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Die BFH als Sprungbrett für Start-ups
10.09.2026 Aus einer Idee ein Medtech-Start-up zu machen, braucht Mut, Begeisterung und Ausdauer. Die BFH fördert bewusst unternehmerisches Engagement und bietet ein Umfeld, in dem Forschungsergebnisse in innovative Produkte umgesetzt werden. Vier Unternehmer*innen erzählen.
Thomas Niederhauser leitet das Institute for Microtechnologies and Medical Engineering IMME an der BFH-TI, das auf Basis neuster Erkenntnisse aus der Forschung innovative Produkte für die Industrie und Spitäler entwickelt. Er weiss aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, aus einer Idee ein markttaugliches Medizinprodukt zu erschaffen. «CathNova» heisst die Technologie, die er gemeinsam mit Wissenschaftler*innen entwickelt hat. Im Mai 2026 gründeten sie das gleichnamige Unternehmen dazu: CathNova ist ein neuartiger Katheter, der schwerwiegende Komplikationen bei künstlich beatmeten Patient*innen auf der Intensivstation verhindern soll. «Sedierte Patient*innen sind anfällig für Reflux, den Rückfluss von saurem Mageninhalt», erklärt Niederhauser. «Dies, weil der Schliessmuskel zwischen Magen und Speiseröhre erschlafft, wodurch Bakterien aus dem Magen in die Lunge gelangen und eine schwere Lungenentzündung verursachen können.» Der Katheter soll den Muskel mittels Neurostimulation schliessen und auch das Monitoring der Intensivpatient*innen verbessern. In Zusammenarbeit mit der Yale School of Medicine möchten die Entwickler*innen den Katheter Ende 2026 in einer Kleinserie herstellen und ausführlich testen. Erste klinische Nachweise bezüglich Effizienz und Sicherheit sollen danach den Grundstein für die US-Marktzulassung im Jahr 2028 legen.
Der Ursprung der Idee entstand bereits vor acht Jahren im Rahmen einer Masterarbeit. Die Wissenschaftler*innen mussten ihr Geschäftsmodell einer generischen Katheter-Plattform nach verschiedenen Rückmeldungen jedoch präzisieren. «Eine vielversprechende Technologie bedeutet nicht zwingend, dass daraus resultierende Medizinprodukte auch klinisch und ökonomisch relevant sind», sagt der Institutsleiter.
Enge Zusammenarbeit mit der Industrie
Diese Erfahrung mussten auch Emily Kathryn Thompson und ihr Team mit «Augury Medical» machen, einem weiteren Start-up, das aus dem Institut IMME hervorgegangen ist. Begonnen hatten Thompson und ihr Team mit einem Projekt, das die Implantation von Herzschrittmachern einfacher und sicherer machen sollte. Als sie dann mit den Ärzt*innen sprachen, erfuhren sie, dass es im Gesundheitssystem andere Bedürfnisse gab. Mit Augury Medical wollen sie jetzt Herzpatient*innen helfen, «zur richtigen Zeit die richtige Versorgung zu erhalten.»
Augury Medical ist eine Software, in die Hausärzt*innen Daten aus dem Elektrokardiogramm (EKG) oder Bluttests hochladen und diese mit dem Fachwissen von Kardiolog*innen vergleichen. Die Software empfiehlt dem Arzt die passende Spezialistin und die optimale Behandlung. Das Start-up hat bereits verschiedene Innovations-Preise gewonnen, das erste Produkt wurde im Sommer 2026 auf dem US-Markt eingeführt.
Augury Medical ist das Ergebnis eines Forschungsprojektes, das die Wissenschaftlerin vor rund neun Jahren startete. «Die BFH stellte die Grundlage für die technologische Entwicklung bereit», sagt Thompson. Es sei sehr hilfreich gewesen, dass sie auf das interdisziplinäre Fachwissen verschiedener Abteilungen zurückgreifen konnte. Sie betont die enge Zusammenarbeit mit der Industrie, die an der BFH im Fokus steht. «Die Nähe zu den Unternehmen hat uns geholfen, unseren Markt zu verstehen und schlussendlich ein Produkt zu entwickeln, das wirklich gebraucht wird und das Gesundheitssystem verbessert.»
«Wir sind im Kanton Bern in ein hervorragendes Ökosystem für Medtech-Start-ups eingebettet»
Nahe am Talent-Pool
Gemäss Niederhauser werden Bachelor- und Masterarbeiten oft in Kollaboration mit der Industrie oder mit Spitälern durchgeführt, woraus sich in der Folge auch Ideen für Start-ups entwickeln können. Die BFH bietet Zugang zu moderner Infrastruktur, zum Qualitätssicherungssystem nach ISO 13485, das bei der Zertifizierung von Medizinprodukten zwingend erforderlich ist, und zu Talenten. «Das sind beste Voraussetzungen für angehende Unternehmer*innen», sagt der Institutsleiter. Es dauere in der Medtech-Branche besonders lange, bis eine Idee in ein zugelassenes Produkt münde. In dieser Zeit brauche es viele personelle Ressourcen und unterschiedliche Expertisen. Es sei Know-how im Engineering, aber auch in Medizin, Qualitätssicherung und Marktzulassung gefragt. Die BFH verfügt über ein grosses Netzwerk, auf das Gründer*innen zugreifen können – sei es für finanzielle Förderungen, Coaching, Markt- oder klinische Studien. «Wir sind im Kanton Bern in ein hervorragendes Ökosystem für Medtech-Start-ups eingebettet», betont Niederhauser.
Eigene Geschichte als Motivation
Rahmenbedingungen und Umfeld sind das eine. Das andere sind die Personen, die die Ideen vorantreiben und als Unternehmer*innen aus der BFH hervorgehen. Lana Cvijic arbeitet als Assistentin am Institut für Patient-centered Digital Health. Ihre Produktidee «DermaMate» steht noch ganz am Anfang. Sie möchte eine App entwickeln, die Personen mit Akne durch ihre Therapie begleitet. Entstanden ist sie aus einer persönlichen Leidensgeschichte. Eine medikamentöse Therapie sei mit starken Nebenwirkungen verbunden. Die App soll Patient*innen motivieren, die Therapie erfolgreich abzuschliessen. Lana Cvijic erzählt von den technischen und konzeptuellen Fähigkeiten und vom nutzerzentrierten Denken, das sie an der BFH erlernt hat. «Insbesondere habe ich aber gelernt, wie ich eine eigene Idee in ein Projekt umsetzen kann», sagt sie. Im Masterstudium an der BFH möchte sie ihre Projektidee weiterentwickeln und dann ein Start-up gründen.
Keine Belohnung ohne Risiko
Die Begeisterung, etwas Neues erschaffen zu wollen, gehört nach Ansicht von Thomas Niederhauser zu den wichtigsten Eigenschaften von Jungunternehmer*innen. Davon erzählt auch Simon Gamero, der gemeinsam mit Patrick von Raumer eine mobile Beinpresse entwickelt hat, um die Frühmobilisierung von bettlägerigen Patient*innen zu vereinfachen (vgl. Spirit 2/2025).
Nach Abschluss des Forschungsprojekts entschieden sich die beiden Ingenieure, das Spin-off «earlyMotion» zu gründen, das Produkt als Medizinprodukt zu zertifizieren und auf den Markt zu bringen. Ein Start-up zu gründen, sei zwar mit Risiken verbunden, sagt Gamero, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut IMME arbeitet. «Etwas Eigenes zu erschaffen und Menschen zu helfen, empfinde ich aber als grosse Belohnung.»
Neuer Name für Institut HuCE
Das Institute for Human Centered Engineering (HuCE) trägt seit dem 1. Juni 2026 den neuen Namen Institute for Microtechnologies and Medical Engineering IMME.
Das interdisziplinäre Forschungs- und Entwicklungsinstitut, das sich auf die Bereiche Medizin- und Mikrotechnik fokussiert, verbindet neuste Erkenntnisse der Wissenschaft und entwickelt daraus smarte Produkte zusammen mit Industriebetrieben und Spitälern.
Das Institut verfügt über acht spezialisierte Labore mit moderner Infrastruktur, um Technologien der Zukunft zum Wohle der Gesellschaft einzusetzen – praxisnah, innovativ und vernetzt. Das Institute for Microtechnologies and Medical Engineering wird von Thomas Niederhauser geleitet.
Institute for Microtechnologies and Medical Engineering IMME