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Living Library: Ein Handbuch für den Dialog

25.02.2026 Was passiert, wenn Vorurteile Pause machen – und echte Menschen zu Wort kommen? In einer Living Library erzählen Personen von Erfahrungen, über die sonst selten gesprochen wird. Die BFH hat in einem Handbuch erfasst, was bei der Organisation und Durchführung einer Living Library beachtet werden sollte. So entsteht ein Raum, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen – offen, direkt und auf Augenhöhe.

Living Library

Wie erlebt eine Person mit einer Depression die Reaktionen ihres Umfelds auf die Diagnose? Wie ist es, in die Schweiz einzuwandern? Wie fühlt sich eine Frau, die ihre hochbetagte Mutter zu Hause pflegt? Was geht einem Kantonspolizisten durch den Kopf, wenn er sich für den Einsatz bereit macht? Dies sind alles Personen, mit denen nicht so einfach ins Gespräch zu kommen ist und über die häufig Vorurteile bestehen. Die Methode der Living Library bietet die Chance, auf Augenhöhe und jenseits von Vorteilen und Stereotypen ins Gespräch zu kommen. Wer sich darauf einlässt, kann das Leben anderer kennenlernen und mit ihnen in einen echten Dialog treten.

Was ist eine Living Library?

Wörtlich übersetzt, bedeutet Living Library «lebendige Bibliothek». Sie ist ein Anlass, an dem Menschen als «lebende Bücher» ausgeliehen werden können, die über ihre Erfahrungen, Erlebnisse, Gedanken und Emotionen zu einem bestimmten Thema berichten. Die ausleihenden Personen können und sollen nachfragen. Sie erfahren so beispielsweise, wie es sich anfühlt, wenn Freunde aufhören dich für gemeinsame Treffen anzufragen, weil du deine hochbetagte Mutter pflegst und in den letzten Jahren nie Zeit dafür hattest.

Ursprünglich entstand die Living Library anfangs der 2000er Jahre in der Prävention von Jugendgewalt. Sie wurde rasch in der Antirassismus-Arbeit übernommen und ist inzwischen global erfolgreich im Einsatz: analog und digital, auf Rädern oder in vier Wänden, an Universtäten, in Bibliotheken, in der (politischen) Bildungs- oder in der Gemeinwesenarbeit. Inhaltlich sind keine Grenzen gesetzt: es kann alles thematisiert werden, was Menschen bewegt und worüber «lebende Bücher» erzählen können.

Was ist denn so toll an dieser Methode?

Eine Living Library lässt sich überall dort einsetzen, wo ein gleichberechtigter Austausch auf Augenhöhe wichtig ist – zum Beispiel in Mitwirkungsveranstaltungen bei Gemeindeprojekten oder wenn in Jugendtreffs Vorurteile gegenüber einer bestimmten Gruppe abgebaut werden sollen. Sie wirft Licht auf Bedürfnisse und Erfahrungen von Personengruppen, die sonst nur schwer zugänglich sind und deshalb häufig vergessen gehen. Sie ist themenoffen und benötigt keine spezifische Ausbildung. All das macht sie für Organisationen der Sozialen Arbeit oder der Gesundheit spannend. Die Living Library benötigt keine monatelange Planung, sie erfordert keine grossen finanziellen Ressourcen, sie schliesst niemanden von Vornherein aus, sie wirft Licht auf Bedürfnisse und Wünsche der Zielgruppen. Die Living Library macht insbesondere da Sinn, wo Partizipation und Dialog mit Leben gefüllt werden sollen.

Wie führt man eine Living Library durch?

Für eine erfolgreiche Durchführung müssen einige Punkte und Haltungen beachtet werden. Sie sind in einer niederschwelligen und grafisch ansprechend gestalteten Anleitung festgehalten, die ein Team der Berner Fachhochschule erarbeitet hat. Auslöser dafür war die Durchführung einer Living Library zum Thema Sorge-Arbeit am Feministischen Streik 2023. Kernstück des Handbuchs ist eine praktische Schritt-für Schritt-Anleitung für die Planung und Durchführung einer Living Library. Der Kern der Anleitung stellt eine übersichtliche Visualisierung aller Schritte dar. Sie benennt Chancen, Gelingensfaktoren, Herausforderungen und enthält eine detaillierte Checkliste, die bei jedem Schritt unterstützt, damit nichts vergessen geht. Wer tiefer eintauchen möchte, findet im Manual zudem eine theoretische Einordnung der Methode, eine Beschreibung möglicher Formen und Anwendungsgebiete, Informationen zur historischen Entstehung und weiterführende Literatur.

Grafik zum Vergrössern und für Download anklicken; Copyright: Beatrice Kaufmann; Quelle: Franiek, M. J. et al. (2025). Living Library für die Hochschule: ein Handbuch. Berner Fachhochschule

Das Manual wurde ursprünglich für den Einsatz in Lehre und Forschung an einer Hochschule entwickelt. Es bietet aber auch allen interessierten Organisationen ausserhalb des Hochschulkontexts eine «griffige» praxisorientierte Anleitung und Orientierung. Wir freuen uns daher über Rückmeldungen, wie die Methode der Living Library an anderen Orten eingesetzt wurde und welche Erfahrungen daraus resultierten. Diese helfen uns, das Manual bei der nächsten Überarbeitung für eine breitere Anwendung zu ergänzen.

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