- Blogbeitrag
Warum Reiche länger leben
11.05.2016 Das Thema Armut wird in der reichen Schweiz häufig tabuisiert. Zudem leiden arme Menschen häufiger an gesundheitlichen Problemen, die ihre Chancen auf ein besseres Leben zusätzlich vermindern. Die nationale Tagung Gesundheit & Armut des BFH-Zentrums Soziale Sicherheit sucht nach Lösungsansätzen, um diesen Teufelskreis zu überwinden.
Die Wechselwirkung zwischen Armut und Gesundheit ist lange bekannt, sie erscheint uns beinahe schon als Selbstverständlichkeit. Wir haben uns daran gewöhnt. Die Medien präsentieren täglich Bilder von menschlichem Elend in Krisengebieten der Welt und in unserer Alltagsumgebung ist uns der Anblick ausgemergelter DrogenkonsumentInnen oder verelendeter obdachloser Menschen längstens vertraut.
Die tatsächlichen Zusammenhänge sind allerdings weniger offensichtlich: Armut als Lebenslage und die damit verbundene Ausgrenzung als gesellschaftlicher Prozess werden häufig verdrängt und tabuisiert. Gemäss dem Bundesamt für Statistik waren 2012 in der Schweiz 590’000 Personen von Einkommensarmut betroffen, weitere 1,19 Millionen Personen waren armutsgefährdet. Von Armut betroffen sind in der Schweiz vor allem Alleinerziehende, Kinder und Jugendliche, Langzeitarbeitslose, ältere Frauen, Personen mit geringer beruflicher Qualifikation sowie Migrantinnen und Migranten.
Nationale Tagung Gesundheit & Armut
Freitag, 24. Juni 2016 in Bern
Durch die negative Bewertung von Armut laufen Betroffene in unserer Gesellschaft Gefahr zu Tätern abgestempelt zu werden: wer unter Armut und Ausgrenzung leidet ist "selber schuld" an seiner Lebenslage, lässt sich gehen, ist nicht aktiv genug, bemüht sich nicht ausreichend. Dazu kommt, dass Arme schlechter gegen Krankheiten und ihre Folgen abgesichert sind. Immer noch gibt es auch in der Schweiz Menschen ohne Krankenversicherung (z.B. Sans Papiers) und für Versicherte in finanziell schwieriger Lage ist bereits der Selbstbehalt einer Behandlung unerschwinglich. Durch Krankheitskosten und Zuzahlungen erhöht sich wiederum das Armutsrisiko. Durch Verzicht auf Behandlung verschlimmern sich Erkrankungen und gesundheitliche Beeinträchtigungen. Ein Teufelskreis, den man, will man ihn verstehen, genauer ansehen muss.Diagramm: Zusammenhänge zwischen sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit nach Rosenbrock
Armut und Krankheit: Ein Teufelskreis
Die im "Black-Report" zu Beginn der 80er Jahre von Townsend und Davidson veröffentlichten Erklärungsansätze für gesundheitliche Ungleichheiten sind bis heute Ausgangspunkt von empirischen wie theoretischen Überlegungen.
- Krankheit macht arm: Die "soziale Selektionshypothese" geht davon aus, dass Krankheit und schlechte Gesundheit zu sozialen Problemen führen. Wer krank ist, steigt ab, wer gesund ist, steigt auf. Der Gesundheitszustand bestimmt den sozioökonomischen Status.
- Armut macht krank: Es besteht aber auch ein Zusammenhang in die andere Richtung. Über Einkommen, Beruf, Bildungsabschlüsse und soziale Teilhabe ergeben sich unterschiedliche Lebensbedingungen mit unterschiedlichen Wohnverhältnissen, Arbeitsplätzen und Erholungsräumen. Dadurch werden die Alltagsbelastungen ungleich verteilt und führen zu höheren gesundheitlichen Risiken bei armutsgefährdeten Personen. Sei dies physisch, wie durch die schlechte Luftqualität in Wohnungen an verkehrsbelasteten Strassen, oder psychisch, wie etwa der chronische Stress in einem prekären und unsicheren Alltag.
Diese Erklärungsansätze schliessen einander nicht aus, im Gegenteil, sie setzen an verschiedenen Seiten und Enden der Wirkungsmechanismen sozialer und gesundheitlicher Ungleichheiten an. Kurz gefasst: zum höheren Krankheits- und Sterberisiko von Armut betroffener Menschen führen die Unterschiede
- in den gesundheitlichen Belastungen
- in den Bewältigungsressourcen und Erholungsmöglichkeiten
- in der gesundheitlichen Versorgung und
- im Gesundheits- und Krankheitshandeln.
Es liegt auf der Hand, dass Abhilfe nicht durch einzelne Akteure sondern durch eine gesundheitsförderliche Gesamtpolitik geschaffen werden kann. Wie diese aussehen könnte und welche Lösungsansätze die gesundheitliche Chancengleichheit in der Schweiz erhöhen würden, diskutiert das BFH-Zentrum Soziale Sicherheit an der zweiten nationalen Tagung Gesundheit & Armut vom 24. Juni 2016 in Bern.
Kontakte
Informationen und Partner
Literatur
- Rosenbrock, Rolf (2006):Primärprävention als Beitrag zur Verminderung sozial Bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen. In Richter, M. / Hurrelmann, K. (Hg.): Gesundheitliche Ungleichheit. Grundlagen, Probleme, Perspektiven, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 371-388.
- Townsend, P. / Davidson, N. (HG.) (1982): Inequalities in Health. The Black Report and the Health Divide. Harmondsworth: Penguin Books