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Perinatale psychische Erkrankungen: Versorgungslücken schliessen
06.10.2026 Perinatale psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Komplikationen rund um Schwangerschaft und Geburt. Trotzdem bestehen in der Schweiz weiterhin Lücken in der Versorgung. Die BFH möchte dies ändern und entwickelt zusammen mit Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen ein Modell für eine aufsuchende psychiatrische Versorgung zu Hause.
Das Wichtigste in Kürze
- Perinatale psychische Erkrankungen betreffen jährlich rund 13'000 Frauen in der Schweiz, werden aber häufig spät erkannt und behandelt.
- Angehörige tragen einen grossen Teil der Unterstützung, werden jedoch zu wenig in die Versorgung einbezogen.
- Die BFH entwickelt eine psychiatrische Versorgung zu Hause, die frühzeitig hilft und das gesamte Familiensystem stärkt.
Für rund jede fünfte Frau wird die Zeit während der Schwangerschaft oder nach der Geburt von einer psychischen Erkrankung überschattet. In der Schweiz sind jährlich rund 13'000 Frauen von perinatalen psychischen Erkrankungen betroffen. Depressionen, Angststörungen oder Psychosen betreffen nicht nur die Mutter, sondern das gesamte Familiensystem. Dennoch werden viele Erkrankungen spät erkannt oder erst behandelt, wenn die Belastung bereits erheblich ist.
«Ich konnte nicht stillen, ich konnte nicht normal gebären, ich konnte nichts, was man eigentlich sollte.»
Wenn Hilfe zu spät kommt
Wie sich diese Versorgungslücken im Alltag auswirken, zeigen zwei Masterarbeiten der Berner Fachhochschule. Sie untersuchten die Erfahrungen betroffener Frauen und ihrer Angehörigen – und machen deutlich, weshalb familienzentrierte, ambulante Angebote dringend benötigt werden.
Viele Betroffene berichten, dass sie ihre Erkrankung zunächst selbst nicht erkannten. Scham, Schuldgefühle und der Wunsch, nach aussen zu funktionieren, erschwerten es zusätzlich, Hilfe zu suchen. Auch die gesellschaftlichen Vorstellungen und die Erwartungen, die im Widerspruch mit dem eigenen Erleben standen, wurden als belastend empfunden. «Ich konnte nicht stillen, ich konnte nicht normal gebären, ich konnte nichts, was man eigentlich sollte», sagt eine Betroffene.
Mehrere Frauen berichteten zudem von einem Wissensdefizit. Warnzeichen perinataler psychischer Erkrankungen oder die Abgrenzung zum Babyblues seien kaum thematisiert worden, obwohl perinatale psychische Erkrankungen häufig sind. Eine Interviewpartnerin sagt: «Seit ich sehr offen darüber spreche, sagt jede zweite Frau zu mir: Mir ging es auch schlecht. Ich habe nur nicht darüber gesprochen.»
Die Interviews zeigen, wie vielfältig die Symptome sind. Frauen berichten von Angst, Überreizung, Hilflosigkeit und Erschöpfung. Oft fehlt die Erinnerung an Teile der Erkrankungsphase. Manche fühlten sich emotional wie «eingefroren» oder konnten ihr Kind kaum ertragen. Zusätzlich zur Schwierigkeit, eine Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen, kamen grosse Schuldgefühle: «Ich bin vom Menschen her eine mega Perfektionistin. Das passte überhaupt nicht in mein Konzept der guten Mutter. Ich habe mich brutal dafür verurteilt», beschreibt eine Betroffene rückblickend.
Besonders belastend waren für viele Betroffene die strukturellen Hürden. Therapieplätze waren schwer verfügbar, Hilfe musste häufig selbst organisiert werden, und Unterstützungsangebote liessen sich oft nur nutzen, wenn gleichzeitig die Betreuung des Kindes sichergestellt war. Gerade in einer Phase schwerer psychischer Belastung stellte dies für viele eine kaum zu bewältigende Herausforderung dar.
Angehörige tragen die Versorgung mit
Gerade dort, wo professionelle Unterstützung fehlt, übernehmen Angehörige eine zentrale Rolle. Sie betreuen Kinder, organisieren den Alltag, koordinieren Unterstützung und tragen häufig die Hauptverantwortung für das Familiensystem. Gleichzeitig erleben viele die Situation als emotional ausserordentlich belastend. Sie berichten von Hilflosigkeit, Unsicherheit im Umgang mit der Erkrankung und permanenter Anspannung. «Ich habe gemerkt, dass ich aufpassen muss, damit es mich nicht selbst umhaut», beschreibt eine Angehörige.
Trotz ihrer zentralen Rolle fühlen sich Angehörige im Behandlungsprozess oft ungenügend einbezogen. Sie berichten über fehlende Informationen, unklare Zuständigkeiten oder mangelnde Unterstützung für ihre eigene Belastung. So sagt eine Angehörige: «Was den Kontakt zu Fachpersonen betrifft, gab es für mich eigentlich nichts. Es ist mir auch gar nicht in den Sinn gekommen, dass ich selbst Unterstützung in Anspruch nehmen könnte.»
Die Ergebnisse machen deutlich: Während Angehörige einen wesentlichen Teil der Unterstützung im Alltag übernehmen, werden ihre Bedürfnisse im bestehenden Versorgungssystem bisher nur begrenzt berücksichtigt.
«Ich habe gemerkt, dass ich aufpassen muss, damit es mich nicht selbst umhaut.»
Versorgung muss Familien mitdenken
«Aus beiden Arbeiten geht klar hervor: Es werden niederschwellige, koordinierte und flexible Versorgungsangebote benötigt, die sich am Alltag der Familien orientieren», erklärt Anna Hegedüs, Leiterin des Innovationsfeldes Psychische Gesundheit und psychiatrische Versorgung an der BFH. Unterstützung sollte möglichst früh einsetzen, die verschiedenen Berufsgruppen besser vernetzen und das gesamte Familiensystem einbeziehen.
Hilfe dort, wo Familien leben
An diesem Punkt setzt das Forschungsprojekt «Perinatale psychiatrische Hilfe zu Hause» der BFH an. «Ziel ist es, zusammen mit Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen ein Modell für eine aufsuchende psychiatrische Versorgung zu entwickeln und wissenschaftlich zu evaluieren», erklärt Anna Hegedüs. Die Unterstützung soll betroffenen Frauen eine Behandlung in ihrem vertrauten Umfeld ermöglichen und gleichzeitig Partner*innen sowie weitere Angehörige systematisch einbeziehen. Damit soll ein Unterstützungssystem entstehen, das nicht nur die Erkrankung der Mutter behandelt, sondern das gesamte Familiensystem stärkt.
Die im Artikel dargestellten Erfahrungen und Zitate stammen aus zwei qualitativen Masterarbeiten der Berner Fachhochschule. Rahel Weiss untersuchte die Perspektive von Frauen mit perinatalen psychischen Erkrankungen. Leonor Pires Da Costa widmete sich der Perspektive der Angehörigen.
Dieses Projekt wird von der Stiftung Pflegewissenschaft Schweiz gefördert. Das Vorprojekt wurde vom Swiss Center for Care@home der BFH gefördert.
Ambulante Versorgung
Ambulante Versorgung verändert das Gesundheitswesen. Immer mehr Leistungen werden dort erbracht, wo Patient*innen leben und ihren Alltag verbringen. Das eröffnet Möglichkeiten, stellt Fachpersonen und Institutionen aber auch vor Herausforderungen. In unserer Serie zeigen wir, wie sich die ambulante Versorgung entwickelt und was es braucht, damit sie wirksam, koordiniert und nachhaltig ist. Wir geben zudem Einblick in Modelle, welche die BFH gemeinsam mit Praxispartnerschaften und mit Hilfe des Swiss Center for Care@home (SCC) pilotiert, implementiert und evaluiert.