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Flucht und kulturelle Teilhabe im Dorf

12.08.2026 Wie gelingt es, Menschen aus Kollektivunterkünften und Dorfgemeinschaften zusammenzubringen – trotz Isolation, Sprachbarrieren und unsicherer Zukunft? Im Projekt JETZT.DA ermöglichen partizipative Ansätze eine Begegnung und machen verborgene Talente sichtbar. Die Erfahrungen liefern wertvolle Hinweise für mehr Teilhabe in ländlichen Gegenden.

Eine Schweizer und eine geflüchtete Frau beim Kunsthandwerk
Foto: Claske Dijkema

In der Schweiz haben rund 40 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Ihre Lebensrealitäten sind sehr unterschiedlich. Geflüchtete Menschen leben häufig in abgelegenen Kollektivunterkünften. Diese Segregation erschwert Begegnung und verstärkt die Unsichtbarkeit. Das Projekt JETZT.DA macht Menschen mit Fluchterfahrung sichtbar und ermöglicht neue Formen des Miteinanders im Dorf.

Begegnung entsteht nicht von allein

Eine zentrale Erfahrung aus dem Projekt ist, dass Begegnung aktiv gestaltet werden muss. Nach einer Pilotphase, in der die Talente und Interessen der Dorfbewohnenden sowie der Bewohner*innen der Kollektivunterkunft erkundet wurden, erfolgte der Projektstart bewusst in der Kollektivunterkunft selbst. Ein Kick-off mit Pizzaessen brachte rund 50 Personen aus der Unterkunft, dem Dorf und dem Projektumfeld zusammen. Dies schuf Raum für Austausch. Darauf bauten weitere partizipative Aktivitäten auf. Kunstworkshops erwiesen sich hier als geeignet, da sie einen Austausch ohne gemeinsame Sprache ermöglichen. Von Anfang an wurde darauf geachtet, dass Geflüchtete nicht nur teilnehmen: Sie organisieren Workshops, bringen eigene Ideen ein und treten als Expert*innen ihrer Fähigkeiten auf. Diese Verschiebung vom «Teilnehmen» zum «Mitgestalten» ist zentral für echte Teilhabe.

Ein Baustein im Projekt war die Zusammenarbeit mit den Freien Ateliers in Bern. Sie bieten einen offenen Raum, in dem Menschen unabhängig von Herkunft, Status oder künstlerischer Erfahrung gemeinsam kreativ arbeiten. Die Ateliers verstehen sich explizit als partizipativer Lern- und Erfahrungsraum, in dem nicht Wissensvermittlung im Vordergrund steht, sondern ein horizontales Verständnis von Lernen. Künstler*innen, die selbst Fluchterfahrung haben, begleiten beim Experimentieren, Malen und Gestalten. Die Workshops schaffen einen geschützten Raum, in dem sich Menschen ausprobieren können – unabhängig von Sprachkenntnissen oder Aufenthaltsstatus.

«Ich mache Kunst, um nicht verrückt zu werden.»

  • Natallia Hradanovich Initiatorin der Freien Ateliers

Entscheidend war auch die konsequente Beziehungsarbeit. Personen im Projektteam, die in den Kollektivunterkünften und lokal gut vernetzt sind, fungierten dabei als Brückenbauer*innen. Sie mobilisierten Teilnehmende, begleiteten sie zu Aktivitäten und sorgten für Kontinuität. Dies schuf Vertrauen, was für eine stabile Beteiligung sorgte. Wirksam war zudem die Anbindung an bestehende lokale Strukturen: Statt parallele Angebote aufzubauen, fanden die Aktivitäten während bestehender Veranstaltungen im Dorf statt, etwa am Generationen- oder Frauenfest. Dort wurden geflüchtete Frauen zu Mitgestalterinnen: Sie präsentierten ihre Werke und führten einen Workshop durch.

Herausfordernde Hürden

Die strukturelle Isolation geflüchteter Menschen in Kollektivunterkünften ist ein zentrales Hemmnis für Teilhabe. Solche Unterkünfte liegen oft abseits, Kontakte entstehen kaum zufällig. Auch knappe Mittel für Transport und oft unbekannte Wege erschweren die Beteiligung am öffentlichen Leben.

Dazu kommen Sprachbarrieren: Viele lokale Akteur*innen sind interessiert am Austausch, bezeichnen jedoch fehlende Deutschkenntnisse als Hindernis. Daher braucht es Formate, in denen Kommunikation auch nonverbal oder über gemeinsame Tätigkeit funktioniert.

Auch die unsichere Lebenssituation Geflüchteter ist nicht förderlich: ein unklarer Aufenthaltsstatus, häufige Transfers, traumatische Erfahrungen und Sorgen um nahestehende Menschen, die im Herkunftsland geblieben sind, erschweren es, Beziehungen aufzubauen. Viele Geflüchtete fragen sich: «Warum soll ich mich engagieren, wenn ich vielleicht bald wieder gehen muss?» Diese Unsicherheit erschwert ihre Beteiligung.

Nicht zuletzt spielen institutionelle Hürden eine Rolle: Nicht alle bestehenden Angebote sind tatsächlich partizipativ gestaltet, teilweise werden sie als paternalistisch erlebt. Teilhabe erfordert also mehr als eine Einladung.

Schliesslich zeigte sich, dass die Beteiligungsangebote nicht alle erreichen. Die initiierten Formate nutzen überwiegend Frauen. Dies könnte sich ändern, wenn zum Beispiel mehr Sportangebote dazu kämen.

Lessons Learned für die Praxis

Aus den Erfahrungen lässt sich Folgendes ableiten:

  1. Teilhabe braucht Zeit, Vertrauen und kontinuierliche Beziehungsarbeit.
  2. Niederschwellige, sprachunabhängige Formate sind entscheidend, um erste Begegnungen zu ermöglichen.
  3. Es ist zentral, geflüchtete Menschen als aktive Mitgestaltende einzubeziehen.
  4. Lokale Netzwerke und bestehende Strukturen sind wichtig: Wo Projekte andocken können, entstehen wirksame Verbindungen.

Ausblick

Auf der Grundlage der geschilderten Erfahrungen entsteht nun im Projekt eine Toolbox, die die erfolgreichen Methoden dokumentiert und für andere Gemeinden zugänglich macht. So sollen über den Projektkontext hinaus ländliche Gebiete inspiriert werden, neue Formen des Zusammenlebens zu erproben. Wenn es gelingt, Talente sichtbar zu machen und Menschen als Teil einer Gemeinschaft zu erleben, entsteht ein «Wir», das Vielfalt nicht trennt, sondern verbindet.

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