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Wer verzichtet? Hemmungen beim Sozialhilfebezug

04.03.2026 Der Sozialstaat soll Armut verhindern. Doch ein beträchtlicher Teil der Anspruchsberechtigten verzichtet auf staatliche Unterstützung. Neue Analysen der BFH zeigen: Gerade besonders vulnerable Gruppen äussern die grössten Hemmungen gegenüber einem Sozialhilfebezug.

Nichtbezug Illu

Der moderne Sozialstaat wurde von der Nachkriegszeit bis in die 2000er-Jahre kontinuierlich ausgebaut. Seither drehten sich sozialpolitische Fragen zunehmend um Sparbemühungen und Verteilungsfragen. Auch wenn punktuelle Leistungsausweitungen – wie etwa die 13. AHV-Rente – möglich bleiben, prägen wiederkehrende Diskussionen über «unwürdige Bedürftige» die sozialpolitische Debatte. Jüngst gewannen in europäischen Ländern wohlfahrtschauvinistische Argumentationsmuster an Einfluss. Dabei geraten insbesondere Leistungen für vulnerable Gruppen unter Druck, da diese Gruppen im politischen Wettbewerb um Ressourcen wenig Verhandlungsmacht besitzen. Vor diesem Hintergrund wird eine Beobachtung besonders relevant: Ein Teil der Personen, die mit weniger als dem sozialen Existenzminimum leben, bezieht keine Sozialhilfe, obwohl sie ihnen zustünde. Zu einem solchen Nichtbezug können vielfältige Gründe führen. In der Literatur werden häufig Wissenslücken, administrative Hürden, mögliche Konsequenzen wie die drohende Rückzahlungspflicht aber auch psychologische Hemmnisse und soziale Ängste angeführt. Unabhängig von den Gründen markiert das sogenannte Nichtbezugsphänomen eine faktische Grenze des Sozialstaates, was Fragen zur Wirksamkeit von Sozialleistungen aufwirft.

Nichtbezug von Sozialhilfe: ein verbreitetes Phänomen

Die Ausgestaltung der Sozialhilfe ist kantonal unterschiedlich geregelt, was schweizweite Schätzungen erschwert. Analysen der Berner Fachhochschule für einzelne Kantone zeigen, dass zwischen 25 und 40 Prozent der Anspruchsberechtigten keine Sozialhilfe beziehen. Auch das nationale Armutsmonitoring bezeichnet den Nichtbezug als zentrale Herausforderung. Vor diesem Hintergrund wurde 2023 im Rahmen der Erhebung über die Einkommen und Lebensbedingungen (SILC) eine repräsentative Befragung zu Hemmnissen beim Bezug von Bedarfsleistungen durchgeführt. Die BFH wurde mit der Auswertung mandatiert. Eine zentrale Frage lautete: «Würden Sie Sozialhilfe beanspruchen, wenn Sie aufgrund finanzieller Schwierigkeiten dazu berechtigt wären?» Rund ein Viertel der Befragten gab an, dies ganz sicher oder wahrscheinlich nicht zu tun.

Vulnerable Gruppen äussern häufiger Hemmungen

Vertiefende Regressionsanalysen zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen. Personen mit sehr hohen Einkommen äussern deutlich weniger Hemmungen als Personen mit tiefem Einkommen. Auch beim Bildungsniveau zeigt sich ein klarer Verlauf: Die stärksten Hemmungen finden sich bei Personen mit niedriger Bildung, während hochgebildete Personen eher angeben, Leistungen im Bedarfsfall zu beanspruchen. Besonders ausgeprägt sind die Unterschiede nach Nationalität und Bürgerstatus. Schweizer*innen äussern die geringsten Hemmungen. Es folgen Zugewanderte aus dem EU/EFTA-Raum, am stärksten ausgeprägt sind die Hemmungen bei Personen aus Drittstaaten.

Grafik Hemmungen Bezug Sozialhilfe

Selbstwahrnehmung und Legitimitätsvorstellungen

Zur weiteren Einordnung dieser Ergebnisse bietet sich die Deservingness-Forschung an, die aufzeigt, nach welchen Kriterien Menschen Legitimitätsvorstellungen zu sozialstaatlichen Ansprüchen entwickeln. Darin werden fünf zentrale Kriterien beschrieben:

  1. Kontrolle: Wie stark wird die Person als selbstverantwortlich für ihre Lage wahrgenommen?
  2. Gruppenbezogene Zuschreibungen: Welche Stereotype bestehen gegenüber ihrer sozialen Gruppe?
  3. Reziprozität: Wird angenommen, dass die Person zur Gesellschaft beiträgt oder beigetragen hat?
  4. Identität: Gehört die Person zur eigenen sozialen oder nationalen Gruppe?
  5. Bedürftigkeit: Wie stark ist die wahrgenommene Bedürftigkeit?

Intuitiv liesse sich vermuten, dass besonders vulnerable Gruppen aufgrund hoher wahrgenommener Bedürftigkeit weniger Hemmungen haben sollten. Die empirischen Resultate sprechen jedoch dagegen. Offenbar überlagern Kriterien wie Reziprozität, Identität und gruppenbezogene Zuschreibungen das Bedürftigkeitskriterium. Personen mit hohem sozioökonomischem Status nehmen einen Leistungsbezug weniger als Identitätsbruch wahr, da sie sich als vollwertige Mitglieder einer Gesellschaft verstehen, zu der sie ihren Teil beitragen. Für Personen mit tiefem sozialem Status kann ein Leistungsbezug jedoch stärker mit Stigmatisierungsängsten verbunden sein. Bei Migrant*innen dürften zusätzlich Fragen der Zugehörigkeit, internalisierte Fremdzuschreibungen und befürchtete migrationsrechtliche Konsequenzen eine Rolle spielen.

Nichtbezug als sozialpolitisches Risiko

Die Befunde zeigen ein Paradox: Die grössten Hemmungen finden sich gerade bei jenen Gruppen, die das höchste Armutsrisiko aufweisen. Erreichen Sozialleistungen, die gegen negative Folgen von Armut schützen sollen, die Betroffenen nicht, ist dies nicht nur ein administratives Problem, sondern kann weitere erhebliche Probleme mit sich bringen – etwa eine sich verschlechternde Gesundheit oder dass Armut an die nächste Generation weitergegeben wird. Dass auf nationaler und kantonaler Ebene Initiativen zur Reduktion des Nichtbezugs laufen, ist deshalb begrüssenswert. Unsere Analysen lassen vermuten, dass sowohl strukturelle als auch mentale Barrieren bestehen. Die Wirksamkeit von Massnahmen zur Reduktion des Nichtbezuges wird wesentlich davon abhängen, ob es gelingt, nicht nur administrative Hürden zu senken, sondern auch Fragen der Legitimität, Zugehörigkeit und der Selbstwahrnehmung aufzunehmen.

Nationales Armutsmonitoring

Der erste Bericht des nationalen Armutsmonitoring wurde am 26. November 2025 vom Bundesamt für Sozialversicherung veröffentlicht. Das Monitoring stellt Bund, Kantonen und Gemeinden Steuerungswissen zur Verfügung, um Armut in der Schweiz wirksam zu verhindern und zu bekämpfen.

Die BFH war an der Ausarbeitung des Monitorings mit diversen begleitenden Studien beteiligt. Diese Studien werden auf knoten & maschen in einer Mini-Reihe vorgestellt:
– Armut verstehen und Armut überwinden (3. Dezember 2025)
– Unterbeschäftigung, Armut und Care-Arbeit (28. Januar 2026)
– Wer verzichtet? Hemmungen beim Sozialhilfebezug (4. März 2026)

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