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Mit jugendlichen Straftätern gemeinsam Gefängnisse gestalten

17.09.2025 Geschlossene Einrichtungen für Jugendliche erfordern hohe Sicherheitsstandards, sind jedoch oft nicht optimal auf die Bedürfnisse der Bewohnenden abgestimmt. Ein interdepartementales Team der Berner Fachhochschule BFH hat ein Vorgehen erarbeitet, mit dem diese Räume zusammen mit den Betroffenen nachhaltig und bedarfsgerecht gestaltet werden können.

Foto: istock lovro77

Jugendliche im Straf- und Massnahmenvollzug sind in Gebäuden untergebracht, die oft unzureichend auf ihre lebensphasen- und situationsspezifischen Bedarfe sowie auf den Resozialisierungsauftrag der Einrichtungen abgestimmt sind. Dies kann die Beziehungsgestaltung in den Institutionen erschweren und Aggressionen auslösen. Grund dafür ist, dass die Gebäude teilweise ursprünglich für andere Zwecke errichtet wurden, in ihren Raumnutzungsmöglichkeiten und -funktionen stark vordefiniert sind und zahlreiche Sicherheitsstandards erfüllen müssen.Ein Forschungsteam aus Architekten und Sozialarbeitenden der BFH sowie einer externen Projektpartnerin hat ein Vorgehen entwickelt, wie Räumlichkeiten im Jugendstraf- und -massnahmenvollzug gemeinsam mit Jugendlichen und Fachkräften niederschwellig und bedarfsgerecht gestaltet werden können. Die Räume sollen Sicherheitsstandards erfüllen und gleichzeitig beziehungsfördernd wirken, Gewalt reduzieren sowie positive Partizipations- und Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen.

Partizipation im Jugendstraf- und -massnahmenvollzug

Da der Bedarf an räumlicher Optimierung gross ist, stiess das Projekt in den Institutionen auf eine unerwartet hohe Mitwirkungsbereitschaft. Und für die Jugendlichen bedeutete es eine willkommene Abwechslung im ansonsten vorhersehbaren Alltag. In den stark strukturierten sozialpädagogischen Settings war die partizipative Arbeit mit den jugendlichen Straftätern jedoch eine Herausforderung. Ihr Alltag ist eng getaktet und von klaren Hierarchien zu den Fachkräften geprägt. Dies lässt wenig Raum für Mitbestimmung. Damit Partizipation gelingen kann, muss der Raumgestaltungsprozess daher ein Stück weit aus diesen Hierarchien herausgelöst werden. Die Perspektive aller Beteiligten – ob Straftäter*innen oder Fachpersonen – ist gleichwertig. Zugleich dürfen pädagogisch-therapeutische Ziele nicht durch individuelle Raumvorlieben unterlaufen werden. Wenn die Gestaltung der Räume die Jugendlichen beispielsweise an das Milieu erinnert, in welchem sie kriminell wurden und von dem sie Distanz gewinnen sollten, würde dies die Resozialisierung erschweren.

Von Fragen zu Lösungen

Im Projekt sollte vermieden werden, dass die partizipative Raumgestaltung in einen Machtkampf um Geschmäcker mündet. Daher nimmt das entwickelte Vorgehen das individuelle Raumerleben der Beteiligten zum Ausgangspunkt und stellt schnelle Lösungsideen zunächst zurück. Räume besitzen bestimmte erlebbare Eigenschaften und mögliche Dysfunktionalitäten. Bei einer gemeinsamen Begehung der Räume sorgen sensibilisierende Fragen dafür, dass die Teilnehmenden miteinander über ihr individuelles Erleben von Räumen sprechen, die durch Beschädigungen auffallen und Schauplatz von Konflikten sind. Wie werden die Lichtverhältnisse und die Farbgebung des Raumes erlebt? Welche Materialien werden als angenehm, welche als unangenehm empfunden? Entspricht die Möblierung den Tätigkeiten, die im Raum stattfinden?

Auf dieser Basis werden partizipativ Gestaltungsbedarfe identifiziert. Berücksichtigt werden dabei sowohl die bestehende praktische Nutzung, die geäusserten Wünsche und Potenziale der Raumnutzung sowie die pädagogisch-therapeutischen Zielsetzungen und Sicherheitsvorgaben. Neben den Jugendlichen nehmen deshalb auch Sozialpädagog*innen, Therapeut*innen, Arbeitsagog*innen und Sicherheitspersonal am Prozess teil. Mit der Unterstützung von Architekt*innen werden anschliessend raumwirksame Lösungen entwickelt. Diese werden soweit als möglich in den Ausbildungsstätten der Institutionen umgesetzt und über die Instandhaltungskosten finanziert. Die eigentliche Raumgestaltung erfolgt in Form eines mehrmonatigen Workshop-Prozesses mit Jugendlichen und Fachkräften vor Ort.

Mehr als nur gestaltete Räume

Der partizipative Zugang gewährleistet, dass die Räume aus den Perspektiven der unterschiedlichen Nutzer*innengruppen erfahrungsbasiert und bedarfsgerecht gestaltet werden. Dadurch werden potenzielle Aggressionsauslöser reduziert und zugleich die Verantwortungsübernahme und das Erleben von Selbstwirksamkeit bei den Jugendlichen gestärkt. Dies erhöht ihre Identifikation mit den gestalteten Räumen. Im Ergebnis entstehen Räume, die Sicherheit und Orientierung bieten, Begegnung ermöglichen und Gewalt wirksam vorbeugen. 

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