- Story
Respiratory Therapists: Unverzichtbar – doch kaum bekannt
20.04.2026 Atmungstherapeut*innen behandeln Patient*innen mit Atemfunktions-, Atemwegs- und Lungenerkrankungen und koordinieren das Atemmanagement über Versorgungsgrenzen hinweg. In der Schweiz sind ihre Kompetenzen jedoch weder klar definiert noch standardisiert – mit Folgen für die gesamte Gesundheitsversorgung.
Das Wichtigste in Kürze
- Respiratory Therapists übernehmen zentrale Aufgaben im Atemmanagement von Patient*innen, sind in der Schweiz jedoch kaum bekannt und nicht standardisiert.
- Ein BFH-Projekt untersucht ihre Kompetenzen, Schnittstellen und die Rolle im interprofessionellen Setting in der Neurologie.
- Für eine nachhaltige Etablierung braucht es ein einheitliches Kompetenzprofil, anerkannte Weiterbildungen und eine klare Verankerung im Gesundheitssystem.
Ein junger Mann mit Tetraplegie liegt nach einem Unfall in der Rehabilitationsklinik. Seine Atemmuskulatur ist geschwächt, Sekret kann er kaum selbstständig mobilisieren. Für viele Pflegefachpersonen oder Physiotherapeut*innen eine besonders anspruchsvolle Situation. Für Respiratory Therapists hingegen ist genau das der Alltag. Sie beurteilen die Atemfunktion, setzen gezielt Hustenassistenz ein, passen die Beatmung an und schulen das Team und die Angehörigen im Umgang mit der Trachealkanüle.
Respiratory Therapists oder auf Deutsch Atmungstherapeut*innen sind Spezialist*innen für respiratorisches Assessment, Sekretmanagement, Beatmung und Weaning-Prozesse. Obwohl diese Rolle in der Schweiz noch wenig bekannt ist, ist sie in verschiedenen Settings zentral: Atmungstherapeut*innen arbeiten beispielsweise in der Neurorehabilitation, in der Pneumologie oder auf der Intensivstationen. Gerade in neurologischen Settings, wo Ateminsuffizienz häufig Teil des Krankheitsbildes ist, übernehmen sie eine Schlüsselrolle.
Angesichts einer älter werdenden Gesellschaft und zunehmender Multimorbidität gewinnt spezialisierte Atmungstherapie an Bedeutung. Chronische neurologische Erkrankungen, lange Rehabilitationsverläufe und verbesserte Überlebenschancen nach schweren Ereignissen führen dazu, dass mehr Menschen mit komplexen respiratorischen Einschränkungen leben. Damit steigt der Bedarf an Fachpersonen, die Atemfunktion systematisch beurteilen, Komplikationen früh erkennen und Übergänge zwischen Akutversorgung, Rehabilitation und häuslichem Setting professionell begleiten.
Fehlendes Kompetenzprofil führt zu Versorgungslücke
Während Respiratory Therapists in den USA eine eigenständige und anerkannte Berufsgruppe mit standardisierter Ausbildung sind, ist die Situation in der Schweiz anders. Die Berufsbezeichnung ist weder geschützt, noch gibt es eine einheitliche Ausbildung. Wer hierzulande als Atmungstherapeut*in arbeitet, hat meist eine Grundausbildung in Physiotherapie, Logopädie, Pflege oder, in seltenen Fällen, auch Ergotherapie und spezialisiert sich über interne Weiterbildungen, Kurse an Hochschulen oder Ausbildungen im Ausland. Ein einheitliches Kompetenzprofil fehlt.
Das ist ein Problem: Ohne Kompetenzprofil sind Zuständigkeiten nicht geklärt, Institutionen können keine gezielten Stellen schaffen, die Abrechnung ist unklar und es gibt keinen Ausbildungsweg. «Angesichts des steigenden Bedarfs an Atmungstherapeut*innen läuft die Schweiz in diesem Bereich in eine Versorgungslücke», sagt Flora Stojkaj. Die Physiotherapeutin ist selbst in der Neuropädiatrie tätig. Im Rahmen eines vom Berufsverband Physioswiss finanzierten Forschungsprojekts untersucht sie zusammen mit ihrer Kommilitonin Carmen Brun die Rolle von Atmungstherapeut*innen im neurologischen Setting. Die beiden Master-Studentinnen befragten Respiratory Therapists, Patient*innen sowie Fachpersonen aus neurologischen Kliniken und Rehabilitationssettings. Untersucht wurden Erwartungen an ein neurologiespezifisches Kompetenzprofil, Erfahrungen in der interprofessionellen Zusammenarbeit auf Neurostationen, die Patient*innenzufriedenheit gegenüber den Respiratory Therapists und die mögliche Implementierung der Rolle in interprofessionelle Teams.
Fachliche und politische Anerkennung ist nötig
«Viele Atmungstherapeut*innen freuten sich ausdrücklich, über ihre Tätigkeit sprechen zu können», erzählt Carmen Brun. Sie wertet dies als einen Hinweis darauf, dass sie sich in ihrem beruflichen Umfeld häufig wenig wahrgenommen und in ihrer Rolle zu wenig sichtbar fühlen. Die Umfragen und Interviews der beiden Forscherinnen zeigen, dass Respiratory Therapists im interprofessionellen Umfeld als wichtige Schnittstelle zwischen Pflege, Physiotherapie und ärztlichem Dienst beschrieben werden. Gleichzeitig berichten viele von unklaren Zuständigkeiten, fehlender struktureller Einbettung, begrenzten Entwicklungsmöglichkeiten und einer Vergütung, die ihre Verantwortung nicht angemessen abbildet.
«Aus unserer Sicht wäre eine Qualitätssicherung der Kompetenzen von Atmungstherapeut*innen notwendig, damit sich die Rolle auch in der Schweiz etabliert», sagt Flora Stojkaj. Die Forscherinnen denken an eine Spezialisierung im Rahmen von Advanced-Practice-Studiengängen oder einheitliche Weiterbildungen. Ein klar definiertes und erweitertes Kompetenzprofil würde zudem die Ärzteschaft entlasten: Heute werden Ärzt*innen aus rechtlichen Gründen oft für respiratorische Entscheidungen beigezogen, obwohl Respiratory Therapists in diesem Bereich über ausgewiesene Expertise verfügen. Eine formale Rollenklärung könnte Verantwortlichkeiten präzisieren und Prozesse effizienter gestalten.
Zum Projekt: Respiratory Therapists in der Neurologie
Im Auftrag des Berufsverbands Physioswiss erfasst die Forschungsgruppe unter der Leitung von Prof. Dr. Anja Raab die erweiterten Kompetenzen und Skills von «Respiratory Therapist» bei ihrer Tätigkeit im neurologischen Setting. Zudem definiert die Gruppe das Kompetenzprofil und beschreibt die Schnittstellen zu anderen Berufsgruppen.
Entscheidend bleibt die Finanzierung. Solange die Funktion von Respiratory Therapists nicht klar definiert, tariflich verankert und abrechenbar sind, bleibt die Rolle strukturell fragil. Ohne adäquate Vergütung lassen sich weder spezialisierte Stellenprofile schaffen noch nachhaltige Karrierewege entwickeln.
Carmen Brun betont, dass die Bedeutung von Respiratory Therapists selbst im neurologischen Setting bislang zu wenig bekannt ist. Neben der fehlenden Sichtbarkeit fehlt auch jegliche politische Vernetzung von Atmungstherapeut*innen. Mit ihrer Forschung wollen die beiden Master-Studentinnen die wissenschaftliche Basis für eine gesundheitspolitische und fachliche Verankerung liefern.
Professionsentwicklung im Gesundheitswesen
Professionsentwicklung ist zentral für die Qualität, Attraktivität und Zukunftsfähigkeit der Gesundheitsversorgung. Sie zeigt sich im beruflichen Alltag, wenn Fachpersonen ihr Handeln reflektieren, neues Wissen umsetzen und ihre Rollen weiterentwickeln. Gleichzeitig betrifft sie die Professionen als Ganzes: die Klärung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die Entwicklung von Standards und die Stärkung professioneller Identität. Dabei stellt sich die Frage, wie individuelles Lernen und kollektive Entwicklungen zusammenspielen. Wir geben Einblick in Forschungsprojekte, Weiterbildungsangebote und Praxisbeispiele und zeigen, wie Professionsentwicklung im Gesundheitswesen konkret gelebt und weitergedacht wird.