• Story

Turn to Affect: Die vergessenen Emotionen der Beratenden

23.03.2026 Die Emotionen von Berater*innen wurden in der Forschung und in der Ausbildung lange übersehen. Eine aktuelle Studie zeigt, wie Fachleute ihre eigenen Gefühle in schwierigen Beratungssituationen wahrnehmen, darüber sprechen und sie nutzen – und was dies für die Ausbildung junger, resilienter Fachkräfte bedeutet.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eigene Gefühle beeinflussen die Beratung: Emotionen von Beratenden wurden lange ausgeblendet, rücken aber im Zuge des «Turn to Affect» in den Fokus.

  • Eine neue Studie identifiziert vier typische Umgangsweisen, «Repertoires», von Beratenden mit ihren eigenen Gefühlen.

  • Damit der Umgang mit eigenen Emotionen keine «Black Box» bleibt, sind institutionell verankerte, affektorientierte Lernsettings nötig, die Mitgefühlsmüdigkeit vorbeugen und nachhaltige Professionalität fördern.

Erst seit der Jahrtausendwende rücken Emotionen und körperorientierte Ansätze zunehmend ins Blickfeld. Mit dem Fokus auf Emotionen und Körper lässt sich eine Wende erkennen, die auch als «Turn to Affect» beschrieben wurde (Wetherell, 2015). Das neugewonnene Verständnis der «Emotionen als Ressourcen» (Glasl, 2025) und der «Intelligenz des Unbewussten» (Gigerenzer, 2021) verändert den Blick auf Beratung tiefgreifend. Während es zunächst vor allem den Emotionen der Klient*innen verpflichtet war, rücken seit wenigen Jahren auch die Emotionen der Fachpersonen selbst sowie entsprechende Wechselwirkungen in den Blick.

Gleichzeitig gewann das Thema mentale Gesundheit für Fachpersonen der Sozialen Arbeit an Relevanz. So wurde aufgezeigt, inwiefern diese von erhöhten Arbeitsbelastungen sowie von psychischen und emotionalen Erschöpfungszuständen betroffen sind (Beer et al., 2021). Berufs­an­fän­ger*innen und Studierende der Sozialen Arbeit erweisen sich sogar als überdurchschnittlich stark von Überlastungssymptomen betroffen: Klient*in­nen brechen in Tränen aus, reagieren mit ungebremster Wut, äussern Suizidgedanken oder verfallen ins Schweigen. Derartige emotional herausfordernde Situationen treten häufig plötzlich und mächtig auf. Sie können gerade bei Berufsanfänger*innen das Gefühl der Überforderung erheblich verstärken (Ostendorp, 2025).

Nicht zuletzt wird als Folge davon gar eine zunehmende Mitgefühlsmüdigkeit dokumentiert (Ondrejková & Halamová, 2022). 

Emotional herausfordernde Situationen treten plötzlich und mächtig auf. Sie können gerade bei Berufsanfänger*innen das Gefühl der Überforderung verstärken.

Um Folgen wie diesen entgegenwirken zu können, wird gezielte affektorientierte Forschung zur Stärkung der Resilienz von Sozialarbeiter*innen gefordert (Crowder & Sears, 2017, S. 19) und die Notwendigkeit von Selbstfürsorgestrategien für Fachpersonen der Sozialen Arbeit betont (Griffiths et al., 2019). Daneben scheint es gerade im Kontext von Aus- und Weiterbildung ebenso unerlässlich, Emotionen von Fachpersonen im Beratungsprozess systematisch zu berücksichtigen. 

Methodisches Vorgehen

Den Ausgangspunkt der Studie bildeten eine umfangreiche Literaturrecherche zur Relevanz von Emotionen in Beratungsprozessen sowie protokollierte Gespräche mit Fachpersonen aus den Bereichen Beratung und Supervision. Auf dieser Grund­lage wurde ein Fragebogen erstellt und an 145 Beratungslernende (Studierende mit erster Praxiserfahrung) adressiert. Flankierend wurden mit Personen, die dazu an Hochschulen unterrichten, fünf einstündige Expertise-Interviews geführt. Die gewonnenen Daten wurden in der Tradition der sozialwissenschaftlichen Diskursforschung (Keller, 2011; Ostendorp, 2009) ausgewertet.

Der Blick auf die eigenen Emotionen als Berater*in

Unsere Untersuchung ging unter anderem folgender Frage nach: Welche Bedeutung kommt den Emotionen der Beratenden selbst zu? Wie nehmen sie ihre Gestaltungsspielräume in emotional herausfordernden Beratungssituationen wahr? Wie lässt sich der «Turn to Affect» in der Aus- und Weiterbildung für Beratungslernende nutzen (Ostendorp, im Druck)? 
Die Ergebnisse zeigen vier Lesarten oder «Repertoires», auf die sich die Befragten beziehen:

Das «Gschpürsch-mi»-Repertoire – Beratende sind unverwundbar 

Potenziell kritische Situationen werden als kaum oder höchstens minimal herausfordernd bezeichnet, darunter selbst extreme Ereignisse wie Suizidgedanken, Aggression oder Traumata seitens der Klient*in­nen. Teilweise wird explizit betont, dass noch keine Situation als herausfordernd erlebt wurde. Wenn Herausforderungen genannt werden, dann werden diese eher vage oder lediglich hypothetisch dargestellt: «(N)icht ernst genommen werden – das stelle ich mir mühsam vor.» Dabei wird maximal die eigene Ungeduld, wenn Klient*in­nen nicht zügig genug «vorwärtskommen», als herausfordernd beschrieben. Hier finden sich für Beratungs­personen entsprechend wenige, äusserst knappe Hinweise auf «Ruhe» und «Distanz» zum Geschehen. Damit zeigt sich ein Deutungsmuster, in dem eine verletzliche Beratungsperson mit eigenen Emotionen keinen Platz hat.

Das Klient*innen-Repertoire – Emotionen gehören dem Gegenüber

Hier bezeichnen Berater*innen jene Situationen als herausfordernd, in denen sich besonders starke negative Emotionen bei Klient*innen zeigen. Es sind unvorhersehbare Situationen, in denen das erlernte Beratungswissen rasch abgerufen werden muss, so insbesondere bei Traumata oder Suizidgedanken, aber auch bei Schweigephasen, Tränen oder Antrieblosigkeit. Mit ausschliesslichem Blick auf das Gegenüber stehen hier als Lösungsansatz Gesprächstechniken sowie strukturierende Tools im Vordergrund, so beispielsweise: «Methode anwenden, um vom Problemdenken loszukommen.» Diese Strategien sind gerade für Berufs­an­fän­ger*in­nen mit hohem Sicherheitsbedürfnis äusserst plausibel und gerade das Erlernen von Gesprächstechniken ist unbestritten zentral. Das emotionale Erleben der Situation findet jedoch auch hier keinen Platz. In Reinform angewandt, kann das zweite Repertoire daher nahtlos mit dem ersten kombiniert werden. Die beiden bilden zwei Seiten einer Medaille: Hier die starke Fachperson, dort die geschwächte Klientel. 

 

Ein Mann hält die Hände vor das Gesicht.
Wie gehen Beratende mit ihren eigenen Emotionen im Beratungsprozess um? Wie bewerten sie diese? Bildquelle: Adobe Stock

Das Support-Repertoire – Beratende brauchen Rückendeckung 

Im dritten Repertoire gehen die Befragten auf Emotionen ein und benennen die unterschiedlichsten emotionalen Herausforderungen in Beratungssituationen. So werden explizit auch Szenarien als stark herausfordernd bezeichnet, die sich auf das eigene Erleben beziehen, wie etwa «Antipathie gegenüber Klient*innen», «persönliche Beleidigungen», «Vorwürfe», «Entwertungen», «Flirtverhalten» oder kritische Problemlagen, die an eigene Erfahrungen erinnern. Als Strategien im Umgang mit der jeweiligen Situation werden konkrete Hilfestellung durch erfahrene Dritte in der Situation selbst sowie der emotionale Support im Anschluss an die Situation genannt (bspw. «Rückendeckung einholen», «Ausbildner hinzuziehen»). Wenngleich hier eigene Emotionen erstmals deutlich zum Ausdruck gebracht werden, so werden dennoch keine Lernoptionen zum selbstwirksamen Umgang mit herausfordernden eigenen Emotionen genannt. Die «rettende» Lösung kommt von aussen – von der hinzugezogenen Person.

Das affektorientierte Repertoire – an eigenen Emotionen lässt sich arbeiten

Genau wie im dritten Repertoire schätzen auch hier die Befragten spezifische Situationen als stark herausfordernd ein. Als Strategien im Umgang mit der jeweiligen Situation werden jedoch die eigene «Reflexion», der «Austausch» mit geeigneten Personen sowie «Coaching» und «Supervision» aufgeführt. Im vierten Repertoire ist damit erstmals eine pro-aktive Arbeit an und mit den eigenen Emotionen erkennbar. Zusammengehalten wird das vierte Repertoire sinngemäss von der Annahme: «Emotionen sind auf beiden Seiten wichtig, Beratende dürfen und müssen auch an eigenen Emotionen arbeiten.» Dabei erscheint der Zugang zu Lösungsstrategien jedoch eher kognitiv. Affektorientierte Zugänge und Techniken werden auffallend wenig und rudimentär genannt («bewusst atmen», «Körperübungen»).

«Wenn ich nur wüsste, wie …»

Mit Repertoire I und II wird das Bild des starken Beratenden und der schwachen Klientel reproduziert und die Erwartung an die eigene emotionale Unverwundbarkeit bedient. Das «Problem» der eigenen Emotion wird als persönlich schwächend erlebt und muss – so die Annahme – deshalb im Privaten gelöst werden. 

Dagegen werden eigene Emotionen im dritten und vierten Repertoire explizit mitgedacht. Entsprechende Äusserungen bleiben dennoch häufig auf der Ebene des Benennen-Könnens stehen. Hier lässt sich ein Theorie-Praxis-Dilemma erkennen: Zwar werden die eigenen Gefühle empfunden und ernst genommen, zum Teil sogar als stark überfordernd eingeschätzt. Möglichkeiten, mit ihnen umzugehen, bleiben jedoch meist vage, im Sinne eines «Ich weiss es ja, aber ich kann es nicht ändern». Zudem zeigen Sotoudeh, Studer und Abplanalp (2023, S. 164 f.) hinsichtlich Studierender der Sozialen Arbeit, dass das «differenzierte und vertiefte Reflektieren der eigenen Persönlichkeitsentwicklung (…) öfter von Unsicherheit und Demotivation begleitet ist». Wie ein adäquater Umgang mit Emotionen im Beratungsprozess gelingen kann, erscheint somit als gravierende Ausbildungslücke. Dieses Thema wurde in unseren Expertise-Interviews nach wie vor als «Black Box im Beratungslernen» bezeichnet. 

Literatur

  • Abplanalp, Esther & Bachmann, Manuel. (2019). Immersive Virtual Reality und Persönlichkeitsentwicklung in Hochschulausbildungen. In: Judith Studer, Esther Abplanalp & Stephanie Disler (Hrsg.), Persönlichkeitsentwicklung in Hochschulausbildungen fördern (S. 146–161). Bern: Hep.
  • Beer, Oliver W. J., Phillips, Rebecca & Quinn, Camille R. (2021). Exploring stress, coping, and health outcomes among social workers. European Journal of Social Work, 24(2), 317–330.
  • Crowder, Rachael & Sears, Alexandra. (2017). Building Resilience in Social Workers: An Exploratory Study on the Impacts of a Mindfulness-based Intervention. Australian Social Work, 70(1), 17–29.
  • Gigerenzer, Gerd. (2021). Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. München: Pantheon. 
  • Glasl, Friedrich. (2025). Konflikt, Krise, Katharsis. Emotionen als Ressourcen nutzen (Keynote). 4. Berner Beratungstagung (04.+05.09.2025). Berner Fachhochschule.
  • Griffiths, Austin, Royse, David D., Murphy, April L., & Starks, Saundra. (2019). Self-care practice in social work education: A systematic review of interventions, Journal of Social Work Education, 55(1), 102–114. 
  • Heidenreich, Thomas, Nething, Emily & Michalak, Johannes. (2021). (Selbst-)Fürsorge und Achtsamkeit als Burnoutprävention in psychosozialen Berufen. Forum Sozialarbeit + Gesundheit, 26(3), S. 39–42.
  • Keller, Reiner. (2011). Diskursforschung. Eine Einführung für Sozial­wissenschaftlerInnen (4. Aufl.). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 
  • Maurer, Julien & Löbmann, Rebecca. (2019). Emotionsregulation als Beratungsansatz in der Sozialen Arbeit. Soziale Arbeit, 68(7), S. 257–266.
  • Ondrejková, Nátalia & Halamová, Julia. (2022). Prevalence of compassion fatigue among helping professions and relationship to compassion for others, self-compassion and self-criticism. Health & social care in the community, 30(5), S. 1680–1694. 
  • Ostendorp, Anja. (2009). Konsistenz und Variabilität beim Reden über «Diversity». Eine empirische Untersuchung diskursiver Spielräume in Organisationen. Forum Qualitative Sozialforschung, 10 (2), Art. 1. 
  • Ostendorp, Anja. (2023). Eintauchen in virtuelle Realitäten. 3. Berner Beratungstagung (13.–14. Januar 2023). Berner Fachhochschule. 
  • Ostendorp, Anja. (2025). Supervisionsprozesse sind Wundertüten!. am puls. Weiterbildungsmagazin des Departements Soziale Arbeit (Vol. 1, Issue 1).
  • Ostendorp, Anja. (im Druck). Zwischen Sprachlosigkeit und riskanter Exponiertheit: Eine diskursanalytische Annäherung an den Umgang mit Emotionen im Beratungslernen. Forum Supervision. Onlinezeitschrift für Beratungswissenschaft und Supervision.
  • Sotoudeh, Shirin, Studer, Judith & Abplanalp, Esther. (2023). Beim Eintauchen wird man nass! Ein Reflexionsmodell zur Unterstützung der persönlichen Entwicklung einer professionellen Identität. In Judith Studer, Shirin Sotoudeh & Esther Abplanalp (Hrsg.), Persönlichkeitsentwicklung in Hochschulausbildungen fördern (S. 164–189). Bern: Hep. 
  • Weinhardt, Marc. (2023). Beratung lehren mit Schauspielenden. 3. Berner Beratungstagung (13.–14.01.2023). Berner Fachhochschule.
  • Wetherell, Margaret. (2015). Trends in the Turn to Affect: A Social Psychological Critique. Body & Society, 21(2), S. 139–166.
     

Raus aus der Privatheit: Fazit und Ausblick

Im Beratungslernen muss der Umgang mit Emotionen aus der Privatheit befreit und anforderungsbegründet in die Ausbildungsinhalte aufgenommen werden. Dabei ist die häufig unterschätzte Dimension von Scham und Verletzlichkeit zu berücksichtigen, die von allen Beteiligten erlebt werden kann (Ostendorp, im Druck), denn sie führt als vermeintlicher Ausweg ins erste Repertoire und befeuert die Mitgefühlsmüdigkeit als Schutzreaktion.

Der Fokus auf Emotionen der Beratenden im Beratungsprozess sollte demnach weder rein individuellen Interessen noch einer ins Private verlegten Selbstoptimierung Vorschub leisten (vgl. Maurer & Löbmann, 2019, S. 265). Vielmehr sollten in psychosozialen Berufen «Achtsamkeit und (Selbst-)Fürsorge Prinzipien [sein], die immer auch institutionell verankert sein müssen und keinesfalls als primäre oder [als] alleinige Aufgabe der Mitarbeitenden verstanden werden dürfen» (Heidenreich et al., 2021, S. 39). 

Um uns schliesslich bewusst vom Bild der unverwundbaren Beratungsperson und damit auch vom Privatisierungsdilemma verabschieden zu können, müssen wir Katalysatoren der Verletzlichkeit sowie der Mitgefühlsmüdigkeit erkennen, den Umgang mit Unsicherheiten adressieren, neurowissenschaftliches Wissen anforderungsbezogen integrieren sowie organisationale Rahmungen, einschliesslich Gefässe wie Intervision und Ausbildungssupervisionen, entsprechend gestalten. Gleichzeitig bedarf es weiterer Lehr-Lern-Forschung, auch unter Einbezug eines schauspielgestützen sowie VR-basierten Trainingsmaterials (Abplanalp & Bachmann, 2019; Ostendorp, 2023; Weinhardt, 2023).

Dabei geht es klassisch systemisch und jenseits privater Selbstoptimierung um die nachhaltige Förderung des Wechselspiels zwischen Beratungspersonen, Klient*innen und Organisationen – und damit nicht zuletzt um das Wohl der Gesellschaft.

Mehr erfahren