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Dialog leben. Zusammen für mehr Sicherheit im Quartier
08.01.2026 Im Dezember führte die BFH die Tagung «Sicherheit im Dialog» durch. Berner*innen diskutierten mit Fachpersonen aus der Sozialen Arbeit, der Polizei, der Informationstechnologie und der Architektur über Sicherheit. BFH-Dozentin Simone Brauchli sprach mit einer Quartierarbeiterin und einem Polizisten über Möglichkeiten der Zusammenarbeit.
Das Wichtigste in Kürze
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Dialog: Quartierarbeit und Polizei zeigen, wie Nähe, Präsenz und niedrigschwellige Begegnungen Ängste abbauen.
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Zusammenarbeit: Im partnerschaftlichen Miteinander von Sozialer Arbeit und Polizei können Konflikte früh erkannt, deeskaliert sowie gemeinsam gelöst werden.
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Herausforderungen: Armut, Verdrängung und Nutzungskonflikte machen deutlich, warum vernetzte Akteure, engagierte Bewohner*innen und politischer Rückhalt wichtig sind.
Was verstehen Sie unter «Sicherheit im öffentlichen Raum»?
Schletti: Für mich bedeutet es, dass ich mich in meinem Wohnumfeld wohlfühle und mich frei und ohne Angst bewegen kann. Es hat mit Vertrauen und Vertraulichkeit zu tun.
Mäusli: Da stimme ich zu. Die Kantonspolizei Bern soll für «Ruhe und Ordnung» sorgen, und die Bewohner*innen sollen sich sicher fühlen.
Wer sind Brigitte Schletti und Hans-Peter Mäusli?
Brigitte Schletti ist Sozialwissenschaftlerin und arbeitet seit zehn Jahren bei der Berner Gemeinwesenarbeit. Sie hat den Standort Bümpliz mit aufgebaut. Als Quartierarbeiterin im Kleefeld fördert sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt durch niederschwellige Informations- sowie Teilhabemöglichkeiten und unterstützt verschiedene Initiativen der Bewohner*innen. Zu ihrem Auftrag gehört auch die Netzwerkarbeit, unter anderem mit der lokalen Polizei.
Hans-Peter Mäusli ist seit 25 Jahren Polizist in der Stadt Bern und seit elf Jahren Bezirkschef der Kantonspolizei in Bümpliz, wo er rund 25 Polizist*innen führt. Neben dem Alltagsgeschäft ist er mit verschiedenen Institutionen, beispielsweise Schulen, im Austausch, um Probleme präventiv zu bearbeiten. Um die Nähe zur «Strasse» zu behalten, ist er weiterhin als Einsatzleiter und im Streifendienst tätig.
Können Sie ein Beispiel aus Ihrem Berufsalltag schildern, das illustriert, wie Ihnen das Thema Sicherheit begegnet?
Schletti: Wenn wir Räume gestalten, in denen wir Begegnungen ermöglichen, leisten wir einen grossen Beitrag zum Sicherheitsgefühl. Entstehen Kontakte zwischen den Generationen, werden Ängste abgebaut. Gerade in grossen Quartieren ohne offensichtliche Gemeinsamkeiten gehört der andere dann nicht mehr zu einer anonymen Masse, sondern erhält ein Gesicht.
Mäusli: Wir arbeiten sehr auf eine bürger*innennahe Polizei hin. Wir ermutigen unsere Polizist*innen, zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs zu sein. Die Polizist*innen werden auch eher angesprochen, wenn sie allein unterwegs sind. Es hilft, den Kaffee im Quartier zu trinken. Die Uniform kann abschrecken, doch ich versuche zu zeigen: Hinter der Uniform steckt ein Mensch. So versuche ich, Brückenbauer zu sein. Unsere Schwerpunktgruppe «Jugend» ist dagegen zivil unterwegs. Das sind Polizist*innen, die die Jugendlichen kennen. Ohne Uniform kommen sie sehr viel schneller ins Gespräch, weil niemand an der Strassenecke denkt, der Jugendliche habe mit der Polizei zu tun. Das ist für uns ein Beispiel für präventive Jugendarbeit und damit auch Sicherheitsarbeit. Wir vermitteln niederschwellige Hilfsangebote wie Suchtberatungen oder geben manchmal einfach einen praktischen Rat.
Schletti: Das ist bei uns ähnlich. Wir gehen auch möglichst viel raus, um Begegnungen zu ermöglichen. Für uns ist das jedoch oft schwieriger, weil wir keine Uniform tragen und die Bevölkerung uns nicht sofort erkennt.
«Ich sehe Situationen nun weniger schwarz-weiss. Als Polizist war ich gewohnt, sofort nach Lösungen zu suchen. Polizeiinterne Weiterbildungen und die Soziokultur haben mir aufgezeigt, wie ich mit Dialog weiterkomme.»
Was macht es herausfordernd, im öffentlichen Raum Sicherheit zu gewährleisten?
Mäusli: Ich sehe die Integration als herausfordernd. In Bümpliz leben Menschen aus so vielen Ländern, dass ein Zusammenleben nach dem Gesetz oft schwierig ist.
Schletti: Für mich hängt das mit den verschiedenen Formen von Diskriminierung zusammen. Die grosse Heterogenität erfordert heute mehr Akzeptanz von der Bevölkerung. Dass diese Vielfalt auch positive Seiten hat, ist die Herausforderung, die wir als Quartierarbeiter*innen annehmen, indem wir Begegnungen schaffen und Vorurteile abbauen. Dem steht jedoch die Tendenz zur Gentrifizierung entgegen, die sozial durchmischte Quartiere seltener macht.
Mäusli: In manchen Quartieren beobachten wir eine zunehmende Armut und damit oft auch eine wachsende Perspektivlosigkeit – das kann zu einem Sicherheitsproblem werden. Die Immobilienverwaltungen sollten meiner Meinung nach sozialverträglich sanieren, damit Wohnraum bezahlbar bleibt. Sie sollten soziale Aspekte der Stadtentwicklung stärker berücksichtigen, denn egal aus welchem Lager die Akteur*innen kommen: Nur gemeinsam kommen wir weiter.
Welche Rolle spielen Quartierbewohner*innen in Sicherheitsfragen?
Schletti: Ich möchte dies mit einem Beispiel verdeutlichen. In einer der ärmsten Strassenzüge Berns wohnen viele marginalisierte Anwohner*innen. Gleichzeitig gibt es dort recht viele Grünflächen. Seit 2018 haben wir verschiedene Massnahmen zur Aufwertung verwirklicht, etwa Hochbeete, Aussenmöblierung. Ein längerfristiges Projekt war, an einem der Häuser im Besitz der Stadt Bern ein Wandbild zu realisieren. Die Künstler*innen entwickelten gemeinsam mit Bewohner*innen ein Motiv und setzten es gemeinsam um. Das hat unglaublich viel ausgelöst: Es gab zahlreiche Begegnungen und die Nachbarschaft hat sich besser kennengelernt.
Gleichzeitig sind Investitionen der Gebäudeverwaltungen nötig. Nach anfänglicher Skepsis entstehen nun Pilotprojekte, beispielsweise Gärten, mit enormem Gewinn für das Zusammenleben. Konflikte können aber entstehen, wenn privater und öffentlicher Raum ineinander übergehen. So beschweren sich Bewohner*innen zum Teil über zu lange dauernde Feste oder Grilladen. Hier gilt es, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Mäusli: Wo der Dialog verloren geht, wird oft die Polizei gerufen. Oft steckt dahinter die Angst vor Aggression oder Kriminalität. Aber ein Gespräch unter Nachbar*innen in einem normalen Ton hilft meist schon, und die Polizei wäre gar nicht notwendig.
In welchen sicherheitsrelevanten Situationen begegnen sich Polizei und Sozialarbeit im beruflichen Alltag konkret?
Mäusli: Im Stadtteil 6 gibt es monatlich eine Sitzung zwischen verschiedenen Akteur*innen der Soziokultur und der Kantonspolizei Bern, um Beschwerden, die die Bevölkerung eingibt, zeitnah zu deeskalieren und Lösungen für die Konflikte zu finden. Dort entscheiden wir, ob wir die Situation niederschwellig gemeinsam mit der Sozialarbeit lösen oder repressiv vorgehen müssen. Das ist einzigartig in der Stadt Bern.
Wie hat dies die Zusammenarbeit zwischen der Sozialen Arbeit und der Polizei verändert?
Mäusli: Ich sehe Situationen nun weniger schwarz-weiss. Als Polizist war ich gewohnt, sofort nach Lösungen zu suchen. Polizeiinterne Weiterbildungen und die Soziokultur haben mir aufgezeigt, wie ich im Dialog weiterkomme. Anfangs musste ich mich daran gewöhnen. Inzwischen sehe ich darin einen Gewinn, weil wir mehr Handlungsoptionen haben. Das Quartier-Netzwerk ist hier wichtig, um gute Kompromisse zu finden.
Schletti: Wir von der Sozialarbeit konnten unsere Vorurteile gegenüber der Polizei abbauen. Früher sahen wir uns eher als Kontrahent*innen – Repression gegen Prävention. Inzwischen haben wir gelernt, auch die Perspektive der Polizei zu verstehen. Jede*r bleibt in der eigenen Rolle, aber gemeinsam suchen und finden wir Lösungen. Es ist wichtig, diese Vorurteile auch in der Bevölkerung abzubauen; die Polizei sollte sich bewusst sein, dass sie bei bestimmten Personen Unsicherheit auslöst.
Mäusli: Deshalb versuchen wir, deeskalierend vorzugehen, indem wir zum Beispiel im Ordnungsdienst ohne Helm, im Uniformdienst mit dem Velo oder zu Fuss ins Quartier kommen. Da haben wir grosse Fortschritte gemacht.
Was bräuchte es aus Ihrer Sicht noch in der interprofessionellen Kooperation?
Mäusli: Bei den meisten runden Tischen, die ich besuche, geht es um die gleichen Probleme – meist Nutzungskonflikte. Meiner Ansicht nach könnten wir mehr Synergien zwischen den Institutionen der Soziokultur nutzen, um konkret Lösungen zu finden. Warum soll das Beschwerde-Management von Bümpliz nicht auch in anderen Quartieren funktionieren? Warum fordert die Stadt nicht auch andere Stadtteile dazu auf, dies auszuprobieren?
Schletti: Auch bei Schulen oder Immobilienfirmen fehlt bisher die ausreichende Zusammenarbeit. Die Überzeugungsarbeit beginnt dort jeweils bei null, denn wir sind auf diese Entscheidungsträger angewiesen. Allerdings ist für die Soziale Arbeit die Kleinräumigkeit ein Vorteil. Wir sind dadurch sehr nah bei den Leuten und können zeitnah handeln.
Wohin könnte sich die Zusammenarbeit in Zukunft entwickeln?
Schletti: Ich würde mich freuen, wenn die Arbeit in Zukunft weiterbesteht und die Polizei die Bürger*innennähe noch stärker lebt. Gesellschaftliche Probleme wie Ungleichheit oder Gentrifizierung sind dagegen eine politische Aufgabe und müssen auf dieser Ebene angegangen werden.
Mäusli: Bürger*innennähe ist unser Ziel. Wir werden so ausgebildet, dass der Mensch im Fokus unseres Handelns steht. In meinem Führungsumfeld zeige ich den Nutzen meiner Herangehensweise wann immer möglich auf. Gleichzeitig stehen die Teilnahme an den Sitzungen und soziales Engagement nicht in meinem Pflichtenheft, ich finde dies aber sinnvoll.
Schletti: Da arbeitest du wie wir niederschwellig. Das braucht Zeit. Das ist ein echter Kulturwandel.
Gibt es etwas, das die BFH dazu beitragen kann, damit die Zusammenarbeit zwischen der Sozialen Arbeit und der Polizei weiter gestärkt wird?
Mäusli: Es wäre doch eine gute Idee, wenn es an Polizeischulen auch Gefässe gäbe, die Ausbildende der Sozialen Arbeit zum Beispiel nutzen könnten, um die Kompetenzen der Polizeischüler*innen im Umgang mit Jugendlichen weiter zu stärken.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was müsste sich ändern, damit die Polizei, die Soziale Arbeit und die Bürger*innen gemeinsam zu einem sicheren öffentlichen Raum beitragen können?
Schletti: Die Gesellschaft sollte daran arbeiten, diversitätssensibel zu werden. Wir sollten Armut anders begegnen und Menschen, die in Armut leben, Würde geben. Wichtig ist, die Bevölkerung immer mitzunehmen.
Mäusli: Schwieriges Thema. Gegenseitige Akzeptanz ist wichtig. Man muss den Problemen aber auch unverstellt ins Auge sehen.