Hinschauen statt fürchten: Ein Plädoyer für aufgeklärten KI-Optimismus

06.10.2026 Die Hälfte meiner Wirtschaftsinformatik-Erstsemester findet künstliche Intelligenz unheimlich. Das ist kein Grund zur Panik, aber ein Auftrag an Bildungseinrichtungen.

Semesterstart, erste Vorlesung, Erstsemester-Grundlagenveranstaltung der Wirtschaftsinformatik. Auf dem Papier sitzt hier ein Raum voller Technologieoptimisten. Ich frage meine Studierenden, wie sie auf die jüngsten Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz blicken. Das Ergebnis ist ein Riss mitten durch den Hörsaal: Die eine Hälfte ist optimistisch, die andere tief verunsichert. Der Angriff von KI-Agenten auf die Plattform Hugging Face, die Forderung der Chefs von Anthropic und OpenAI nach einem langsameren Entwicklungstempo und die anhaltende Debatte über eine allgemeine künstliche Intelligenz (AGI) haben Spuren hinterlassen.

Was in der Diskussion auffällt: Kaum jemand fürchtet ein konkretes Katastrophenszenario. Stattdessen fallen immer wieder dieselben Worte: «mulmig», «unheimlich», «gruselig».

Wenn die Hälfte der künftigen Wirtschaftsinformatikerinnen und Wirtschaftsinformatiker so über KI denkt, sollten wir das ernst nehmen. Vor allem sollten wir genau hinhören, was da eigentlich gesagt wird. Denn Grusel ist nicht dasselbe wie Angst.

Die Psychologen Francis McAndrew und Sara Koehnke haben das Phänomen erst 2016 in einem Aufsatz in New Ideas in Psychology systematisch beschrieben. Für die Forschung ist das Konzept also noch jung. Ihr Befund: Grusel entsteht nicht dort, wo eine Gefahr klar erkennbar ist. Er entsteht in ambivalenten, schwer durchschaubaren Situationen, in denen wir nicht wissen, ob überhaupt eine Bedrohung besteht. Wer vor einem Löwen steht, hat Angst. Wer nachts ein Geräusch im Haus hört und nicht weiss, woher es kommt, der gruselt sich.

Genau hier liegt der Kern der KI-Debatte. Das mulmige Gefühl meiner Studierenden rührt nicht von einer konkreten Gefahr für Leib und Leben her. Es rührt von Unwissen, von Intransparenz und von einer Kommunikation, die zwischen Heilsversprechen und Weltuntergang pendelt. Wer abwechselnd hört, KI werde alle Krankheiten heilen und die Menschheit auslöschen, dem wird es verständlicherweise mulmig. Eine vernünftige Reaktion auf das derzeitige Informationschaos.

Ohne Folgen ist dieser Grusel nicht, denn er hat konkrete Konsequenzen für unser Denken und Handeln. Meine eigene Forschung zu Grusel im Umgang mit intelligenten Technologien zeigt: Intransparenz erzeugt Grusel, und Grusel erzeugt Widerstand. Dafür braucht es keine konkrete Bedrohung. Ein mulmiges Gefühl reicht, und Menschen wenden sich ab, ohne dass je etwas passiert ist. Wenden sich junge Menschen von KI ab, bevor sie sie verstanden haben, ist der Preis hoch.

Deshalb sage ich als bekennender Technologieoptimist: kein Grund zur Panik, aber Grund zum Handeln. Bedrohungsszenarien lassen sich immer zeichnen, und manche verdienen eine nüchterne Prüfung. Die Antwort auf Grusel ist aber weder Beschwichtigung noch Alarmismus. Sie lautet: Licht anmachen. Das ist eine Bringschuld. Natürlich: Unternehmen sollten offenlegen, was ihre Systeme können und was nicht. Die Politik muss erklären, statt nur zu reagieren.

Darauf alleine jedoch sollten wir nicht bauen. Mein Appell richtet sich daher vor allem an uns selbst: Hochschulen dürfen sich nicht hinter Fachjargon verstecken. Wir müssen sagen, was ist. Wie funktionieren diese Systeme? Wo liegen die realen Risiken? Wo endet das Wissen, und wo beginnen Spekulation und Science-Fiction?

Mein Ziel für dieses Semester ist deshalb klar: nicht darüber reden, sondern aufklären. Optimismus, der auf Verstehen beruht, ist robuster als jeder Grusel, der aus dem Dunkeln kommt. Gelingt es, aus Studierenden – ganz im Sinne des humboldtschen Bildungsideals – informierte Gestalterinnen und Gestalter zu machen, wächst hier die nächste Generation vernünftiger, mündiger Technologieoptimistinnen und Technologieoptimisten heran. Diese Generation fürchtet KI nicht, sondern umarmt ihre Möglichkeiten.

Das Unheimliche verschwindet, sobald man hinschaut. Also schauen wir hin.

Über den Autor

Stefan Raff-Heinen ist Professor für Technologiemanagement am Institut Digital Technology Management an der BFH und Research Affiliate an der MIT Sloan School of Management.

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