur
Die Studienreise zeigte, welch enormes Potenzial solche Projekte bergen – für die estnischen Gäste wie auch für die Schweizer Beteiligten. Um ins Gespräch zu kommen, mussten sie die jeweiligen politischen Entstehungsbedingungen der Sozialen Arbeit im eigenen Land reflektieren. Auf dieser Grundlage gelang es, Möglichkeiten und Herausforderungen der Sozialen Arbeit in einem neuen Licht zu sehen.
Ein auffälliger Unterschied zwischen der Schweiz und Estland betrifft das staatliche Ordnungsprinzip. Während die Schweiz föderalistisch organisiert ist, ist Estland zentralistisch geprägt. Diese Differenz beeinflusst sämtliche Lebensbereiche: von der Sozialpolitik, über den Kindesschutz bis zur Hochschulbildung. In der Schweiz existiert kein nationales Curriculum für die Soziale Arbeit, stattdessen koordinieren die Hochschulen ihre Programme untereinander. Diese föderalistischen Strukturen überraschten die estnische Delegation besonders.Ein gemeinsamer Nenner in der sozialarbeiterischen Ausbildung der Schweiz ist der hohe Stellenwert der Praxisausbildung, was die estnische Delegation sehr beeindruckte. Im Gegensatz dazu ist Identität der Sozialen Arbeit in Estland eher organisatorisch als professionell geprägt. Die Aneignung praktischer Kompetenzen erfolgt dort meist erst im Berufsalltag und ist weniger in das Hochschulstudium integriert. Die Praxisausbildung wird daher in den kommenden Jahren ein zentrales Thema im SSIP bleiben.
Konzepte auf (Studien-)Reise
Dieser lernende Dialog erfordert viel Übersetzungsarbeit – nicht nur auf sprachlicher, sondern auch auf konzeptioneller Ebene. Denn Soziale Arbeit ist von unterschiedlichen sprachlichen, regionalen und nationalstaatlichen Traditionen geprägt. Das wurde besonders bei den Handlungs- und Arbeitsfeldern deutlich: Begriffe wie «Gemeinwesenarbeit» und «Soziokultur» können sich konzeptionell deutlich von «Community Work» oder «Urban Social Work» unterscheiden. Auch Bezeichnungen wie «Clinical Social Work» oder «Care Worker» mussten präzise definiert werden, damit alle Beteiligten ein gemeinsames Verständnis entwickeln konnten. Gleichzeitig gibt es deutschsprachige Konzepte wie die Sozialpädagogik, die auch in Estland verstanden, gelehrt und praktiziert werden.
Vielfalt hat viele Gesichter – und viele Deutungen
Auch geopolitische und demografische Unterschiede prägen die Diskurse – beispielsweise bei den Themen Diversität und Inklusion. In Biel beeindruckte etwa die gelebte Zweisprachigkeit der Stadt: Innerhalb weniger Sätze wechselten die Gesprächspartner*innen zwischen Deutsch und Französisch. Eine estnische Teilnehmerin merkte an, dass der spontane Wechsel zwischen Estnisch und Russisch selbst unter zweisprachigen Personen selten vorkomme. Generell sei die Sprache politisch aufgeladen, was mit den gewaltsamen Assimilationsversuchen zu tun hat, als Estland Teil des Russischen Zarenreichs oder der Sowjetunion war.Diese Nuancen und Unterschiede werfen im Projekt grundlegende Fragen auf: Wer bestimmt, was unter «Diversität» oder «Inklusion» zu verstehen ist? Wie werden diese gelebt? Und wie lassen sich solche normativen Konzepte über soziokulturelle und sprachliche Kontexte sowie geopolitische Realitäten hinweg übertragen? Der Austausch geht weiter, diesmal in umgekehrter Richtung: Im September 2026 reisen Studierende der BFH nach Estland, um diese Diskussionen und Fragen zu vertiefen und neue Einblicke in die dortige Praxis der Sozialen Arbeit zu erhalten.
Kontakt:
- Áron Korózs, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut Soziale und kulturelle Vielfalt
- Prof. Dr. Eveline Ammann Dula, Leiterin Institut Soziale und kulturelle Vielfalt
Projekte und Partner:
- Projektwebseite: Unterstützung der sozialen Inklusion in Estland
- Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten: Programme/Projekte in Estland
Weiterführende Links:
- Engler, Pascal (2022): Kompetenzerwerb in Praxisorganisationen, Eine Analyse der Kompetenzprofile der Fachhochschulen der Sozialen Arbeit in der Deutschschweiz, Inauguraldissertation, Universität Bern
- Sirotkina, Reeli (2024): From A Helping To An Empowering Profession - The Process Of Social Work Professionalisation In Estonia, Doctoral Dissertation, University of Helsinki